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Marx an Engels
in Manchester

[London] 3. Juli 1852
28, Dean Street, Soho

Lieber Engels,

Ich komme spät, aber ich komme. Den Aufschub wirst Du aus folgender Geschichtserzählung Dir erklären:

In London wurde sofort das Manuskript1 abgeschrieben. Montag mittag war es fix und fertig. Ich diktierte abwechselnd meiner Frau und Dronke. Mittwoch mittag erhielt ich das Geld. Bangya zog die Dir bewußten 7 £ ab. Außerdem das Debet an Dronke für seine Mitarbeit. So blieb eine Summe übrig, die nicht einmal für das Haus hinreichte. Strohn war nicht in zahlbaren circumstances2. Nun kam noch spezielles Pech hinzu. Kloses Frau, lang kränkelnd, auszehrend, im Hospital, wird von dem Hundepack entlassen grade im Moment der letzten Krise, stirbt vorvorgestern in seinem Hause. Nun kein Centime da, Begräbniskosten etc. Freiligrath konnte nichts tun, da er eben alle seine Bekanntschaften erschöpft hatte, um Heilbergs Frau und Kind nach Breslau zurückzufördern, ihn selbst am Leben zu halten und schließlich ins Hospital zu fördern. So fiel die Sache auf mich und machte unsägliche Laufereien, bis sie ins reine gebracht war. Maintenant3 ist wieder Ruhe.

Die „Bande“ zerbricht sich den Kopf über unsre Broschüre. Namentlich Meyenkäfer4 schwitzt Todesangst. Er „weiß sich gar nicht zu erinnern, daß er je das Geringste gegen uns gefrevelt hat“. Willich hat bei mir anklopfen lassen, ob auch die Brüningk-Geschichte vorkommt. Das macht ihm viele Skrupel.

„Der wahre Verlauf“ dieser absonderlichen Begebenheit entwickelt sich nun wie folgt:

Erst, wie Du weißt, leugnete Willich direkt. Seine 2te Ausgabe war: „Die Brüningk habe ihn politisch korrumpieren wollen. – Herr von Willich links und rechts und andre Korruptionsmittel angewandt.“ Aus „moralischer Absicht“ machte er also die Diversion nach ihren Geschlechtsteilen.

Jetzt aber hat sich unser Partisanenchef den Kasus wieder anders konstruiert. „Die Brüningk (dies hat ihm Imandt früher erzählt) ist russische Spionin. Sie sucht junge Flüchtlinge zu fangen. Der alte Willich war ihr im Wege. Daher jene Anekdote, um ihn bei der Flüchtlingschaft zu ruinieren. Wie politisch-absichtlich-diabolisch diese erfundne ‚Anekdote‘, folge schon daraus, daß der eigne Mann der Brüningk ihre Schande kolportiere, bloß um Willich zu blamieren.“

Aber die Sache ist nicht am Ende. Der ritterliche Schimmelpfennig erklärt, Willich habe das Spionengerücht erfunden, um die Revolte seines „Cazzo“5 zu maskieren. Jetzt steht die Sache so, daß zwischen diesen 2 Edlen die Geschichte schwebt und Willich, von einer Lüge zur andern getrieben, sich erst recht kompromittiert.

Bei dem Hahnrei Brüningk fällt mir ein schöner Witz ein, den ich vor ein paar Tagen in einer Comedia Machiavellis gelesen:

Nicia (Hahnrei): Chi è san Cuccù?6
Ligurio: È il più onorato santo che sia in Francia.7

Willich und Kinkel in großen Ängsten, wie sie die Revolution mit den 1200 £ machen sollen. Schurz, Schimmelpf[ennig], Strodtmann etc. ziehen sich mehr und mehr von Kinkel zurück. – Willich wäre mit 100 Pferdekraft nicht von dem coffre-fort8 zu trennen. – Vor 8 Tagen erscheint Kinkel bei Imandt, von dem er weiß, daß er mit mir zusammenkömmt, und sagt: „Es sei schade, daß meine Ökonomie noch nicht erscheine, damit man endlich eine positive Grundlage bekomme.“ I[mandt] fragt ihn nach Freiligraths Gedicht. „Solche Sachen lese er nicht“, repliziert Godofredus.

