169
Marx an Engels
in Manchester

21 June 1854
28, Dean Street, Soho, London

Lieber Engels,

Dein Brief traf zeitig genug ein, zwischen 2 und 3. Da ich aber nur bis 2 gewartet hatte, und da ich in häuslichen Angelegenheiten einen Marsch außerhalb der Stadt zu machen hatte und meine Frau aus dem Begleitschreiben sah, daß der Artikel nicht so fortgeschickt werden konnte, ist er liegengeblieben. Ich werde ihn in meinem Freitagsaufsatz1 benutzen, bitte Dich aber, mir bis dahin noch über folgende Punkte, wenn Du keine Zeit hast, ganz kurz, zu schreiben:

1. Ist etwas Neues in den türkischen bulletins enthalten, die gestern in der „Daily News“ standen? Hast Du noch etwas Näheres über die Ereignisse vom 28.[Mai]–13.[Juni] (so weit, glaube ich, gehn die letzten, allerdings nur fragmentarischen Berichte)?

2. Ist etwas Militärisches hervorzuheben in bezug auf die Manœuvres an der zirkassischen Küste? Die Nachrichten über Schamyl bedürfen wohl weiterer Bestätigung.

3. Die Einschiebung der Östreicher in die Walachei, was ist darüber vom militärischen point de vue2 zu sagen?

Aus dem einliegenden Brief siehst Du, daß ich bis über die Ohren im Pech sitze. Während die Krankheit meiner Frau mitten in einer Krise, bleibt der brave Dr. Freund fort und schickt mir eine Rechnung von 26£ und wünscht, in ein „klares Verständnis“ über sein „ärztliches Verhältnis“ zu mir zu kommen. Da der Zustand meiner Frau gefährlich war – und noch bedenklich ist –, war ich natürlich gezwungen, mit dem teuren Freund zu kapitulieren und ihm schriftlich zu verprechen, daß ich 8 £ Ende dieses Monats abzahlen wolle und den Rest von 6 zu 6 Wochen. Hätte der Kerl mich nicht so à l’imprévu3 attackiert, so würde er mich nicht in dieser Weise überrumpelt haben. Aber was sollte ich tun? Jedem andern respektabeln Arzt müßte ich die Besuche gleich zahlen, und außerdem, selbst wenn dies möglich, kann man innerhalb einer Krankheit die Ärzte nicht wechseln wie die Hemden, ohne vorher sich über ihre Fähigkeit etc. instruiert zu haben.

So bin ich also in ein fix4 gesetzt. Ich weiß, daß Du auch in der Klemme sitzt. Glaubst Du, daß ich für die Ende dieses Monats fällige Quote etwa von Dronke einige Pfunde auf Vorschuß erhalten kann? Als er das letztemal hier war, deutete er mir an, daß er in großen Krisen zu abordieren5 sei. Indes will ich vorher Deine Ansicht wissen. Diese erste Quote muß ich dem Kerl jedenfalls am abgemachten Termin zahlen, und mein Wechsel für die letzten Monate ist schon gezogen, natürlich draufgegangen, da ich im Hause £ 12 zu zahlen hatte und der Belauf der Summe durch ausgefallne Artikel bedeutend reduziert war, außerdem die Apotheke allein diesmal ein bedeutendes budget verschlungen hat.

Ende dieser Woche, wenn meine Frau sich stark genug fühlt, wird sie mit den Kindern und Lenchen auf 2 Wochen in der Villa des Herrn Seiler, Edmonton, zubringen. Sie ist dann durch die Landluft vielleicht so weit hergestellt, um nach Trier zu können.

Ich versichere Dich, daß durch diese letzten petites misères6 ich a very dull dog7 geworden bin.
Beatus ille8, der keine Familie hat.
Vale faveque.9

Dein
K.M.