161
Marx an Engels
in Manchester

[London] 3.Mai 1854
28, Dean Street, Soho

Lieber Frederic,

Durch das Wort „Uriasbrief“ habe ich Mißverständnis veranlaßt. Ich habe dem Heise – der sich gar nicht bei mir verabschiedet hatte, übrigens auch in zu versoffnem Zustand war, um solches zu tun – keinen Brief mitgegeben. Er schrieb mir von dem Nest aus, wo er in der Nähe von Manchester hauste, ich solle ihm dort förderlich sein. In diesem Sinn hätte ich es für „Uriasbrief“ gehalten, wenn auch mit etwas „kühner“ Anwendung des Wortes, Dir einen Bericht über ihn einzuschicken. Vielleicht ist in Manchester sein Hauptincitement1 weggefallen, sich als „great man“, „independent“ und „malcontent“2 bei Imandt und Schily herauszubeißen. Du kannst allerdings jetzt nichts tun als diplomatisieren und den Mann treiben, sich nach und nach in Beschäftigung zu bringen. Solang er in England ist, hat er stets auf fremde Tasche gelebt, und wenn sich ein Unterhaltszweig anbot, gab er ihn bald wieder auf. Da er jetzt sehr viel Surpluszeit hat, soll er wenigstens regulär der „Reform“ schreiben, die übrigens bis jetzt auch dem Eccarius noch keinen farthing zukommen ließ. Wird sie übrigens jetzt unterstützt, so muß sie bald in zahlbaren Zustand kommen.

In finde, daß Deine „militaria“ – „retreat of the R[ussians] from Kalafat“ und Stellung in der Dobrudscha3 – sich famos bestätigen. Das Bombardment von Odessa ist von den Russen provoziert worden, wie es scheint. Wenn die Engländer keine Landtruppen dort aussetzen, scheint mir nicht viel damit getan – außer einer Beruhigung des hiesigen Bürgers, der im Maß, als der Krieg sich in Form von Steuern und Anleihen ausdrückt, anfängt, wild zu werden über die Untätigkeit der allied fleets4 – und, perhaps5, bedurfte Nikolaus einer solchen Demonstration, um seinem Aufruf „an sein Volk“ Salz zu geben. Über das Einverständnis des hiesigen Ministeriums mit Petersburg kann jetzt kein Zweifel mehr existieren, nachdem bekannt geworden ist, daß ein Aktenstück in der „secret correspondence“ unterschlagen ist, worin Aberdeen (1844) die Vorschläge von Rußland akzeptiert hatte. Daß so etwas im Hintergrund steckte, schwante mir schon von der Verfälschung der Daten und Endossements6 des „Memorandums“, auf die der Ex-Foreignminister7 der Tories im House of Lords anspielte. Daß die Kerls jetzt noch – obgleich das „Journal de St.-Pétersbourg“ sie selbst beklagt wegen ihrer „fausse position“8 – ihre Schachzüge mit Rußland verabreden, siehst Du aus den „Declarations in Council“9 über neutrale und speziell russische Schiffe. Gleichzeitig erschienen ähnliche „declarations“ in St. Petersburg almost couched in the same terms10. So was ist nicht Zufall. Bonaparte ist das Element, was sie in der Rechnung übersehn haben. Wie der Kerl auch immer sei, es geht bei ihm direkt um den Hals, und als Gauner von Profession läßt er sich nicht so mitspielen wie poor11 Louis-Philippe 1839 und 1840. Wenn man die geheimen Dokumente von 1830–48 liest, bleibt kein Zweifel, daß England den L[ouis]-Ph[ilippe] abgesetzt hat und daß der würdige „National“, trotz und infolge seiner blinden Anglophobie, unbewußt ein Hauptwerkzeug grade der englischen Politik war.

Die „Tribune“, weißt Du, schmeichelt sich, christlich zu sein. Um so mehr Spaß macht es mir, daß die Kerls einen Artikel von mir als Leader12 aufnahmen, worin ich als Hauptvorwurf gegen die Türken aufstelle, daß sie das Christentum konserviert haben, allerdings nicht in dieser schroffen Form herausgesagt. Indeed13, die Türken müßten schon darum kaputtgehn, weil sie die byzantinische Theokratie in einer Form sich zu entwickeln erlaubt haben, wie es selbst den griechischen Kaisern nie eingefallen ist. Es gibt eigentlich nur noch 2 religiöse Völker, Türken und die griechisch-slawische Bevölkerung der Türkei. Beide müssen kaputtgehn, letztre wenigstens mit der pfäffischen Gesellschaftsorganisation, die sich unter der Herrschaft der Türken befestigt. – Ich habe der „Tribune“ außerdem noch eine skandalöse Geschichte über das „heilige Grab“ und das „Protektorat“ in der Türkei geschickt14, wo die Kerls über dem historischen Material den bösen Witz mit dem Christentum übersehn werden.

Es ist mir sehr lieb, wenn ich jetzt einige Zufuhr für die „Tribune“ von Dir erhalte, da ich mit dem Ochsen der Geschichte des Neuhellenischen Reichs samt dem king Otto sehr beschäftigt, aber das Resultat erst in 2 Wochen vielleicht in einer Reihe von Artikeln darstellen kann. Der Metaxas, der hellenischer Gesandter in Konstantinopel war und dort konspirierte – die Pariser „Presse“ hat eine hübsche Darstellung dieser russisch-griechischen Bangyanade –, war Hauptinstrument des infamous15 Kapodistrias.

In Nebenstunden treibe ich jetzt Spanisch. Begonnen mit Calderón, aus dessen „Magico prodigioso“ – dem katholischen Faust – Goethe nicht nur einzelne Stellen, sondern ganze Anlagen von Szenen bei seinem „Faust“ benutzt hat. Dann – horribile dictu16 – in spanisch gelesen, was französisch unmöglich gewesen wäre, „Atala“ und „René“ von Chateaubriand und einiges Zeug von Bernardin de St. Pierre. Jetzt mitten im „Don Quixote“. Ich finde, daß man im Spanischen mehr das Dictionnaire nötig hat als im Italienischen, beim Anfang.

„Archivio triennale delle cose d’Italia dall’ avvenimento di Pio IX. all’ abbandono di Venezia etc.“ ist mir zufällig in die Hände gefallen. Das Beste, was ich von der italienischen revolutionären Partei gelesen habe. Besteht aus einer Zusammenstellung von geheimen und öffentlichen Aktenstücken, aufgefangnen Briefen etc. Hübsch zusammengestellt. Palmistone (wie Thiers den Palmerston ausspricht) auch hier ein Hauptfigurant. Dieser Kerl war allgegenwärtig in seinen Umtrieben und hat jedenfalls ein sehr amüsantes Dasein geführt.

Du bist mir noch immer schuldig, über Herrn Urquharts militaria zu schreiben. Man kann den Mann bloß in den „positiven“ sciences17 fassen. Also hier und in seiner Ökonomie, wo die Flachheit ebenfalls handgreiflich nachzuweisen.
Vale faveque.18

K.M.