Lieber Marx,
Es ist gut, daß das Manuskript1 fort ist. Hoffentlich kommen die Exemplare nun in 3–4 Wochen an. Du mußt wieder durch eine schöne Sauce Dich haben durcharbeiten müssen, daß Du als Gegengift die porcherie2 des Pietro Aretino zu Dir genommen hast. Cazzo di Dio, queste sono forti.3
Ich sitze hier bis über die Ohren in der Arbeit. Vor mir liegen jetzt noch 11 Geschäftsbriefe, die ich heut noch schreiben muß, und es ist gleich 7 Uhr. Ich will indes womöglich noch heute, spätestens aber morgen abend einen Artikel für Dana machen4.
Ich habe grade den Herrn Görgey vor. Wir haben damals aus den österreichischen Berichten den Gang des ungarischen Kriegs in der „N[euen] Rh[einischen] Z[eitung]“ famos richtig geraten und glänzend, aber auch vorsichtig, richtig prophezeit. Das Buch von Görgey ist hundsgemein, so etwas klein Neidisches, infam mesquin5 Borniertes existiert nicht mehr. Das Militärische ist gut, Görgey, wie er leibt und lebt, der talentvolle Exlieutnant, der sofort General wird und dem der Kompaniedienst und das elementartaktische Detail noch als Eierschale überall anklebt. Die Ungarn, die behaupten, G[örgey] hätte das nicht schreiben können, sind Esel. Das echt Görgeysche und das österreichische Element sind im Buch so leicht zu unterscheiden wie im Chenu die beiden heterogenen Elemente. Als Quelle ist das Buch – mit Vorsicht – aber sonst sehr gut zu gebrauchen. Die boshafte Borniertheit des Kerls geht so weit, daß sie ihn dazu treibt, sich selbst zu blamieren, wie durch die Geschichte von der Waitzener Proklamation, worin er Kossuth vorwirft, in der Wirklichkeit gescheuter gewesen zu sein als in seinen bombastischen Reden, und durch die ganze unbeholfene Darstellung, die den Verfasser sich immer wider Willen kompromittieren läßt. Diese Borniertheit läßt G[örgey] nie zu einer wirklichen Charakterisierung irgendeines Kerls kommen, doch sind nette Züge und einzelne Glossen drin über Kossuth und die meisten andern. Trotz dieser Borniertheit der Boshaftigkeit war G[örgey] – man sieht es überall – doch allen überlegen – was sind also die andern erst für Kerle! Über den ungarischen Krieg schreib’ ich jedenfalls. Das Pariser Komplott scheint – nach den Tatsachen zu urteilen – eher von unseren carrément und crânement6 finstern Barth[élémy] etc. auszugehn – in der abenteuerlichen Artillerieanfertigung ist etwas qui sent son Willich de vingt lieues7. Daß Ruge etc. auch darin gepanscht haben, ist sehr möglich, aber diese Kanonen aus Gasröhren, mit Teerleinwand überzogen, sind hohenzollernschen Ursprungs.
Dein
F.E.
Manchester, 6. Juli 52
Wegen der Orléans? Pourquoi pas?8 Den braven Joinville oder so einen à la duc d’Enghien9 behandeln zu lassen, wäre doch schön und pourquoi le neveu ne ferait-il pas fusiller aussi sein Bourbon10?