[London] 7 Dec. 1852
…Ihr erhaltet einliegend: 1. Ein Manuskript von mir: Enthüllungen über den Kölner Kommunistenprozeß. Dies Manuskript ist gestern nach der Schweiz abgegangen, um dort gedruckt und von da als Étrennes1 für die Herren Preußen nach Deutschland geschleudert zu werden. Du sollst es drüben drucken lassen, wenn Du glaubst, auf dem amerikanischen Markt wenigstens die Produktionskosten herausschlagen zu können. Wenn mehr, tant mieux2. Betreffendenfalls müßte in der Presse voraus aufmerksam gemacht werden, um die Neugierde zu spannen. Die Broschüre soll in Amerika, für das eventuelle Erscheinen, wie in der Schweiz anonym gedruckt werden. Ihr werdet den Humor der Broschüre zu schätzen wissen, wenn Ihr erwägt, daß ihr Verfasser durch Mangel an hinreichender Hintern- und Fußbedeckung so gut wie interniert ist und außerdem wirklich widrige Misère über seine Familie jeden Augenblick hereinbrechen zu sehen bedroht war und ist. Der Prozeß brachte mich noch tiefer in die Patsche, indem ich 5 Wochen, statt fürs Brot zu arbeiten, für die Partei gegen die Regierungsmachinationen arbeiten mußte. Außerdem hat er mir deutsche Buchhändler, mit denen ich hoffte, einen Kontrakt wegen meiner Ökonomie abzuschließen, total abspenstig gemacht. Endlich brachte mich die Verhaftung Bermbachs um die Aussicht, die durch Dich übersandten „Brumaires“ – schon Mai waren 300 durch ihn bestellt – zu verwerten. So Holland in Not. Hier in London habe ich allgemein verbreitet, die Broschüre werde in Nordamerika gedruckt, schon um hinter dem Rücken der Preußen die Diversion von der Schweiz aus machen zu können. Sie ahnen, daß etwas im Gang ist, und werden jetzt in Hamburg, Bremen und Lübeck douaniers3 und Polizisten aufpassen lassen.
2. Erhältst Du einen Geldaufruf für die Kölner Gefangenen und ihre Familien. Laßt die Sache in verschiednen Blättern drucken. Vielleicht ist es gut, wenn auch Ihr dort Komitees bildet. Es handelt sich hier um eine Parteidemonstration. Du siehst, daß Ernest Jones direkt als Parteimitglied auftritt. In einer Vorbemerkung könntet Ihr vielleicht, mit Eurer Unterschrift, speziell hervorheben, daß es sich hier nicht um einen Revolutionsbettel in Kinkelscher etc. Weise handelt, sondern um einen bestimmten Parteizweck, den die Ehre der Arbeiterpartei zu erfüllen gebietet.
Eine längere Erklärung (gez. von mir, Lupus, Freiligrath und Engels)4 über die Regierungs-Infamien in dem Kölner Prozeß ist in verschiedenen Londoner Blättern erschienen. Was die preußische Gesandtschaft namentlich kränkt, daß die feinsten und respektabelsten Londoner Wochenblätter „Spectator“ und „Examiner“ diese ungeschminkte Denunziation der preußischen Regierung aufgenommen haben.
Der „Morn[ing] Advertiser“ hat Deinen Brief5 nicht gebracht; sollte er Lunte gerochen haben?
Die Notiz der „Ab[end]z[eitung]“, die Ihr mir heute zugeschickt, wonach ich der Polizei etc. etc., ist eine Infamie des Herrn M.Groß, wozu er von einem beliebigen Willichianer in New York sollizitiert6 ist. Welche Rolle dieser „ehrliche“ Willich in dem Kölner Prozeß spielt, ersiehst Du aus meinem Manuskript. Ich habe noch mit vielem zurückgehalten, teils um den literarischen Plan des Ganzen nicht zu stören, teils um den Kerl, falls er – wie ich kaum hoffe – den Mut hat zu antworten, mit neuem Pulver bedienen zu können.
