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Engels an Marx
in London

[Manchester, 9. März 1853]

Lieber Marx,

Gestern schickte ich Dir 1/2 Fünfernote, die andre Hälfte gleichzeitig per Kuvert an Dronke. Ich bin tief in der Klemme, im Februar habe ich wegen Schuldenzahlung pp. ca. 50£ ausgeben müssen, und noch ca. £30 zu decken in diesem und dem nächsten Monat. Sonst hätte ich Dir mehr geschickt. Eine Reform meiner personal expenses1 wird dringend, und ich werde in 8–14 Tagen ausziehen und in wohlfeilere lodgings2 gehn, auch zu leichteren Getränken greifen, damit ich für den großen Moment, wenn die Bilanz abgeschlossen wird, gerüstet bin. Im vorigen Jahr hab’ ich Gott sei Dank meinem Alten die Hälfte seines Profits im hiesigen Geschäft aufgefressen. Sobald die Ankunft meines Alten herannaht, wird sich dann in feine lodgings gezogen, feine Zigarren und Weine angeschafft etc., damit wir imponieren können. Voilà la vie.3

Unter den Hiesigen, Deutschen wie Engländern, hat sich Monsieur Kossuth durch seine Erklärungen total ruiniert; Mazzini desgleichen durch die Insurrektion selbst und die lausige Manier, Krawall durch Meuchelmord von einzelnen Soldaten anzufangen, was speziell den Engländern widerlich ist. Etwas Feigeres und Lumpigeres als diese Kossuthschen zwei Briefe ist doch nicht zu ersinnen, und dabei immer die Prätension: I am a plain, honest man.4 Die Herren mögen sich übrigens in acht nehmen, finden sich Beweise, so ist ce cher5 Aberdeen ganz der Mann, sie ohne weiteres einstecken und verfolgen zu lassen, und ob sie nach diesem so sicher sind, freigesprochen zu werden, weiß ich nicht.

Das Ministry of all the talents turns out a complete humbug.6 Johnny7 verschrumpfter als je, der große Gladstone ein selbstgefälliger Klugscheißer à la Mevissen, Aberdeen voll diplomatisch-torytistischer Reminiszenzen und purer Hofmann, der Apostel Johannes des seligen Messias Peel, Sidney Herbert, ein total inkapabler Kriegsminister, es ist ein schönes Lot8. Dabei fühlen sich alle nicht an ihrem Platz, ausgenommen der alte unverschämte Palmerston, der überall zu Hause ist, und wie die Mazzini-Debatte beider Häuser beweist, so mutinous9 ist wie je. Er ist doch de facto seit der griechischen Debatte, der Milizbill und der Adreßdebatte der leader of the House of Commons10, und es ist bittrre Ironie, dem armen Johnny diesen Posten pro forma zu geben. Die Schamlosigkeit aber geht ins Weite, für Johnny in dieser Kapazität noch ein Salär zu verlangen, aber ein neuer Posten ist natürlich beiden Parteien ein gefunden Fressen. Ich bin begierig auf Master Gladstones Budget, seine Äußerungen bei den Estimates11 und Humes Tarifmotion lassen erwarten, daß er alles so ziemlich beim alten lassen wird, und das ist auch wohl das einzige, was bei diesem patriotischen Koalitionsministerium herauskommen wird. Unterdes sind die Korruptionsgeschichten von der letzten Wahl her wunderschön und werden doch in der nächsten Session eine Art Reformbill nötig machen. Wenn bis dahin der trade12 schlecht wird und der Kontinent sich regt, können wir schöne Geschichten erleben.

