Lieber Marx,
Von Hain erhielt ich gestern abend ein Billett, was ich Dir nebst Antwort darauf gestern zurückschickte. Ich denke, hiernach wird Herr Hain schon zahlen.
Inl. die Stamps1, denen bald mehr folgen sollen. Auch die Geschichten zurück. Der Brief von Ewerbeck ist ein würdiger Pendant zu seinem Buch. „Helft mir doch gegen Ribbentrop! Ich werde ihn der Demokratie als hypocrite und débaucheur2 denunzieren!“ Der Mensch ist vollends verkindischt. Auch Freund Bruno hat nicht zugenommen an Weisheit und Erkenntnis Gottes.3 Il valait bien la peine4, von Berlin aus die amerikanische Presse in Bewegung zu setzen, um auf diesem weiten Umwege der erstaunten Welt zu verkünden, daß die kontinentalen Armeen zur Aufrechthaltung der innern Ruhe da sind. Herr Bruno repräsentiert noch immer die Hegelsche Dialektik auf der Stufe ihrer tiefsten Versumpfung. Die ganze Tiefe der Geschichtsauffassung beschränkt sich in diesem Entwicklungsstadium darauf, die banalsten Gemeinplätze mit einem hinreichenden Aufwand von Pathos und scheinbarer Entwicklung umständlich zu beweisen und sie dann als ein ganz neu entdecktes Resultat des Forscherfleißes hinzustellen. Alles das ist erträglich bei längst vergangnen Historien, aber wenn einem die unmittelbare Gegenwart auf diese Weise vermystiziert wird, so ist das zu arg, und jeder Esel muß merken, daß nichts dahintersteckt. Und die tiefe Wahrheit: die Regierungen haben recht gegen die Revolutionen, weil diese noch unreif sind, aber die Revolutionen haben auch recht gegen die Regierungen, weil sie die Ideen der Zukunft zwar embryonisch und unreif, aber doch [...] 5 substantiell repräsentieren – alter Hegelscher Witz, der gewiß selbst in Amerika nicht mehr neu ist! Und immer und ewig die „Verstimmung“, die „Verdrießlichkeit“, die „gründliche Gleichgültigkeit“ des „Bürgers“. „In einigen Ländern kämpfen Klassen gegen Klassen, in andern Nationen gegen Nationen.“ Genaugenommen ist dieser ungeheuer gescheite Satz das Ganze, was Bruno aus der Revolution gelernt hat.
Herr Tellering ist offenbar aus Frankreich fortgeschafft worden als heimatlos vagabundierendes Mitglied des Lumpenproletariats und nicht einmal in der Société du 10 Décembre brauchbar.
Wenn Du nicht positiv weißt, daß Dr[onke] freiwillig nach Deutschland gegangen ist, so scheint mir die Sache wahrscheinlicher so, daß er, als früher schon aus Frankreich ausgewiesen, diesmal nicht nach einer beliebigen, sondern nach der deutschen Grenze transportiert worden ist. Der alberne Narr hatte sich indes glücklich nach Nassau durchgeschlagen – warum geht er nach Koblenz, wo er viel besser getan hätte, nach Hamburg zu gehn und von da, wo ihn niemand kennt, und wo er Weerth und Strohn getroffen hätte, also auch Geld, nach England! Aber vom Nassauschen, wo er so nahe war, zog ihn offenbar die Hoffnung auf Geld nach Koblenz, und wäre er da durchgekommen, so wäre er gewiß nach Köln gegangen. Für die Kölner ist es indessen gut, daß sie schon durch den Anklagesenat passiert sind, sonst gäbe Dr[onke]s Arretierung Anlaß zu neuen 6monatlichen Untersuchungen. Man wird ihn sehr bald nach Köln transportieren und vielleicht vor den Assisen versuchen, als Zeuge auftreten zu lassen. Ihm selbst geschieht diesmal ganz recht. Das Geld, was er etwa brauchte, konnte er in Frankfurt gewiß auftreiben oder sich von Lassalle irgendwo hinschicken lassen, aber nein, das Kerlchen muß absolut nach Koblenz, wo ihn jeder Gensdarm und jeder Hund auf der Straße kennt. En attendant il est sûrement logé.6
Dein
F.E.
Manchester, 25. April 1852