Das Komischste ist, nachdem die Hunde nun seit Jahren bloß von Schimpfen gegen uns gelebt, erklären sie jetzt, es sei unter „unsrer Würde“ und „Stellung“, solchen Klaklaklatsch zu schreiben. Les drôles!9

Indes hat sich den trostlosen Willich-Kinkel, die die Revolution machen sollen, eine neue Aussicht eröffnet. Die Herrn Rodbertus, Kirchmann und andre ambitiöse Ministerkandidaten haben einen Legaten nach London geschickt. Die Herrn wollen nämlich, in Nachahmung der Franzosen, von dem Vogt, eine deutsche Karbonarigesellschaft bilden. Verbindungen auch mit den extremsten Parteien. In Deutschland soll für die Kosten Papiergeld ausgegeben werden. Da sie nun ihre Haut möglichst zu salvieren suchen, sollen Emigrationsmänner dies Papier unterhauen, und zwar von „allen“ Parteien.

Schapper hat mir durch Imandt reuige Bekenntnisse machen lassen und anklopfen. Erwidert: Erst solle er öffentlich mit Willich brechen, das Spätere würde sich finden. Das sei die conditio sine qua10.

Du wirst von neuen Verhaftungen in Paris gelesen haben. Die Tölpel (diesmal Ruge-Clique) mußten natürlich eine Scheinkonspiration wieder von neuem auf die Tapete bringen. Ihr Korrespondent in Paris, wie mir schon vor geraumer Zeit mitgeteilt war, Engländer, notorischer Polizeiagent (in Paris), deponiert natürlich jeden ihrer Briefe sofort im Office. Nicht zufrieden damit, schickt die französische Polizei Simon Deutsch her, um dem Tausenau die Würmer aus der Nase zu ziehn. L[ouis]-N[apoleon] bedarf unter allen Umständen einer Konspiration.

Aber er hat eine auf dem Hals, von der er noch nichts zu wissen scheint. Die der family d’Orléans, deren Agent Herr Bangya (aber im Einverständnis mit den ungarischen „Radikalen“) jetzt ist. Plan: B[onaparte] soll eines Abends bei seiner Winkelhure, zu der er hinter dem Rücken der Engländerin schleicht, abgefangen werden. Ein Hauptagent der Polizei ist bestochen. Zwei Generale sollen gewonnen sein. Nemours war selbst vor 14 Tagen in Paris. Große Summe zur Verbreitung von Pamphleten gegen L[ouis]-N[apoleon] verausgabt.

Was meinst Du. Wenn noch einmal einer der d’Orléans nach Paris reist und man erführe etwa das Datum, sollte man den „vrai prince“ nicht dem „faux prince“11 denunzieren, d’une manière ou d’une autre12. Sag mir Deine Ansicht drüber.

Der Hund Cherval hat den Preußen auch den Pfänderschen Brief an ihn ausgeliefert.

Au revoir.

Dein
K.M.

Von dem gottvollen Weydemeyer keine Spur. Bonaparte wird wohl eher in Amerika sein als meine Broschüre über ihn13 in Europa. Wenn möglich, schick mir bald einen Artikel für Dana14.

Von Pietro Aretino, dem Vorvater (nur mit mehr Witz) der Cassagnacs, teile ich Dir folgenden Eingang seiner „Dubbii amorosi“ mit:

Prefazione. Magnifico utriusque Ser Agnello,
Voi qui scribere scitis quare, quia,
Espelle, volte fatte co’l cervello,
Di Bartolo e Baldo notomia,
E le leggi passate co’l costello,
Nella vostra bizzarra fantasia,
Questi dubbii, di grazia, mi chiarite
Ch’oggi in Bordello han mosso un gran lite.

Vi sono genti fottenti, e fottute;
E di potte e di cazzi notomie.
E nei culi molt’ anime perdute etc.15