Lieber Marx,
Inl. den Brief von Cluß zurück. Es fällt mir dabei ein, daß jetzt, wo Herr Dana sich mit B.Bauer und Simon von Trier in Verbindung gesetzt und zugleich Dir wegen der Präsidentenwahl den Raum beschränkt hat, es gewiß am Platze wäre, gegen Herrn Dana einige Yankeeschritte zu tun. Cluß und einige andre sollten von verschiedenen Seiten an Herrn Dana schreiben, wie das käme, daß diese inkoparablen1 Artikel so selten und unterbrochen erschienen, und daß dies hoffentlich nicht an der Redaktion läge, die dies vielmehr, wie man erwarte, abzustellen und häufiger Artikel von K.M. zu bringen imstande sein werde pp. Weyd[emeyer] könnte dies sehr leicht organisieren; man brauchte ihm als Grund dafür nur anzugeben, daß D[ana] Dir den Raum beschränken wolle und deswegen eine derartige Demonstration am Platze sei, um uns dies Organ offenzuhalten. A Barnum, Barnum et demi.2 Wenn es Dir recht ist, kann ich dies per nächsten Steamer bei Weyd[emeyer] einleiten.
Das Zirkular des Konvents an die Sektionen ist heiter. Ich will mich hängen lassen, wenn die Sektionen St.Petersburg, Warschau, Berlin, Rom usw. weiter als 4 Meilen von Charing Cross entfernt domiziliert sind. Dies karbonarisch-wichtigtuend-energischaussehend-tagesbefehlmäßige Auftreten verrät, wie sehr die Herren sich wieder selbst über ihre angeblich organisierten Kräfte täuschen. Jetzt einen Putsch zu beabsichtigen, ist eine Bêtise3 und eine Gemeinheit. Aber freilich, „es muß doch was geschehn! es muß doch was getrieben werden!“ Es wäre den Chefs, die das Ding leiten sollen, zu wünschen, daß sie sämtlich gefangen und füsilirt würden; aber freilich, die großen Männer werden sich hüten, und der Heros Willich wird ruhig in London bleiben, solange noch Geld in der Kasse, Kredit bei Schärttner und freie Röcke und Stiefel ad libitum4 in der „Schneiderei und Schusterei“ zu haben ist. So versteht Herr Willich die Verpflegung der Armeen!
Die Sache wegen der Charakterbilder5 ist soweit gut. In 4 Wochen kann das Ding fertig sein. Sorge nur für jemand Zuverlässiges, der die Sache ins reine schreibt, damit eine ganz unbekannte Handschrift in die Welt geht. Wenn Du herkommst, bring die Americana, die komplette „N[eue] Rh[einische] Z[eitung]“ und die nötigen schriftlichen Dokumente mit. Mein Alter kommt morgen und wird schwerlich länger als 8–10 Tage hier bleiben können.
Ich habe endlich meine kriegswissenschaftlichen Sachen aus Deutschland erhalten. Was ich bis jetzt davon gelesen, ist nur wenig. Herr Gustav von Hoffstetter, der Vielgerühmte, erscheint mir nicht gerade als Napoleon, sondern bis jetzt nur als recht brauchbarer Chef eines Bataillons oder so im kleinen Gefecht. Doch hab’ ich sein Ding noch nicht ausgelesen. Ein ganz hübsches Ding dagegen ist eine Broschüre über die neuen Fortifikationen im großen, von einem preußischen Ingenieurhauptmann Küntzel – historischer und materialistischer als irgend etwas, was ich bisher in militaribus6 gelesen. – Was nun den Herrn Willisen angeht, so ist hier zu sagen, daß bei Idstedt nicht die Dänen über die Schleswig-Holsteiner, sondern die gewöhnliche Taktik des gesunden Menschenverstandes über die Hegelsche Spekulation gesiegt hat. Das Willisensche Buch sollte eigentlich heißen: Philosophie des großen Kriegs. Es versteht sich damit von selbst, daß in dem Ding mehr Philosophiererei als Kriegswissenschaft enthalten ist, daß die sich am meisten von selbst verstehenden Sachen mit der weitläufigsten und tiefsten Gründlichkeit a priori7 konstruiert werden und daß dazwischen die schulgerechtesten Abhandlungen über Einfachheit und Mannigfaltigkeit und dergl. Gegensätze vorkommen. Was soll man zu einer Kriegswissenschaft sagen, die mit dem Begriff der Kunst en général8 anfängt, dann nachweist, daß auch die Kochkunst eine Kunst ist, über das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft sich des breiteren ausläßt und schließlich alle Regeln, Verhältnisse, Möglichkeiten pp. der Kriegskunst in dem Einen absoluten Satz aufgehen läßt, daß der Stärkere immer den Schwächeren schlagen muß! Hier und da sind nette Aperçus9 und brauchbare Reduktionen auf einfache Grundregeln; es wäre auch schlimm, wenn das nicht der Fall wäre. Auf seine Anwendung auf die Praxis bin ich noch nicht gekommen; aber es spricht nicht sehr für Willisen, daß Napoleons größte Erfolge jedesmal durch Mißachtung der Willisenschen ersten Regeln erlangt wurden, ein Resultat, das sich ein bibelfester Hegelianer freilich sehr gut erklären kann, ohne daß die Regeln im geringsten zu leiden brauchen.
Wie ich sehe, sind Görgeys Memoiren soeben erschienen – sie kosten aber 6 Taler und ich werde sie mir daher jetzt noch nicht anschaffen können. Mit ihnen kann man das Material über das Militärische des ungarischen Kriegs als vorderhand abgeschlossen betrachten. Über den ungarischen Krieg mach ich jedenfalls etwas, vielleicht über alle 1848/49er Kriege. Sowie ich etwas mit der früheren Kriegsgeschichte im reinen bin, werde ich mich nach einem Verleger umsehn, der dann auch den größten Teil der Kosten für die Quellen tragen kann. Die Dir vorigen Samstag geschickten 30 [sh.] wirst Du erhalten haben.
Dein
F.E.
Manchester, 7.Mai 1852