94
Marx an Joseph Weydemeyer
in Frankfurt a.M.

[London] 27. Juni 1851

Lieber Hans!

Ich weiß nicht einmal, ob ich recht tue, Dir durch Fabricius einen Brief zuzuschicken. Wer bürgt mir dafür, daß dieser Mann nicht an der Grenze abgefaßt wird, da er sich hier ein wahres Felleisen von Briefen aufbürden läßt?

Obgleich es mit dem amerikanischen Plan, den Du vorhast – Engels hat vielleicht schon darüber geschrieben an Dich1 –, nichts ist, so wird Dir doch nichts anderes übrigbleiben, als hierherzukommen und uns zu verstärken. Vielleicht findet sich auch irgendwas, wo gemeinsame Tätigkeit – natürlich bürgerliche, car il faut vivre2 – möglich ist.

Ich weiß jetzt aus sichrer Quelle, daß Verrat und Denunziation bei den Verhaftungen unsrer Freunde im Spiel ist. Ich bin moralisch überzeugt, daß die Herrn Willich und Schapper und ihre nichtswürdige Lumpenhundenbande direkt in dieser Infamie mitspielen. Du begreifst, wie wichtig diesen „großen Männern“ in partibus3 die Leute in Deutschland beiseite zu schaffen, von denen sie glauben, daß sie ihrer Thronbesteigung direkt im Wege stehn. Die Esel begreifen nicht, daß man sie für Esel hält und höchstens mit einer Verachtung würdigt.

Willich, trotz seiner biedermännisch-edlen, spartanersuppenartigen Unteroffiziers-Sittenheuchelei, ist ein ganz ordinärer, merke Dir wohl, ganz ordinärer chevalier d’industrie, pillier d’estaminet4 und – letztres verbürge ich nicht, obgleich mir von einem respektablen Philister mitgeteilt – falscher Spieler. Der Bursche liegt den ganzen Tag in der Kneipe, aber natürlich demokratischen, wo er gratis konsumiert, und als bare Zahlung Gäste zuführt und sie unterhält mit seinen stereotyp-revolutions-zukunftslüstigen Phrasen, an die dieser Ritter selbst nicht mehr glaubt, so oft hat er sie wiederholt unter so widersprechenden Umständen und immer mit demselben Erfolg. Der Kerl ist ein Schmarotzer der gemeinsten Sorte – alles natürlich unter patriotischen Vorwänden.

Der ganze Kommunismus dieses Subjekts läuft darauf hinaus, daß er entschlossen ist, stets auf Kosten des Publikums, in Kommunion mit andern fahrenden Rittern, ein freies Leben zu führen. Die ganze Tätigkeit des Mannes besteht darin, über uns in den Kneipen zu klatschen und zu lügen und mit Verbindungen in Deutschland zu renommieren, die er nicht besitzt, an die aber der Zentral-Hanswurst A.Ruge, der Gesinnungsflegel Heinzen und der verschauspielerte, gefallsüchtige, theologische Belletrist Kinkel glauben und womit auch den Franzosen gegenüber renommiert wird.

Apropos. Während letztgenannter pfäffischer Adonis sich die Beine in den bourgeois cercles5 abläuft, sich von ihnen füttern und hätscheln läßt etc.etc., pflegt er im geheimen verbotnen Umgang mit Schapper und Willich, damit er doch auch mit „der Arbeiterpartei“ in Fühlung bleibt. Dieser Bursche möchte gern allen alles sein. Er hat in jeder Hinsicht die frappanteste Ähnlichkeit mit F[ried]r[ich] W[ilhelm] IV., der nichts als ein Kinkel auf dem Thron und von derselben schönrednerischen Weißflüssigkeit ist.

Wenn Du mich fragst, wovon Du hier leben sollst, so antworte ich Dir: Trete in die Fußstapfen des tapfern Willich. Er sät nicht, er erntet nicht, und der himmlische Vater nährt ihn doch.

Aber nun au sérieux6! Es ist – falls Dein Aufenthalt in Deutschland gefährdet ist – gut, daß Du herkommst. Könntest Du ungeschert in Deutschland bleiben, es wäre natürlich besser, denn dort sind die Kräfte nützlicher wie hier.

Dein
K.M.

Apropos. Der auswärtige Handel Englands beträgt wenigstens 1/3 des ganzen Handels und seit der Abschaffung der Kornzölle mehr. Übrigens heißt das ganze Argument des Herrn Christmann7 nichts. Schon Pinto hat erklärt, daß, wenn 10/10 zu einer Sache nötig sind, das letzte 1/10 ganz ebenso wichtig ist, wie die frühern 9/10. Gesetzt, der auswärtige Handel Englands sei nur 1/4 (was falsch ist). So ist sicher, daß ohne denselben die andern 3/4 nicht existieren würden, und noch weniger die 4/4, die erst die Ziffer 1 geben.

Die Demokraten sind seit langer Zeit gewohnt, keine Gelegenheit vorübergehn zu lassen, ohne sich zu kompromittieren, ridicules8 zu machen und ihre Haut zu Markt zu tragen. Aber nie hatte es die Impotenz der „infiniment petits9 zu solch schlagender Demonstration gebracht, als in dem Blatt, das die hiesigen Zentraldemokraten – Ruge, Haug, Ronge usw. – herausgeben. Unter dem marktschreierischen Titel „Der Kosmos“ (Freiligrath nennt es richtig „Das Kosmos“) erscheint ein wöchentlicher Wisch, wie ihn in dieser schamlosflachen Nichtigkeit die deutsche Sprache – und das heißt was – vielleicht noch nie produziert hat. So übelriechende Winde hat selbst kein kleindeutsches Kirchspielblatt der Demokratie je zutage gefördert.

Es wäre vielleicht gut, wenn es noch einige Jahre ruhig bliebe, damit diese gesamte Demokratie von 1848 Zeit fände zu verfaulen. So talentlos unsere Regierungen sind, sie sind wahre lumina mundi10 gegen diese breitspurigen Normalesel.

Ade!

Ich bin meist von 9 Uhr morgens bis abends 7 Uhr auf dem Britischen Museum. Der Stoff, den ich bearbeite, ist so verdammt viel verzweigt, daß es mit aller Anstrengung nicht gelingt, vor 6–8 Wochen abzuschließen. Dazu kommen immer praktische Störungen dazwischen, unvermeidlich bei den elenden Verhältnissen, in denen man hier vegetiert. Trotz alledem und alledem eilt die Sache dem Schluß zu. Man muß einmal gewaltsam abbrechen. Die demokratischen „simpletons“11, denen die Erleuchtung „von oben“ kommt, haben natürlich derartige Anstrengungen nicht nötig. Wofür sollten sie sich mit ökonomischem und historischem Material plagen, diese Sonntagskinder? Es ist ja alles so einfach, pflegte der wackre Willich mir zu sagen. Alles so einfach! In diesen wüsten Köpfen. – Höchst einfache Kerls!