Lieber Weydemeyer,
Wir haben das I. Heft der „Rev[olution]“ erhalten, hatten aber immer noch gedacht, Du würdest es möglich machen, das Gedicht von Fr[eiligrath] über Kinkel noch hineinzubringen, was die Kosten doch nicht sehr gesteigert haben kann. Daß der Druck so eng und das Format so groß ist, war bei den mangelnden Geldmitteln nicht zu vermeiden, ist aber sehr schade, da es das Lesen sehr erschwert, besonders bei den sinnentstellenden Druckfehlern. Was uns aber verwundert, ist die Schwierigkeit, die Du findest, uns die bestellten 300 Exemplare anders als per Post zu schicken. Deine Bekannten dort, Helmich und Korff, müssen doch kolossale Esel sein, wenn sie Dir nicht einmal sagen können, daß die Postdampfer auch Pakete und sogar schwere Warenballen mitnehmen und daß auf dem Büro dieser Dampfer – freilich nicht auf der Post – alles Nähere wegen Fracht pp. zu erfragen ist. Wo das Büro dieser Dampfer ist, steht in jeder Zeitungsannonce, die immer durch ein dortiges Haus unterzeichnet ist. Noch mehr, es gibt eine Masse Spediteure, die sich mit der Besorgung von dergl. befassen, zum Beispiel Edwards, Sandford & Co. in Liverpool und London, die auch ein Haus in New York haben. Das Paket wird einfach adressiert wie folgt:
(oben) per ... Steamer
care of Messrs.1 Edwards, Sandford & Co., Liverpool
darunter: F. E.
care of Messrs. Ermen & Engels
Manchester.
Printed books, not bound.2
Das ist alles, und so expediert kostet es ein paar Schillinge, die Ermen & Engels tragen können. Daß aber Leute wie Helmich und Korff, die so lange in New York sind und noch dazu gewissermaßen Geschäfte treiben, daß die solche Dinge nicht wissen, die hier jedes Kind weiß, das ist doch zu arg. – Die „Turn-Zeitungen“ sind hier oder in London bis jetzt nicht eingetroffen; frag' doch auf dem dortigen Postbüro nach.
Die Druckkosten sind kolossal; für £ 5.– per Bogen, was kaum mehr ist, als was Du hast zahlen müssen, können wir in London ebenso die Sache gedruckt bekommen. Das Papier müßte drüben doch wohlfeiler sein, da hier eine inländische Steuer von 1½ d. (3 cents) per ℔ darauf lastet. Erkundige Dich doch einmal bei dortigen Papiergrossisten nach dem Preis und teile ihn uns mit.
Alles, was für Europa bestimmt ist, schick nur hieher. Marx hat einen deutschen Buchhändler in London, der solid ist, von ihm zudem kontrolliert werden kann und der den Vertrieb sowohl hier wie in Deutschland, Schweiz pp., gegen billige Prozente besorgt. Wenn also bei Ankunft dieses Briefes das Paket mit den 50 Exemplaren für London und 250 für Köln noch nicht abgegangen ist, so benutze die Gelegenheit, um noch so viel beizupacken als Du für den deutschen Buchhändlerabsatz für zweckmäßig und entbehrlich hältst. Sollte es aber schon fort sein, so warte mit weiteren Zusendungen, bis wir Dich dazu auffordern. Hier werden wir den Preis natürlich höher setzen, schon wegen der Unkosten und der Buchhändlerkommission. 15 Silbergroschen kann der deutsche Philister schon zahlen.
Da das zweite Heft ausschließlich die Freiligrathschen Gedichte bringen soll, so wird es gewiß schon gedruckt sein. Diese Sachen, besonders das Kinkelgedicht, dürfen keinen Moment länger aufgeschoben werden als unvermeidlich. Eigentlich hätte dies Ding schon in irgendeiner Weise herauskommen müssen, als Kinkel nach New York zurückkam; aber je länger es liegt, desto mehr verliert es an Aktualität, und auch die am meisten für die Ewigkeit geschriebenen Sachen haben eine gewisse Zeit, wo sie besonders gut sich rentieren und wo sie am zeitgemäßesten sind. Da ich aber speziell nicht für die Ewigkeit, sondern vielmehr für die unmittelbare Gegenwart schreibe, so wird es mit meinem Artikel über die engl. Bourgeoisie wohl noch etwas lange werden, besonders, da eine solche Arbeit, in einer Zeitung oder Wochenschrift stückweise und unter anderem Material sehr passend, doch in einer Revue, wo sie schon der Ausdehnung nach den Hauptraum wegnimmt, nicht aktuell, nicht interessant genug für das amerikanisch-deutsche Publikum ist. Außerdem kann Herr Derby bis zum August sehr gut purzeln, und das sind wieder kitzlige Geschichten zum Prophezeien.
Dronke wird dem Korff für seinen guten Willen verknüpft sein, denkt aber nicht daran, nach Amerika zu gehn, da er soeben als Agent für ein Pariser Haus ein Geschäft in Zigarrenetuis pp. en gros angefangen hat.
