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Engels an Marx
in London

Lieber Marx,

Inl. das Kuvert Deines heute erhaltnen Briefs zurück, mit dem ein, übrigens mißlungner, Erbrechungsversuch gemacht worden zu sein scheint. Die Übersetzung und der Massolsche Brief gingen gestern abend per 2te Post ab.

Sehr nett ist die Schilderung von Cluß über den Empfang Kinkels etc. bei den Deutsch-Yankees, die Kerls sind in den Alleghanies akkurat dieselben wie im Schwarzwald und im Taunus.

Die Enthüllungen in den d[eutschen] Blättern1 hatte ich nicht gelesen – ich sah erst gestern wieder einmal ein deutsches Blatt.

Die Crapauds2 machen sich gut. Die Arbeiter scheinen après tout3 über der momentanen prosperity4 und der Aussicht auf die gloire de l’empire5 rein verbürgerlicht zu sein. Es wird eine harte Züchtigung durch Krisen bedürfen, wenn sie bald wieder zu etwas kapabel werden sollen. Wird die nächste Krise gelind, so kann Bonaparte sich durchschiffen. Aber sie sieht aus, als wollte sie verflucht ernsthaft werden. Keine Krise schlimmer, als wo die Überspekulation sich in der Produktion langsam entwickelt und daher soviel Jahre zur Entwicklung ihrer Resultate gebraucht, wie im Produkten- und Effektenhandel Monate. Und mit dem alten Wellington ist nicht nur der common sense6 von Altengland, Old England selbst in seinem einzigen überlebenden Repräsentanten begraben. Was bleibt, sind sporting characters ohne suite7 wie Derby und jüdische Schwindler wie Disraeli – die grade solche Karikaturen der alten Tories sind, wie Monsieur Bonaparte von seinem Onkel8. Es wird hier schön werden, wenn die Krise kommt, und es ist nur zu wünschen, daß sie sich noch etwas hinzieht, um ein ebenso chronischer Zustand mit akuten Episoden zu werden wie 1837/42. In einer Emeute übrigens war der alte Wellington, nach allem, was man von ihm weiß, ein ganz formidabler Militärchef – der Kerl ochste alles, studierte alle militärischen Schriften mit großem Eifer und kannte die Sache ganz gut. Er hätte auch nicht vor extremen Mitteln geschaudert.

Der Kölner Prozeß wird schrecklich ennuyant9 werden nach Deinen Mitteilungen. Der unglückliche Heinrich10 mit seiner prinzipiellen Verteidigung! Er wird die Verlesung seiner 30 Bogen verlangen, und wenn sie ihm bewilligt wird, ist er perdu11. Die Jury verzeiht ihm nie, daß er sie so gelangweilt. Übrigens hat das öffentliche Ministerium Pech. Haupt ist also nach Brasilien, der anonyme Schneidergesell war damals auch verschwunden und wird schwerlich wieder erschienen sein, und jetzt muß ihm gar der Polizeirat12 verrecken, wegen dessen Krankheit im Juli die Geschichte vertagt wurde. Aber was wird so viel Glück wert sein, wenn Heinrich die Sache vom philosophischen Standpunkt aus beleuchtet!

Der edle Schurz also räsonniert über Kossuths Predigen des Evangeliums vom Losgehn, nachdem er und Kompanie jahrelang von diesem selben Evangelium ihr Leben gefristet! It is all very well13, dem Kossuth in die Suppe zu spucken, weil er ihnen das Fett abgeschöpft, aber es ist doch sehr dumm, so was zu schreiben, wo die ganze Welt das besser weiß.

Daß Kossuth Blödsinn machen wird, ist sehr wahrscheinlich, hat er doch, le malheureux14, seine verschlissenen Sättel, seine ausrangierten Musketen, seine von Sigel einexerzierten Kompanien, Klapka und Garibaldi (letzterer kommandiert die italienisch-ungarische Flotte im Stillen Ozean in Gestalt eines Kauffahrteischiffs, das unter peruvianischer Flagge zwischen Lima und Kanton fährt).

Dein
F.E.

[Manchester] 24.Sept.52