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Engels an Joseph Weydemeyer
in New York

Lieber Weydemeyer,

Ich hoffe, daß Du inzwischen meinen ersten Brief erhalten haben wirst, den ich am 18. oder 19. Dezember, in Zeit für den Steamer „Africa“, auf die Post gab. Er enthielt einen flüchtig geschriebenen Artikel und einen ebenso flüchtig geschriebnen Brief. Du hättest ihn am 5. längst haben müssen; vielleicht ist er aber erst mit dem nächsten Steamer gegangen. Seitdem schickte ich Dir vorige Woche per „Niagara“ einen Artikel ohne Brief, zweifle aber, ob ich ihn zur rechten Zeit aufgab; war er zu spät, so kommt er mit diesem per „Europa“, und Du hast dann Material voraus. Von Marx wirst Du schon mehreres erhalten haben, von Freiligr[ath] ein Gedicht gegen Kinkel und vielleicht auch von Lupus und Pieper etwas. Weerth ist gerade sehr beschäftigt und sitzt nicht fest in Bradford (Yorkshire), er hat mir indes versprochen, per nächsten Steamer etwas zu schicken. Ich werde ihn wohl morgen hier sehen und ihn noch ferner treten, daß er sein Versprechen hält. Leider war Marx infolge einer großen Kneiperei, als ich Neujahr in London war, 14 Tage ernstlich krank, und ich bin teils durch die in London zugebrachten 14 Tage, teils durch nachher eingetretene verschiedne Hindernisse bis vorige Woche am Arbeiten abgehalten worden. Jetzt denke ich indes, regelmäßig jede Woche Dir etwas schicken zu können, vielleicht nächstens zur Abwechselung auch etwas Feuilleton.

Vorderhand sitze ich hier in Manchester fest, glücklicherweise in einer sehr unabhängigen Stellung und mit mancherlei Vorteilen; Marx und andre Freunde besuchen mich zuweilen von London, und solange Weerth in Bradford ist, ist ein regelmäßiger Rutschdienst zwischen hier und dort eingerichtet, da die Fahrt auf der Eisenbahn nur 2½ Stunde dauert. Er wird nun aber wohl fortgehn, er kann es in dem Saunest Bradford nicht aushalten, und Ruhe hat er nun einmal nirgends, um ein Jahr lang an demselben Ort auf dem Hintern zu sitzen. Ich spekuliere auf eine Reise nach den States entweder im nächsten oder, wenn inzwischen keine politische Änderung eintritt, im folgenden Sommer, nach den States, New York und besonders New Orleans. Aber das hängt von meinem Alten ab, nicht von mir, und dann vom Gang des Baumwollenmarktes.

Fünfzig Nummern von der „Rev[olution]“ sind zuviel und werden wahrscheinlich enormes Geld kosten, d.h. 4 Schilling und drüber jedesmal. Da bei der allgemeinen Verhaftung, Zersprengung etc. und den deutschen Preßgesetzen hier nur auf wenige, in Deutschland nur allenfalls in Hamburg auf ein paar Abonnenten zu rechnen ist, so wird mit Probenummern nichts zu machen sein. Zeitungen, einzeln oder mehrere unter Bande, an den Seiten offen, kosten 1 d. (2 cents) pro Bogen. Schicke also 4 an mich und 6–8 direkt nach London, da ich sonst von hier nach London wieder frankieren muß und diese massenhaften Portos sich nicht dem Geschäft aufbürden lassen. Mit 10–12 Nummern kommen wir aus, und wenn man sieht, daß hier mit Abonnenten etwas zu machen ist, so kann man in London eine regelmäßige Agentur organisieren, an die die früheren Nummern zur Vervollständigung ein für allemal in einem Paket geschickt werden können. Ich werde mich hierüber mit den Londonern verständigen und sehn, was zu machen ist.

In Frankreich geht die Sache vortrefflich. Die „Patrie“ zeigt gestern abend an, daß heute im „Moniteur“ die Errichtung eines Polizeiministeriums für de Maupas erscheinen werde. De Morny, der nebst Fould und einigen andern die materiellen Interessen der Bourgeoisie (nicht ihre Beteiligung an der politischen Gewalt) im Kabinett vertritt, wird fliegen, und die Herrschaft der reinen Abenteurer Maupas, Persigny und Co. beginnen. Dann fängt der kaiserliche wahre Sozialismus an; die erste sozialistische Maßregel wird die Konfiskation des Eigentums von Louis-Philippe sein, weil der Akt, durch den er damals, 6. August 1830, sein Vermögen seinen Kindern übertrug, statt es nach alter Sitte dem Staat zu schenken, ungültig ist. Auch das Aumalesche Erbteil der Condéschen Güter soll säsiert1 werden. Der nächste Samstagssteamer schon kann dies bringen, wenn die Sache sich rasch genug entwickelt. In den südlichen Departements werden noch immer die Insurgenten wie Wild gehetzt.