Ich habe jetzt den Urquhart zu Hause, den verrückten M.P.13, der den Palmerston für von Rußland bezahlt angibt. Die Sache erklärt sich einfach: der Kerl ist ein keltischer Schotte mit sächsisch-schottischer Bildung, der Tendenz nach Romantiker, der Bildung nach Freetrader. Dieser Kerl ging als Philhellene nach Griechenland, und nachdem er sich 3 Jahre mit den Türken herumgeschlagen, ging er in die Türkei und begeisterte sich für ebendieselben Türken. Er schwärmt für den Islam, und sein Prinzip ist: wenn ich nicht Kalvinist wäre, so könnte ich nur Muhammedaner sein. Die Türken, die der Blütezeit des osmanischen Reichs ganz besonders, sind die vollkommenste Nation der Erde, in allem ohne Ausnahme. Die türkische Sprache ist die vollkommenste und wohlklingendste der Welt. All das alberne Gerede von Barbarei, Grausamkeit, lächerlichem Barbarenhochmut rührt bloß von der Unwissenheit der Europäer in bezug auf die Türkei und von den interessierten Verleumdungen der griechischen Dragomans her. Wenn ein Europäer in der Türkei schlecht behandelt wird, so ist das seine eigne Schuld, der Türk’ haßt nicht die Religion und den Charakter, sondern nur die engen Hosen des Franken. Türkische Architektur, Etikette pp. wird dringend zur Nachahmung empfohlen. Der Verfasser selbst ist mehrmals von Türken mit Arschtritten traktiert worden, hat aber nachher eingesehn, daß daran nur er selbst schuld war. Die Berührung mit Europäern, die Zivilisationsversuche, haben die Türken nur entnervt und desorganisiert. Die türkische Verfassung in ihrer „Reinheit“ ist die schönste, die es gibt und steht fast über der englischen. Der Türk’ hat selfgovernment14 durch tausendjährige Sitten und den Koran. Der Sultan, statt „Despot“, ist beschränkter als die most gracious queen15. Religionsfreiheit existiert nur in der Türkei. Klassenunterschiede, Klassenkämpfe, politische Parteien gibt es in diesem Paradies keine und kann es keine geben, denn alle sind in innerer Politik einer Meinung. Nirgends weniger Zentralisation als in der Türkei. Kurz, nur der Türk’ ist ein Gentleman, und nur in der Türkei existiert Freiheit.

Gegen dies glückliche Land intrigiert nun der Zar16 vermittelst der griechischen Pfaffen, und England hat sich von diesem fortwährend an der Nase herumführen lassen. England muß die Türkei stützen usw. usw., ebenso alte wie platte Gemeinplätze. Im ganzen ist dies Buch höchst amüsant. Das beste aber ist, daß sich hierauf die ganze Politik der englischen palmerstonfeindlichen Liberalen stützt, z. B. sind alle Artikel in der „Daily News“ über die türkische Schmiere reine Paraphrasen aus Urquhart, der qua Freetrader17 unbedingt Kredit genießt, obgleich er den Engländern vorwirft, sie zerstörten durch ihre Importe die thessalische Industrie – aber bei einem highlander18 kommt das nicht so genau.

Es hat eine sehr gute Seite, daß die „Times“, wenn auch zunächst im russischen Interesse, endlich einmal die alte Philisterdummheit von der Integrität der Türkei angreift. Die dumme „Daily News“, die in ihrer Bürgerborniertheit nicht weiter sieht, als ihre Nase reicht, schreit über Verrat und weiß nichts andres entgegenzusetzen, als eben diese alte Diplomatenscheiße. Zieht sich der Tanz noch etwas hin, so werden die Herren doch bald zu andern Argumenten greifen müssen und zu der Einsicht kommen, daß nur eine kontinentale Revolution dem Dreck ein Ende machen kann. Das müssen doch mit der Zeit auch die ärgsten Philister einsehn, daß ohne diese gar nichts gelöst werden kann.

Die östreichisch-preußische Zollgeschichte ist der einzige Fortschritt, zu dem man es in Deutschland gebracht hat – et encore19! Das Ding ist so mit Haken verklausuliert, und so viel Hauptsachen sind späteren Kommissionen überlassen, während die wirklichen Zollnachlässe so klein sind, daß wenig dabei herauskommt. Geht die große industrielle Krisis los, so wird der ganze Handelsvertrag verschwinden vor dem allgemeinen débâcle20.

Hier wird nur noch gestohlen, Knochen zerschmettert auf den Eisenbahnen und in die Luft geflogen. Das hiesige Philisterium ist ganz konsterniert von den absonderlichen Ereignissen der letzten 8 Tage. Glücklicherweise geht Baumwolle herunter, weshalb an der Börse nichts los ist und man sich nach Herzenslust mit diesen großen Begebenheiten beschäftigen kann. Die Spinnereien und meisten Webereien sind noch voll beschäftigt, aber in groben Kalikos (domestics) ist vollständige Stagnation, und von Montag an wird in dieser Branche nur 3 Tage per Woche in allen Fabriken gearbeitet werden.

Grüß Deine Frau und Kinder. – Dronke hat die Reich[enbach]-Geschichte bekommen.

Dein
F. E.

Der Herzen wird dieser Tage besorgt, es ist ein Haken dabei, der mich hindert, jetzt an meinen Schwager21 zu schreiben.