199
Marx an Engels
in Manchester

[London] 13. Februar 1855
28, Dean Street, Soho

Lieber Engels!

Erst Anzeige des Empfangs der „bullion1 und zweitens des famosen Artikels2 von heute. Ich bin daran verhindert worden, während 4–5 Tagen zu schreiben, also auch Dir, durch eine starke Augenentzündung, die noch nicht ganz beseitigt ist, und meine usual secretary3 hat sich infolge des kalten Wetters nicht so rasch vom Bette wieder erhoben, wie das sonst der Fall zu sein pflegte. Indes, denk’ ich, wird sie in kurzer Zeit wieder ihren Posten antreten können. Ich habe mir das Augenübel dadurch zugezogen, daß ich meine eignen Hefte über Ökonomie durchlese, wenn nicht, um die Sache auszuarbeiten, jedenfalls das Material zu bemeistern und es für Bearbeitung ready4 zu haben.

Ich habe Dir mitgeteilt, wie Herzen sich an das „international committee“ zudrängte. Beiliegend ein Brief von ihm, worin er für „nicht-erfolgte“ „Einladung“ dankt. Dieser Brief war zum Druck im „People’s Paper“ bestimmt, um seine Wichtigkeit coram publico zu konstatieren. Dies ist mißlungen, weil ich den Wisch dem Jones sofort abschwatzte. Indes hat Herzen sich zu einem der Festordner nominieren lassen.

Beiliegend auch ein 2ter Brief, worin dies Komitee mich einladet zum Bankett und zur „Beteiligung am Meeting“. Ich will nicht den Crapauds5 und noch weniger den Chartists vor den Kopf stoßen. Frage also: In welcher Form soll ich die Sache ablehnen? Darüber schreibe mir umgehend Deine Ansicht. Abgelehnt muß die Sache werden: 1. weil solche meetings überhaupt humbug sind; 2. weil man sich in diesem Augenblick dadurch nutzlos governmental persecutions6 aussetzt und Palmerston ein Auge auf mich hat; 3. weil ich mit Herzen nirgendwo und niemals zusammen figurieren will, da ich nicht der Ansicht bin, durch russisches Blut old Europe erneut zu sehn. Sollte man etwa in der Antwort sich auf Herzens Anwesenheit beziehn?

Jones hat einen unendlich „dummen“ Streich gemacht und ganz seinen Halt verloren, indem er den crapauds und den german Knoten die Leitung der Sache überließ. Er opferte alles dem Wunsch, in einem großen Public Meeting die Foreign Emigrations7 im Schwanz der Chartisten zu zeigen. Das Meeting wird groß werden und Skandal machen, aber Folge wird sein: 1. Urquhart et Co. (auch die „Times“, wenn die Sache Aufsehn macht) denunziert die Chartisten als von russischen Agenten geleitet. Dies ist unvermeidlich. 2. Er gibt dem Ministerium Prätext zur Erneuerung der Alien Bill. 3. Zwiespalt innerhalb der Chartistenpartei. Ist schon jetzt ausgebrochen. Ein Teil der Londoner Chartisten behauptet, daß Jones, indem er die Phrase von „social and democratic Republic“ in die Bildung des Zweigkomitees, das das connecting link8 zwischen Chartisten und Foreign Emigration bilden soll, aufgenommen hat, von der Charter arbitrarily9 abgewichen ist und ihre ganze Sache kompromittiert hat. Bei aller Energie, Ausdauer und Tätigkeit, die man an Jones anerkennen muß, verdirbt er alles durch Marktschreierei, taktloses Haschen nach Agitationsprätexten und Unruhe, die Zeit zu überspringen. Wenn er nicht wirklich agitieren kann, sucht er den Schein der Agitation, improvisiert movements10 über movements (wobei natürlich alles stehnbleibt) und lügt sich periodisch in falsche Exaltation hinein. Ich habe ihn gewarnt, aber vergebens.

Herr Golowin – fidus11 Achates des Herzen – hat heute ein kleines Inserat im „Morning Advertiser“, betitelt: „February Revolution“, folgenden Gehalts: „Herzen, höre er, solle Rußland, or rather liberal Russia12, bei dem Bankett repräsentieren. Sein Name zeige schon, daß er Deutscher oder vielmehr deutscher Jude sei. In Rußland werfe man dem Kaiser vor, daß er diese Leute besonders anwende. Die Emigration solle sich hüten, to fall into the same error13.“

Wenn Bonaparte minor, wie heute der Pariser Korrespondent in der 2nd edition14 des „Morning Chronicle“ schreibt, persönlich das Oberkommando der Rheinarmee gegen Preußen übernimmt, so könnte die „campagne“ französischerseits ein schlimmes Ende nehmen.

Dein
K.M.