Die Briefe von Fickler amüsieren mich. Blind, der jetzt hier mit seiner Frau wohnt, erzählt mir, daß Fickler, der Biedermann Fickler, während der Industrieausstellung ein großes Haus gemietet und prachtvoll ausmöbliert hatte, um es wieder zu vermieten. Die Spekulation schlägt fehl. Fickler brennt nicht nur seinen Gläubigern nach Amerika durch. Er brennt durch, ohne seine mannbare, bei ihm wohnende Tochter im geringsten von seinem Plan zu unterrichten und ohne ihr einen Centime Geld zurückzulassen. Sie wurde natürlich aus dem Hause herausgeworfen. Was aus ihr später geworden, weiß man nicht. Der Biedermann Fickler!
In bezug auf Proudhon seid Ihr beide im Recht. Massol hat sich Illusionen gemacht, weil Proudhon in seiner gewohnten, industriellen Marktschreierei einige Ideen von mir, als seine „neuesten Entdeckungen“ adoptiert hat, z.B. es gebe keine absolute Wissenschaft, aus den materiellen Verhältnissen sei alles zu erklären etc. etc. In seinem Buch über Louis Bonaparte bekennt er offen, was ich aus seiner „Philosophie de la Misère“ erst deduzieren mußte, nämlich daß der petit bourgeois sein Ideal ist7. Frankreich, sagt er, besteht aus 3 Klassen: 1. Bourgeoisie, 2. Mittelklasse (petit bourgeois); 3. Proletariat. Der Zweck der Geschichte, speziell der Revolution, ist nun, Klasse 1 und 3, die Extreme, in Klasse 2, die richtige Mitte, aufzulösen, und dies wird bewerkstelligt durch die Proudhonschen Kreditoperationen, deren Schlußresultat die Abschaffung des Zinses in seinen verschiedenen Formen ist.
Gen[eral] Vetter wird Weydem[eyer] in New York und Dich in Washington aufsuchen.
Ad vocem8 Kossuth. Als ich durch Eure Zusendungen den ersten Skandal der deutsch-amerikanischen Blätter über meine „private correspondence“ an die „Tribune“9 erfuhr, schickte ich unter der Firma: „your private correspondent“ eine Erklärung10 an die „Tribune“, die in kurzem folgendes enthielt: (Folgt der bekannte Inhalt11) – Aber nun weiter. Als ich von Dir den Ausschnitt erhielt, worin ein Sekretär Kossuths mich für einen infamen Verleumder etc. erklärt und zugleich für Pierre12 wirkt etc., ließ ich Mr. Kossuth den Inhalt meiner ersten Erklärung an die „Tribune“ wissen und bat den Herrn, sich definitiv zu erklären. Kossuth nun ließ mir antworten: 1. auf Ehrenwort: er besitze keinen Sekretär; vielleicht habe Benningsen in Amerika, früher sein Kanzlist, sich diese Würde angemaßt; und 2. die angebliche Erklärung habe er erst durch mich kennengelernt (ich hatte ihm nämlich den corpus delicti, den in Deinem Brief einliegenden Zettel, überschickt); 3. für meine „warning“13 sei er dankbar und ließe mich abermals auffordern, doch an irgendeinem dritten Ort mit ihm zusammenzukommen. – Nächsten Freitag schreibe ich Punkte 1 und 2 wieder an die „Tribune“14. Halte mich au fait15 dieser Geschichte.
