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Marx und Engels an Joseph Weydemeyer
in New York

28.Mai 1852
Manchester

Lieber Weiwei!

Ich bin hier ein paar Tage mit Engels zusammen, wo ich Deinen Brief vorfand. Du mußt Dich heute mit ein paar Zeilen begnügen.

Der Hauptzweck meines Schreibens ist, Dich zu avertieren1 über 3 Subjekte, die in Amerika ankommen werden:

1. Heise (von der Kassler „Hornisse“) Agent von Willich (der hinter dem Rücken Kinkels, mit dem er schlecht steht, W[illich]s Ruhm zu verbreiten sucht). Apropos. Herr Willich gehörte zu den Cavaliere servante2 der Baronin von Brüningk, wo er, Techow, Schimmelpfennig etc. einmal die Woche Freitisch hatten. Die Brüningk ist ein kokettes Weibchen, und es macht ihr Spaß, den alten Bock, der den Aszeten spielt, zu stacheln. Eines Tags machte er eine direkte fleischliche attaque auf sie und wurde nun schimpflich vor die Tür gesetzt. Den Heyse kontrolliere und traue ihm nicht quer über den Weg.

2. Schütz aus Mainz. Kinkelianer. Mitglied des Committees für die Verwaltung der europäisch-amerikanischen Nationalanleihe.

3. Conrad Schramm. Er hat ein sehr vorsichtig abgefaßtes Kreditiv von uns in Händen, so daß er ohne Dich keinen Schritt tun kann. C. Schramm hat sich in der Verbindung mit seinem Bruder und den übrigen Freunden seines Bruders von Zeit zu Zeit nicht ganz sauber gehalten. Man muß ihm nicht unbedingtes, sondern ein wohlabgemeßnes Vertrauen schenken. Er hat sich ferner hier in den ungünstigen Verhältnissen sehr verbummelt, ist in Geldsachen durchaus unsicher und nicht sehr wählerisch, neigt zu Commis-voyageurs-Bravados und Renommistereien, kann also leicht seine Umgebung kompromittieren. Andrerseits hat er auch manche gute Eigenschaft. Ich halte es für Pflicht, Euch im voraus au fait3 zu setzen. Teil auch Cluß diese Notizen mit.

Was den Brief von Lupus angeht, so mußt Du ihn nicht zu wörtlich nehmen. Wolff schrieb in einem aufgeregten Moment und weiß die vielen Hindernisse, die sich Dir in den Weg legten, sehr gut zu würdigen.

Vergiß nicht, mir das nächstemal einen ausführlichen Bericht über das „Willichsche Korps“ in New York zu schicken.

Grüß Deine Frau bestens von mir. Ich hoffe, daß die Sachen „trotz alledem“ sich noch machen werden.

Dana hat mir geschrieben, er wolle einen Aufsatz über die Kölner machen, sobald Du ihm die Notizen mitgeteilt. Geh also zu ihm. Die Kölner kommen Juni vor eine Extra-Assise. Daniels soll die Schwindsucht haben, Becker4 halb erblindet sein. Mach ja die Sache rasch mit Dana ab und schick mir den Artikel. Er dient der Frau Daniels zum Troste.

Dein
K. Marx

Lieber Weydemeyer!

Was Heise angeht, so habe ich ihn in der Pfalz kennengelernt. Demokratischer Bummler, gern bereit, schlechten Witzen über Gott und die Welt zuzuhorchen, aber ebenso bereit, mit Gott und der Welt sich in demokratisch-wichtigtuende Welteroberungs- und Befreiungspläne einzulassen. In der letzten Zeit – seit er in London – sich bloß mit den andern abgebend, nie bei uns gewesen; jetzt natürlich ganz in den Händen der andern. Sonst keine Zeit zu mehr. Grüß Deine Frau.

Dein
F. E.