Übrigens steht weder Dronke noch irgendeiner von uns mit dem Korff auf dem alten Bummelverhältnis aus den ersten Monaten der „N[euen] Rh[einischen] Z[eitung]“; wir wissen noch zu gut, unter welchen Verhältnissen K[orff] von der Zeitung entfernt werden mußte, und daß er nachher in New York meine ungarischen Artikel unter seinem Namen abdrucken ließ. Vielleicht kann er Dir in Kleinigkeiten nützlich sein, doch ist es gut, wenn Du ihm nicht über den Weg traust, und ganz besonders wünscht Marx, daß K[orff] seine Nase aus den Verbindungen zwischen M[arx] und Dana heraushält, wo er schon jetzt irgendeine Stänkerei angerichtet zu haben scheint. Die Stelle in Deinem Brief: Wie wenig mit der „Tribune“ für unsre Sache anzufangen ist, davon werde M[arx] schon durch Danas eignen Brief sich überzeugt haben, – ist uns nämlich total unverständlich, da D[ana] an M[arx] einen äußerst freundschaftlichen Brief geschrieben, worin er nicht nur um Fortsetzung der deutschen3, sondern auch um andre Artikel bittet. Es kann uns gewiß nicht konvenieren, wenn K[orff] dort in irgendeiner Weise als der Repräsentant oder Champion von einem von uns in persönlichen Angelegenheiten sich vordrängt.
Da die amerikanische Ausstellung sich so verzögert, so wird es besser sein, wenn Du in der Ledergeschichte4 keine weiteren Schritte tust, bis Du wieder von uns darüber hörst. Marx ist gerade hier und kann daher mit dem Ungarn5 nicht augenblicklich sprechen. Wir sind hier nämlich jetzt mit einer sehr interessanten und amüsanten Arbeit6 beschäftigt, die sofort gedruckt wird und von der wir Dir gleich nach Empfang der ersten Exemplare eins zusenden werden, wo wir dann auch näher darauf eingehn können, inwiefern Du die Sache benutzen und vielleicht Geld zu neuem Broschürendruck daraus schlagen kannst, denn es wird diesmal eine Sache, die unfehlbar zieht. – An Eccarius ist wegen des Schlusses geschrieben7, es wird wenig zuzusetzen sein, da die Arbeiter, wie natürlich, geschlagen sind.
Unser lieber, braver Willich hat ein großes Unglück gehabt. Die Baronin Brüningk hatte die preußischen Lieutenants in London und andre dergl. große Männer wöchentlich einmal zum Essen bei sich, wobei sie dann mit diesen galanten Rittern etwas zu kokettieren pflegte. Unser tugendfester Willich, dem dies das Blut gewaltig in den Kopf getrieben zu haben scheint, befindet sich einst in einem Tête-à-tête mit der jungen Dame, als ihn plötzlich ein Anfall rasender Brunst überfällt und er ganz unvorbereitet einen etwas tierischen Anfall auf sie macht. Madame aber hatte das Ding so nicht gemeint und ließ unsern Keuschheitsritter sans façon8 zur Türe hinausschmeißen.
„Wohl dem, der noch die Tugend liebt,
Weh dem, der sie verlieret! – – –
Da ward ich armer Jüngeling
Zur Tür hinausgeschmissen“ –
und der sittlich reine Stoiker, der sonst weit mehr Sympathie für junge blonde Schneidergesellen als für hübsche Frauenzimmer hatte, kann sich gratulieren, daß er sich nicht schließlich „zu Kassel auf der Wache“ wiederfand für diesen unwillkürlichen, naturwüchsigen Ausbruch seines so lange in Ketten geschlagenen physischen Ichs. Die Sache ist konstatiert und zirkuliert mit großem Jubilo in ganz London. Übrigens ist Aussicht vorhanden, daß Ihr diesen Edlen in nicht gar zu langer Zeit in New York habt. Hier schwindet dem Mann, „der sich der Achtung aller Parteien, auch seiner Feinde erfreut“, täglich mehr der Boden unter den Füßen; mit Kinkel und Schapper, seinen beiden Stützen rechts und links, hängt er nur noch aus widerwillig (und bei Kinkel aus Geldrücksichten) zusammen, da er beide haßt und sie ihn; von der niedern Flüchtlingschaft hat er mehrmals Keile besehen und seitdem sich von ihr zurückgezogen. Diese letzte Geschichte wird es ihm unmöglich machen, je wieder in Häuser zu kommen, wo Frauenzimmer sind – und dazu ist sein Tugendschimmer jetzt dahin. Dagegen hört er in New York von dem Zusammenhalt der Männer des Willischschen Korps und hat den edlen Weitling da – sobald also namentlich die Gelder ihm nicht mehr so reichlich aus der Anleihekasse zufließen, wird er sich wohl drücken. Auch hat er bereits den Heise aus Kassel als seinen Apostel vor sich hergeschickt – dieser Kerl gehört zu seiner persönlichen Umgebung. Ferner schickt er als zweiten Vorläufer jetzt den armen alten Mirbach herüber, der aus purer bittrer Not ihm in die Hände geraten und bei seiner gänzlichen Unbekanntschaft mit den Emigrationsantezedzien9 und seiner theoretischen Konfusion natürlich durch die edlen Manieren bestochen wurde. Dieser ist au fond10 ein sehr guter Kerl, politisch null, aber sonst honorig und militärisch mir 10mal lieber als alle die Londoner großen Männer. Er kam zu Marx, aber nie ohne die Überwachung des Knoten Imandt und des biedern Esels Schily, so daß man nie offen mit ihm sprechen konnte.
In Amerika wäre dieser Willich an seinem Platz, die alte Rotté in New York, die jetzt ganz verwildert und in rowdies und loafers11 aufgegangen sein muß, würde ihn sehr bald satt bekommen und windelweich prügeln – schon hier war sein Verhältnis zu den Schweinkerls zuletzt das saukommune einer Spitzbubenbande, die sich über den Raub in die Haare gerät –, und sein Freund, der erfahrene Schwindler Weitling, würde ihm ebenfalls eine glänzende Zukunft bereiten.
Doch ich muß jetzt schließen. Marx läßt grüßen – viele Grüße von uns beiden an Deine Frau.
Dein
F. E.
Manchester, 11. Juni 1852