Ad vocem Kinkel. Kinkel trieb sich also als Vorleser über neuere Poesie etc. in Bradford und Manchester herum, wo er den Judendeutschen als pfäffisch-ästhetisch-liberaler Parasit die Cour machte. Von seinen ästhetischen Hochtaten haben mir Ohrenzeugen seiner Vorlesungen folgendes berichtet: Er kündigt eine Vorlesung über Goethes Faust in Bradford an. 3 Shill. pro Kopf für die Zuhörer. Auditorium voll. Erwartung groß. Was tut Gottfried? Er liest den Faust vor, von vorn bis hinten und nennt dies eine Vorlesung über Faust. Natürlich war Gottfried so klug, diese Prellerei für seine allerletzte Vorlesung aufzusparen. – In Manchester erklärt Gottfried, „Goethe sei kein Dichter, er reime ‚erbötig‘ und ‚Venedig‘; aber Immermann sei der größte deutsche Dichter“. Ferner: „Ich darf es wohl sagen. Unter den neuesten deutschen Dichtern haben sich 3 vor allen der Gunst des Publikums erfreut – Herwegh, Freiligrath und – ich darf es wohl sagen: Gottfried Kinkel.“
Aber der gemütliche Gottfried hielt auch Vorträge über Politik, z.B. über die Parteien in Nordamerika. Da erklärte er denn in Manchester und Bradford: „Ich habe Ihnen zwar angekündigt, ich wolle über die amerikanischen Parteien sprechen, z.B. Demokraten, Whigs, Free Soilers etc. Aber in Wahrheit gibt es in Amerika ebensowenig noch Parteien wie in Europa. Es gibt nur noch die Eine große Partei der Liberalen, und dies würde sich auch in Deutschland zeigen, wollte man der besiegten Partei erlauben, in ihre alte Stellung zurückzutreten.“ Endlich sprach Gottfried von den Mormonen, von denen er unter anderm wußte: „Wer alle irdische Sorge los sein will, der begebe sich unter die Mormonen“ etc. In Bradford glaubte man nach seinen Äußerungen sogar daran, daß er Mormonenagent sei. Übrigens verließ Gottfried Kinkel die beiden Fabrikstädte mit der tiefgefühlten Überzeugung, daß er sich nie wieder sehen lassen dürfe.
Becker16 in den Assisenverhandlungen in Köln hat sich und die Partei blamiert. Es war mit ihm von vornherein übereingekommen, daß er als Nichtbundesmitglied17 auftreten und sich die Kundschaft bei der demokratischen Kleinbürgerschaft nicht verderben solle. Aber plötzlich erfaßt ihn – seiner theoretischen Bildung nach ist er sehr schwach, in kleinlicher Ambition aber etwas stark – der Schwindel. Er will sich auf Kosten der Kommunisten als der große Mann der Demokratie gerieren18. Er will nicht nur platterdings freikommen, sondern auch die Lorbeeren des Prozesses persönlich ausbeuten. Er bleibt nicht nur unverschämt, er wird gemein.
Nun schließlich noch ein paar Worte über Frankreich: Bonaparte, der immer vom Pump gelebt, glaubt das goldene Zeitalter in Frankreich nicht besser herstellen zu können, als indem er die Pumpanstalten allgemein und allen Klassen möglichst zugänglich macht. Seine Operationen haben die doppelte Güte: Sie bereiten eine furchtbare Finanzkrise vor, und – sie zeigen, worauf Proudhons Kreditmanöver, praktisch ausgeführt und nicht im Dusel der Theorie gehalten, hinauslaufen, nämlich auf einen seit Laws Zeiten unerhörten Agiotage-Schwindel.
Die Orleanisten – ich kenne einen ihrer Agenten sehr genau – sind ungeheuer tätig. Thiers ist in diesem Augenblick hier. Sie haben viele Verbündete in der Armee und in der unmittelbaren Umgebung Bonapartes. Sie wollen ihn (im Januar) in seinem Bett morden. Nous verrons.19 Ich werde jedenfalls 14 Tage vor ihrem Attentat unterrichtet sein und durch die geheime Gesellschaft der „frères et amis“20, der ich angehöre, die revolutionär-proletarische Partei in Paris unterrichten. Wenn die Orleanisten die Kastanien aus dem Feuer nehmen, sollen sie dieselben keinesfalls essen.
Sollten Heinzen etc. mit dem Auftreten Beckers in Köln renommieren, so daß wir alle kompromittiert werden, so erkläre Du mit Deiner Namensunterschrift, daß Becker Mitglied der Kommunistengesellschaft war, der mich noch kurz vor seiner Verhaftung zu einer Schrift gegen die Demokraten aufgefordert, in bezug auf die Angriffe Heinzens und Ruges mir aber geschrieben habe, diesen elenden Verbündeten von Müller-Tellering nicht zu antworten. Du machst natürlich von dieser Waffe nur Gebrauch, wenn es absolut nötig ist. Du behauptest dann direkt, Becker sei der Verabredung gemäß aufgetreten, habe aber seine Rolle zu sehr outriert21, nicht geschickt genug gespielt, und das sei alles, was man ihm vorwerfen könne.
K.M.
Nach: Briefe von Cluß an Weydemeyer vom 6. und 7.Januar 1852.