Lieber Weydemeyer
Meinen besten Dank für Deine Mitteilungen. Wenn Du aus dem Hofstetter noch weiteres herausschlagen kannst, so werde ich Dir dafür sehr verbunden sein. Ich sollte übrigens meinen, Dir müßten doch noch die Titel einiger Leitfäden und sonstigen Militärschulbücher von früher her im Gedächtnis sein; was ich besonders brauche, ist grade das Allerplatteste und Ordinärste, was im Fähndrichs- und Leutnantsexamen gefordert wird, und was eben deswegen überall als bekannt vorausgesetzt wird. Den Decker hatte ich mir schon in der Schweiz, in einer schlechten französischen Übersetzung und ohne Pläne, angeschafft, aber Marx hat ihn mir verschmissen, und er wird sich schwerlich wiederfinden. Den Atlas werde ich mir anschaffen, ich muß aber auch eine Karte von Ungarn haben. Ich sehe, daß der östreichische Generalstab mehrere Arbeiten hierüber veröffentlicht hat, sage mir, ob Deine Karte der Art war und was sie kostet, im schlimmsten Falle ist sie immer brauchbarer als der große Stieler. Für Baden und besonders die badisch-schweizerische Rheingrenze hab’ ich hinreichende Karten aus der Kampagne gerettet. Ich werde mir nun durch Weerth, der wieder in Hamburg ist, Preise pp. verschaffen und dann sehn, was ich mir kaufe. Aber wie gesagt, welche weitere Auskunft Du mir noch besorgen kannst, wird mir sehr angenehm sein.
Daß Du nach Amerika gehst, ist schlimm, indes, ich wüßte wahrhaftig nicht, welch andern Rat ich Dir geben sollte, wenn Du in der Schweiz nichts findest. In London ist durchaus nicht viel los, und Lupus hat noch immer nichts gefunden. Er sieht sich nach einer Stelle um, und ich suche ihm hier eine zu verschaffen, aber bis jetzt erfolglos. In Musik ist die Konkurrenz hier enorm. Après tout1 sieht sich New York von England und besonders von hier aus nicht so weit an, wenn man die Steamers regelmäßig vom Mittwoch der einen bis zum Samstag der andern Woche die Passage machen sieht und selten die 10 Tage Passage vollmachen. In New York wirst Du auch den kleinen roten Becker2 finden, er war zuletzt Expedient der „Arbeiterzeitung“, ob er noch dran ist, weiß ich nicht, da ich lange nichts von ihm gehört. Seine letzte Adresse war 24, North William Street, upstairs3, doch wenn Du die jetzige nicht wissen solltest, so ist er bei Lièvre, Shakespeare Hôtel, oder auf der „Staatszeitung“ gewiß zu erfragen. In New York ist übrigens sehr viel zu tun, und ein ordentlicher Repräsentant unsrer Partei, der auch theoretisch gebildet ist, fehlt dort sehr. Du wirst Elemente genug vorfinden, Dein größtes Hindernis wird aber sein, daß die brauchbaren Deutschen, die etwas wert sind, sich leicht amerikanisieren und alle Absicht auf Rückkehr fahrenlassen; und dann kommen eben die besondern amerikanischen Verhältnisse in Erwägung, die Leichtigkeit des Abflusses der Übervölkerung aufs Land, die notwendig rasch und rascher steigende Prosperität des Landes, die ihnen die bürgerlichen Verhältnisse als beau idéal4 erscheinen lassen usw. Was unter den dortigen Deutschen an Rückkehr denkt, sind meist nur verbummelte Subjekte, Revolutionsexploiteurs à la Metternich und Heinzen, und die um so erbärmlicher sind, je untergeordneter sie sind. Du findest übrigens den ganzen vaterländischen Reichsmob in New York. Daß Du Dich dort wirst halten können, bezweifle ich nicht – außer New York ist höchstens noch St. Louis erträglich, Philadelphia und Boston sind gräßliche Nester. – Könntest Du die Zeitung erobern, so wäre das famos. Im andern Fall sieh Dich bei der „New-Yorker Staatszeitung“ heranzumachen, die uns sehr günstig ist und deren europäische Korrespondenzen beständig unter unsrer Kontrolle waren.
Die Korrespondenz von dort aus geht am besten durch mich, ich lasse dann die Firma das Porto zahlen.
Von der Kaserne höre ich wenig mehr, außer daß Willich sich mit dieser Bande überworfen hat und nicht mehr kaserniert. Der Stamm der Armee der Zukunft ist aufgelöst5, wie mir M[arx] schreibt, und Willich ist ohne Besançon. Quelle horreur!6 Dieser W[illich] ist übrigens nicht nur ein Narr, sondern ein infam heimtückischer, maliziöser Kerl, dessen Bosheit, einer bis ins Allerkolossalste und Unglaublichste aufgespreizten Eitelkeit und Selbstanbetung zum Mittel dienend, durchaus keine Grenzen kennt. Ich habe nie ein so durch und durch verlogenes Subjekt gesehn. Ich kann Dir versichern, daß ich, buchstäblich, nie ein wahres Wort aus seinem Munde gehört habe. Du kannst Dir wirklich keine Vorstellung machen, welche Figur die fixe Idee, daß er der Mann sei, dessen militärisches, politisches und sozietätsorganisatorisches Genie die Revolution zum Sieg und zur Vollendung durchführen muß, aus diesem Menschen gemacht hat. Natürlich hat sich diese Tollheit erst graduell entwickelt. Ich halte ihn jeder Gemeinheit ohne Ausnahme kapabel, übrigens glaube ich auch nicht, daß er diesmal direkten Verrat begangen hat. Die Hamburger Geschichte hat sich anders aufgelöst; der einzige dortige Agent W[illich]s und Schappers, Bruhn, ist nicht der Verräter. Es heißt, Haupt habe geschwatzt, aber ich kann es nicht glauben.
Wir lassen die ganze Bande natürlich treiben, was sie wollen – ihr ganzes Treiben beschränkt sich natürlich auf Rodomontieren, Verrückte-Pläne-Schmieden und Schimpfen über uns – und kann uns gleichgültig sein. Zu beobachten brauchen wir sie nicht, das tut die preußische Polizei für uns. Es wird in der Kneipe von Schärttner, wo sie sitzen, kein Wort gesprochen, das nicht rapportiert wird.
Du schreibst also jedenfalls vor Deiner Abreise noch einmal und gibst mir den Namen des Schiffs an, mit dem Du gehst – ich kann aus den hiesigen Blättern sehn, wann es in New York ankommt. Von New York aus gib gleich Deine Adresse. – Die von Marx ist 28, Dean Street, Soho Square, London.
Viele Grüße.
Dein
F.Engels
Manchester, 7.Aug. 51
Hast Du von Dronke etwas gehört? Er sitzt noch in Genf, seine Adresse wirst Du von Schuster haben.