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Engels an Ernst Dronke
in Genf

Lieber Dronke

Du bist seit längerer Zeit ganz ohne Nachricht von uns geblieben – zuerst infolge mangelnder Adressen seit dem Tode Galeers, und dann, seit Du uns Schusters Adresse angabst, infolge hierhergekommener Nachrichten, daß Du bald selbst nach England kommen werdest. Da aber Lupus nun schon fast einen Monat in London ist und wir von Dir nichts hören, so müssen wir vermuten, daß Du einstweilen noch dort bleiben wirst.

Über die im vorigen Herbst vorgefallenen Londoner Geschichten bist Du unterrichtet. Was Du nicht von hier aus gehört hast, hast Du aus seitdem veröffentlichten Dokumenten gesehen. Ich brauche Dir also nur einiges des seitdem Vorgefallenen zu erzählen, um Dich au fait1 zu setzen.

Da ich seit Novbr. 50 hier in Manchester sitze und Marx wenig englisch spricht, so war die Verbindung mit Harney und den Chartisten ziemlich ins Stocken geraten. Dies benutzten Schapper, Willich, L.Blanc, Barthélemy pp. – kurz, der ganze deutsch-französische, mit uns auf der einen, mit dem Ledru-Mazzinischen Komitee auf der andern Seite, unzufriedne Schwamm – dazu, den Harney in ein Bankett für den 24.Febr. zu verwickeln, was ihnen gelang. Bei diesem Bankett fielen folgende Kuriosa vor:

1. Zwei von unsern Leuten2, die anwesend waren, und worunter Schramm, wurden vom deutschen Flüchtlingsmob herausgeschmissen – die Sache wurde ernsthaft, hätte fast zu gerichtlichen Verhandlungen geführt, wurde indes von uns beigelegt mit hinreichender Satisfaktion für die Beteiligten, dagegen führte sie zu halbgespanntem Verhältnis – momentan – mit Harney, der sich dabei schwach benommen hatte. Jones, der überhaupt ein andrer Kerl ist wie Harney, ist dafür ganz mit uns und exponiert jetzt den Engländern das „Manifest“3.

2. Herr Willich, in Ermangelung von Adressen aus Deutschland, verlas eine aus der Schweiz, worunter auch Deine Unterschrift. Durch welche Betrügerei oder Fälschung Dein Name unter solch ein Aktenstück gekommen ist, können wir hier natürlich nicht wissen, und jedenfalls mußt Du uns das Nötige darüber schreiben, nachdem Du selbst die betreffenden Nachforschungen angestellt hast. Im compte rendu4 des Banketts ist übrigens die Adresse mit Deinem Namen drunter gedruckt, und Du kannst Dir den Jubel denken, daß einer von der „N[euen] Rh[einischen] Z[eitung]“ drunterstand.

3. Die Geschichte mit dem Blanquischen Toast. Barthélemy als angeblicher Blanquist ließ Blanqui um einen Toast für das Bankett bitten, und Bl[anqui] schickte die famose Attacke auf die ganze prov. Regierung, Blanc et Comp. inklusive. Barthélemy, niedergedonnert, legte sie vor, und es wurde beschlossen, sie zu unterdrücken. Blanqui aber kannte seine Leute, und der Toast erschien gleichzeitig mit dem Bankett in den Pariser Journalen und verdarb den ganzen Knalleffekt. Der kleine Seufzerschwindler L.Blanc erklärte nun in der „Times“ und das Komitee – Willich, Schapp[er], L.Bl[anc], Barthélemy, Vidil pp. – in der „Patrie“, sie wüßten von dem ganzen Toast nichts. Die „Patrie“ aber setzt hinzu, der Schwager Blanquis, Antoine, bei dem sie sich erkundigt, habe den Toast an Herrn Barthélemy abgeschickt und von diesem, dem Mitunterzeichner der Erklärung, Empfangsanzeige in Händen. Hierauf erklärt Barthélemy, das sei richtig, er nehme alles auf sich, er habe gelogen, er habe den Toast erhalten, aber der Harmonie wegen unterdrückt. Zum Unglück aber erklärt gleichzeitig der Ex-Capitaine de dragons5 Vidil, er wolle alles gestehn, der Toast sei dem Komitee von Barthél[emy] vorgelegt und durch Beschluß desselben unterdrückt worden. Kann man sich eine größere Blamage der ganzen Bande denken! Wir übersetzten den Toast ins Deutsche und ließen ihn in 30 000 Exemplaren in Deutschland und England verbreiten.

