Lieber Marx,
Die Übersetzung von Pieper macht mir viel Mühe. Der Anfang ist grade sehr schwer zu übersetzen, und l'aimable candidat1 P[ieper] hat seinem charmanten Leichtsinn die Zügel vollständig schießen lassen. Wo möglich erhältst Du sie Donnerstag.
Hier ist mit Pindar ein Roman vorgegangen. Neulich komm' ich in sein Haus, ich weiß nicht, ob ichs Dir schrieb, und finde dort seine Mutter, a very respectable old English lady2, und eine junge Dame, die sehr unenglisch aussah und die ich also für eine Russin hielt. Vorigen Freitag frug ich Pindar, ob diese Krasnàvitza (beauté3) seine Frau oder seine Schwester sei – ni l'un ni l'autre4, war die Antwort. Am Montag kommt seine Mutter nach meinem Hause: ihr geliebter Edward sei fort, verschwunden. Ich war nicht da, hörte es aber und ging gleich hin. Je trouve la digne mère en pleurs5 und erfahre folgendes: Pindar hat sich in Petersburg in eine Schwedin (oder Finnländerin) verschossen und scheint mit ihr durchgebrannt zu sein, nachdem sein Vater tot war. Er hat sie in England geheiratet – es ist die obige Krasnàvitza. In London lernt er eine Französin kennen, wie die Alte, die sie natürlich sehr schlecht macht, behauptet, ehemalige Pariser Hure und Mätresse eines englischen Komödienfabrikanten namens Taylor. Er gibt ihr Stunden, und der stille Kandidat läßt sich mit ihr in ein Liebesverhältnis ein. Seine Frau entdeckt die Geschichte (die Alte war inzwischen von Kronstadt herübergekommen, hatte Geld gebracht und sich mit der Schwedin versöhnt), und um den P[indar] von der Französin abzubringen, geht die ganze Familie nach Liverpool. Auch dort läßt er die Lorette hinkommen, und die Schwedin, die sehr viel Geduld und Zähigkeit zu haben scheint, entdeckt es wieder. Neue Auswanderung nach Manchester, wo die Alte sich endlich möbliert und selbst 2 Häuser kauft (sie lebt von den Ruinen des im Timber and Biscuit Trade6 gemachten, in ihren Händen verbummelten, altpindarschen Vermögens). Aber P[indar] läßt seine Französin auch hieher kommen – sie ist gewiß 3mal hier gewesen, das weiß ich daher, daß er mich dann regelmäßig anpumpte und nachher sehr regelmäßig wieder zahlte. Um aber der Sache ein Ende zu machen, brennt er vorigen Samstag mit ihr durch, wie seine Mutter behauptet, nach Australien, wie mir wahrscheinlicher scheint, entweder nach New York oder bloß nach Paris. Er hat 190 £, die ihm gehörten, aus den Funds7 genommen und hat sie mitgenommen, im Omnibus aber gleich £ 20 verloren (der Kellner im Hotel, wo die Französin logierte, meint, sie hätte es ihm geschossen). Der Kerl hatte Geld genug, seine Mutter hielt ihn in allem, und er hatte 100 £ Taschengeld. Die Schwedin ist ihm nach Liverpool gestern nachgereist, ich bin begierig, was daraus wird.
Der arme Teufel wird schrecklich und lebenslang verfolgt von seiner albernen Jugendheirat mit dem schwedischen Ideal – voilà ce qui a toujours pesé sur lui8. Bei etwas mehr Praxis und Geschick hätte er aus seinen £ 100 sich die Französin sehr schön hier entretenieren9 können, aber wo soll ein Kerl Praxis herkriegen, der sich im 21. Jahr in eine Schwedin verschießt, mit ihr durchbrennt und sie bürgerlich ehelicht! Hätte der dumme Bengel mir nur die Geschichte erzählt, es war eine Kleinigkeit, das einzurichten. Aber sich mit einer Französin à l'étranger10 in eine zweite, plus ou moins11 lebenslängliche und jedenfalls seriöse Geschichte einlassen, mit ihr durchbrennen, quelle bêtise! Elle lui en fera voir, ma foi12, besonders, wenn er wirklich nach Australien gegangen. Und dabei ist seine Alte eine schrecklich gutmütige und schwache Person, mit der er Gott weiß was hätte aufstellen können. Aber wie Kinkel im Verloben, so scheint Pindar im Durchbrennen das wahre Wesen jedes Liebeshandels zu sehen.
Deine Nachrichten über Vetter etc. und die Londoner sind famos. Den Brief von Massol schicke ich Dir zurück, auch den von Weyd[emeyer] – die Clußschen halte ich hier jusqu'à nouvel ordre13. Wie ist's mit Artikeln für Dana? Pindars Abwesenheit gibt mir mehr Zeit, ich treibe das Russische jetzt mehr con amore sine ira et studio14, und kann schon etwas. Militaria sind augenblicklich at a discount15. Comptoirarbeiten sehr belebt.
Sobald ich irgend kann, d.h.in ein paar Tagen, schick ich Dir zwei Pfund, das ist alles, was ich für den Moment loseisen kann. Dein
[Manchester] Dienstag, 7.Sept.52
F.E.