[London, um den 10.Mai 1852]
...Inliegend findest Du ein Postkuvert, das der nichts würdige, feige und halbverrückte Tellering – einlag sein Schmier-Opus – mir per Post zugeschickt hat. (Adresse:) Charles Marx, the future Dictator of Germany1. Nun frage ich Dich, was kann ich mit dem Hund anfangen? Öffentlichen Skandal mit einem solchen Hirntollen anzufangen, wäre zu viel Ehre für ihn und ist der ganze Zweck seines Manövers. Kannst Du nicht in meinem Namen das Kuvert des Maniac2 an die New-Yorker Postexpedition einsenden? Oder ist es nicht der kürzeste Weg, ihn einmal gehörig prügeln zu lassen? Ich überlasse Dir das Ganze. Natürlich werden ähnliche Zusendungen später retour gehen. Aber der Hund macht durch dergleichen Gassenbubenstreiche zugleich die englische Polizei aufmerksam auf mich, was unter den Tories durchaus nicht angenehm ist...
Ad vocem3 Szemere: Ich bin von Natur durchaus nicht zu übergroßem Vertrauen geneigt, am wenigsten, wenn es sich um offizielle Größen von 1848/49 handelt. Allein mit S[zemere] steht die Sache anders. Ich korrigiere die deutsche Übersetzung – denn er schreibt ursprünglich magyarisch – seiner „Charakterbilder“. Jede Zeile darin verrät einen überlegenen Geist, und die Wut der Demokraten erklärt sich aus dem contempt and mockery-system4, das er mit ausgezeichnetem Geschick handhabt. Obgleich natürlich dem Standpunkt Ungarns entsprechend in altklassischer Weise das „Vaterland und den Bürger“ über alles stellend, durchweht ein durchaus kritischer Sinn seine Schrift. Ein Mann, der so denkt und so schreibt, ist kein östreichischer Agent. Was den „dear Colonel Webb“5 anbelangt, so stand er mit ihm in Unterhandlungen, ohne ihn zu kennen, brach sie aber sofort ab, als ihm Aufklärung zugekommen war. Die Vermögensgeschichte ist sehr einfach. Szemere selbst besitzt keinen Centime. Er hat aber die Tochter eines(nun gestorbenen) österreichischen „Hofagenten“ (so heißen die östreichischen Procureurs du roi6 in Ungarn) zur Frau, deren Alter ein Vermögen von Einer Million besaß. Während der ganzen Revolution 1848/49 lebte Frau Szemere bei ihrer Mutter in Wien. Er hatte ihr sogar untersagt, ihm zu schreiben, sondern alle Verbindung mit ihm abzubrechen, bis die Alte tot sei und sie ihr Vermögen einkassiert habe. Ende 1849 starb die alte Schwiegermutter und Madame Szemere, gegen die natürlich nichts vorlag, verklopfte unterderhand Land und Leute und verwandelte sie in cash7. Behülflich war ihr dabei der Minister Bach als der Advokat ihres Vaters, der bei dieser Gelegenheit unterderhand seinen Schnitt machte. Nachdem Frau Szemere ihr Vermögen flüssig gemacht und in Wechsel auf London und in englische Stocks8 umgesetzt, ließ sie sich einen Paß zu dem Wasserdoktor Prießnitz in Preußen geben, reiste aber statt dessen nach London und von da nach Paris zu ihrem Mann. Die Herren Östreicher aber haben nichts unter Händen, wovon sich ihr Fiskus vergnügen konnte. Was beweist dies alles nun? Daß Szemere viel zu schlau ist, um seinen Feinden eine Million zu schenken. Ich habe Sz[emere] selbst geschrieben, daß er, ohne Kossuths zu erwähnen, über seine persönlichen Verhältnisse eine Erklärung macht, die ich ihm in die „New-York Tribune“ bringen werde.
Die österreichischen Spione sind in Kossuths nächster Umgebung, nämlich Madame Pulszky. Dieser Count Pulszky ist ursprünglich ein galizischer Jude. Madame Pulszky, Tochter eines jüdischen ultrareaktionären Wiener Bankiers, schreibt wöchentlich an ihre Alte, und durch diese Quelle erfährt die östreichische Regierung, was sie will. Es ist sogar sehr fraglich, ob der Count und die Countess Pulszky (die „Times“ verhöhnte hier fortwährend diese beiden Subjekte ob ihrer Titelassumption9) Herrn Kossuth nicht in die Schlinge zu locken versprochen haben, um dafür ihr konfisziertes Grundeigentum wieder herauszulocken. Tatsache ist, daß Pulszky als Studiosus die demagogischen Umtriebe seiner Kameraden der östreichischen Regierung verraten hat.