Während der Novembermobilmachung wurde Willich durch fingierte Briefe in die größte Ekstase geritten und wollte mit der preußischen Landwehr die Welt revolutionieren. Die höchst komischen Dokumente und Revolutionspläne darüber sind in unsern Händen. Sie werden seinerzeit benutzt werden. Vor allen Dingen sollten alle „schriftstellerischen Elemente“ mit Stumpf und Stiel ausgerottet und die Diktatur der mobilisierten Eifelbauern erklärt werden. Malheureusement il n’en fut rien.6

Seitdem mühen sich die assoziierten, sich gegenseitig die Herrschaft und Unsterblichkeit verassekurierenden großen Männer vergeblich ab, irgendwo Posto zu fassen. Alles ist eitel, und sie haben die Satisfaktion, daß unter sämtlichen in Deutschland vorgekommnen Haussuchungen und Verhaftungen nicht eine einzige ist, die infolge von Verbindungen mit ihnen stattgefunden hat.

Wir haben dagegen die Genugtuung, den sämtlichen Londoner großmäuligen, konfusen und impotenten Flüchtlingspöbel los zu sein und endlich wieder einmal ungestört arbeiten zu können. Die zahllosen Privatgemeinheiten des Packs können uns gleichgültig sein. Wir waren dem Gesindel von jeher überlegen und haben sie in jeder ernsthaften Bewegung beherrscht; seitdem aber haben wir aus der Praxis seit 1848 enorm viel gelernt und die Ruhe seit 1850 gehörig benutzt, um wieder zu ochsen. Wenn es wieder zu etwas kommt, so werden wir diesmal noch ganz anders gegen sie im Vorteil sein und dazu noch auf Gebieten, woran sie gar nicht denken. Und abgesehn von alledem haben wir den enormen Vorteil, daß sie sämtlich Stellenjäger sind und wir nicht. Man begreift nicht, wie es noch Esel geben kann, nach den gemachten Erfahrungen, deren höchste Ambition darin besteht, le lendemain même de la première insurrection victorieuse7 – was sie so Revolution nennen – in irgendeine Regierung zu treten und nach 4 Wochen zertreten oder blamiert beiseite geworfen zu werden, wie Blanc und Flocon 1848! Und noch dazu die Regierung Schapper – Gebert – Meyen – Haude – Willich! Leider kommen die armen Teufel nie zu dieser Satisfaktion, sie werden leider wieder Schwanz werden und als solcher noch einige Konfusion in kleinen Städten und bei den Bauern anrichten können.

Was machst Du eigentlich in Genf? Man spricht davon, daß Du Gatte und Vater seist und daneben mit Moses sehr freundschaftlich ständest – aus Rücksichten für die Mös8in. Nach andern soll das alles pure Verleumdung sein, aber das wäre hier – bei zehn Breitengraden Entfernung – schwer zu entscheiden. Freiligrath ist auch in London und gibt einen neuen Band Gedichte heraus. Weerth ist in Hamburg und schreibt, wie ich, bis zur nächsten Paukerei Handlungsbriefe. Er hat von seiner spanischen Reise nichts mitgebracht, nicht einmal einen Tripper. Übrigens kommt er diesen Monat nach London. Der rote Wolff hat verschiedne Phasen des Irländertums, des [...]8 Bürgertums, der Verrücktheit und andrer interessanter Zustände durchgemacht und den Schnaps vollständig mit dem half and half9 vertauscht. Der père10 Marx geht tagtäglich auf die Bibliothek und vermehrt in erstaunlicher Weise seine Kenntnisse, aber auch seine Familie.

Ich endlich trinke Rum und Wasser, ochse und mache in Twist und Langeweile. Das ist das Resümee der Personalia.

Da die Verhaftungen in Deutschland uns hier zwingen, in vieler Beziehung wieder für Herstellung der Verbindungen zu sorgen und manche abgetretne Arbeit wieder zu übernehmen, so ist es nötig, daß Du so rasch wie möglich schreibst, wie es in der Schweiz aussieht. Antworte also gleich, und wenn Du weitere Aufklärungen wünschtest, so gibt die betreffenden Punkte an. Adressiere an mich – care of Messrs11 Ermen & Engels, Manchester – via Calais.

Dein
F. Engels

Manchester, 9. Juli 1851