Für französische Nachrichten ist jetzt die englische Presse die einzig brauchbare, und hie und da die Augsburger „A[llgemeine] Z[eitung]“. Das Blatt, woraus Du die besten Nachrichten über Frankreich ziehst, ist die Londoner „Daily News“, die ich Dir deshalb speziell empfehle. Die „Tribune“ hält sie, und Du wirst sie gewiß sonst auch auftreiben, da sie zum Halten viel zu teuer ist. Im kommerziellen Viertel der City wirst Du sie gewiß leicht in Kaffeehäusern auftreiben.

Dronke wird Dir vielleicht bald einen Besuch abstatten; ich höre, daß alles, was aus der Schweiz fort soll, durch Frankreich nur nach Amerika expediert wird, nicht nach England. Er wird aber jetzt fortmüssen; da wir gar nichts von ihm hören, muß er sich wohl versteckt haben.

Ein sehr braver Kerl ist ein ehemaliger badischer Artillerist und Bierbrauer, Gnam, der mit Heinzen auf demselben Schiff hinübergieng. Auch war ein Studiosus Rothacker aus dem badischen Oberland dabei, der Kerl war gut, kann sich aber geändert haben und ist außerdem wegen seiner Verse-macherei gefährlich. Der kleine Schickel aus Mainz, dessen Adresse Cluß Dir geben kann (hinten in den Alleghanies), wird sich Mühe geben für die „Rev[olution]“. Ich bitte, ihn bestens von mir zu grüßen, was Cluß besorgen kann.

Zu den Bemerkungen über die Chancen einer Invasion Englands noch folgende Nachträge, die Dir einleuchten werden:

1. Jede Landung westlich von Portsmouth riskiert, in den Winkel von Cornwall gedrängt zu werden – also unpraktikabel.

2. Jede Landung zu nördlich von oder zu nahe bei Dover, riskiert zwischen Themse und See dieselben Gefahren.

3. London und Woolwich – die ersten buts d’opération2. Detachierungen zu machen gegen Portsmouth und Sheerness (Chatham). Starke Besatzung in London, starke Posten zwischen der Küste und London. Bei 150 000 Mann Landungstruppen wenigstens 60 000 so zu verwenden (und noch nicht genug). Mit 90 000 Mann könnte also vorausgegangen werden.

4. Birmingham zweites Operationsziel (wegen der Waffenfabriken). Das Gebiet südlich vom Bristoler Kanal und vom Wash zu sichern, also eine Linie von Gloster bis Lynn-Regis3; dazu eine starke Pointe auf Birmingham. Wie schwach und geschlagen die entgegenstehende Armee auch sein mag, ich halte das mit 90 000 Mann disponiblen Truppen für unmöglich. Aber gesetzt, es gelänge, so ist noch keine haltbare Defensivposition gewonnen, besonders, wenn die englische Seemacht sich regt. Die Linie ist zu lang und zu schwach. Also man muß wieder voran.

5. Manchester drittes Operationsziel; alles Land südlich von Mersey (oder Ribble) und Aire (Humber) zu sichern und diese Linie zu halten. Sie ist kürzer und haltbarer, aber auch die Kräfte wieder sehr durch Detachierungen geschwächt. Man muß also, da die Verteidigung Gebiet und Mittel genug behält, sich zu reorganisieren, entweder vorwärts oder bald wieder zurück.

6. Die erste haltbare Linie in dem ganz schmalen Norden von England; entweder Tees oder noch besser Tyne (die Linie der römischen Piktenmauer) von Carlisle nach Newcastle. Aber dann bleiben die agrikulturellen, industriellen und kommerziellen Ressourcen der schottischen Niederlande noch in den Händen der Verteidigung.

7. Die Eroberung des eigentlichen Englands kann erst dann als, selbst nur vorläufig, abgemacht angesehn werden, wenn Glasgow und Edinburgh genommen, die Verteidiger in die Hochlande getrieben, die vortreffliche, kurze, starke und reichlich mit Eisenbahnen im Rücken versehene Linie zwischen Clyde und Firth of Forth besetzt ist.

Nach der Eroberung aber finge erst die Schwierigkeit an, die Konservierung bei abgeschnittener Kommunikation mit Frankreich, die sicher ist.

Unter solchen Umständen, wieviel Mann gehören dazu, von Dover bis an den Clyde alles Land zu erobern, zu sichern und am Clyde eine respektable Front darzubieten?

Ich glaube, 400 000 wäre nicht zuviel.

Diese Considerations4 sind viel zu detailliert für das Blatt5, ich lege sie Dir als einem professional man6 vor. Sieh die Karte von England an, und sage mir, was Du davon hältst. Es ist das eine Seite der Frage, die von den Engländern total vernachlässigt wird.

Die Briefe gehn zur Post. Ich schließe. Grüß Deine Frau bestens.

Dein
F. E.

Manchester, 23. Jan. 52