Du erhältst inliegend eine Prinzipienerklärung des General Klapka, woraus Du sehen wirst, daß auch er gegen Kossuth zu rebellieren beginnt. Der Schluß des Aktenstückes heißt nichts, als daß Klapka in dem beabsichtigten Mazzinischen Putsch mitagieren wird. Ich habe Dir über den Plan der Herren Mazzini, Kossuth etc., einen Putsch zu machen, wenn ich nicht irre, schon geschrieben. Nichts kann den Großmächten, speziell Bonaparte, gelegner kommen, nichts uns mehr schaden.
Soeben erhalte ich einen Brief von Köln, 3ten Mai. Man verlangt 200 bis 250 Stück des „Brumaire“. Bitte also Weydemeyer, mir sofort 300 Stück durch Engels zu schicken. Er muß mir auch den Verkaufspreis dabei angeben. Ich setze dabei voraus, daß er die versprochenen 50 Stück schon versandt hat...
Um auf das Aktenstück von Klapka zurückzukommen. Ich ersuche Euch, es einstweilen geheimzuhalten. Es ist mir konfidentiell mitgeteilt, aber mit der Erlaubnis, es drucken zu lassen. Ich werde es der New-Yorker „Tribune“ schicken, und früher möchte ich nicht, daß es in Zirkulation käme...
Jones’ stamped paper10 ist erschienen und die erste Nummer überraschend abgesetzt. Ich lege einen Abschnitt aus seinen Notes11 bei, woraus Du ersiehst, daß er den Harney vollständig geklopft hat. Herr Harney geht rasch auf der schiefen Ebene voran. In einem Artikel seines Blattes12, gezeichnet Spartacus, läßt er den Chartismus angreifen, weil er nur ein Classmovement13 sei und an seine Stelle a general and national movement14 treten müsse. Echt mazzinische Phrase etc. etc. etc...
Auszüge aus dem Kölner Briefe:
„Jüngst hat man die Frau Daniels abermals mit einer Haussuchung beglückt, welche schlechterdings einen Brief von Ihnen zutage fördern sollte. Die preußische Polizei scheint sich zum Spielball jedes Esels herzugeben. Die Angelegenheit der Gefangenen scheint ihrem Abschluß entgegenzugehen. Die Untersuchung ist geschlossen, und die Akten sind seit mehr als 2 Monaten wieder im Besitz des h[iesigen] Staatsprokurator am Appellhof, dort scheint man aber mit der Formulierung eines Antrags für den Anklagesenat nicht zu Stuhl kommen zu können. Nach den allverbreiteten Gerüchten soll die Sache vor einer Extra-Assise im Juni verhandelt werden.“
Apropos. Frage Weydemeyer, ob er schon bei Dana war, der erwartet von ihm Mitteilung meiner an ihn gerichteten Aufklärungen über die Lage der Kölner Gefangenen und das Benehmen der preußischen Regierung, um daraus einen leader15 zu machen. Er möge, wenn möglich, dies um Gottes willen nicht versäumen.
Wenn Ihr F[reiligrath]s Gedicht gegen Kinkel et Comp. als Flugblatt drucken könnt, so könnt Ihr sicher sein, 500 Stück am Rhein allein abzusetzen. Aber die Sache muß rasch gehen. Sonst ist’s trop tard16.
Laßt die Aufsätze etc., die Ihr habt, nicht durch Veraltrung ihr Bouquet17 verlieren. Wenn Ihr sie nicht drucken lassen könnt (Eccarius, Engels etc.), so gebt sie irgendeinem Blatt, z.B. der „Turn-Zeitung“ etwa, wie Ihr denkt. Es ist jedenfalls besser, sie werden gelesen, als daß sie es nicht werden.
Wenn Ihr das F[reiligrath]sche Gedicht nicht drucken lassen könnt, so gebt es nur irgendeinem Blatt nach Eurem Gutdünken. Wenn wir als Partei nicht schlagfertig uns dazustehen bemühen, so werden wir immer post festum18 kommen...
Dies können außer Dir nur wenige Sterbliche sich rühmen, daß sie 4 Posttage nacheinander Briefe von mir erhalten haben; aber Vater Lupus wollt’ ich doch zeigen, wer von uns beiden der Exaktere ist...
Nach: Brief von Cluß an Weydemeyer vom 31.Mai 1852.