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Marx an Joseph Weydemeyer
in Frankfurt a.M.

London, 19. Dezember [1849]
4, Anderson Street, Kings Road Chelsea

Lieber Weydemeyer,

Ich schreibe Dir nach undenklicher Zeit. Bürgerliche Plackereien aller Art, vielerlei Beschäftigung und schließlich die Schwierigkeit, mit der ich überhaupt ans Briefschreiben komme, erklären Dir das lange Silentium. Ich bin jetzt endlich dahingelangt, meine „Revue“, post tot discrimina rerum1, zustande zu bringen, d. h. ich habe einen Drucker2 und Expedienten zu Hamburg. Sonst wird alles auf Privatrechnung geführt. Das Schlimme ist in Deutschland, daß immer so viele Zeit vergeht, eh’ man es zum Drucken bringen kann. Ich zweifle kaum, daß nach Erscheinung von 3, vielleicht 2 Monatsheften, der Weltbrand interveniert und die Gelegenheit, mit der Ökonomie provisorisch abzuschließen, wegfällt.

Da Du mitten in Deutschland hausest, und so die Details genauer kennst wie wir, wirst Du vielleicht auch Zeit finden, kurz und gedrängt, in einigen Hauptzügen, den Aspekt von Süddeutschland und was drum- und dran- hängt, für unsre „Revue“ zu schreiben.

Ich ersuche Dich ferner, folgende Anzeige3 in Eure Zeitung4 zu setzen, aber erst dann, wenn Du die Anzeige in der „Kölnischen Zeitung“, die vom buchhändlerischen Agenten in Hamburg ausgeht, gesehn hast. Vielleicht kannst Du eine Abschrift nach Westfalen schicken. Du wirst nämlich aus der Anzeige sehn, daß wir neben der buchhändlerischen Zirkulation dadurch eine zweite bewirken wollen, daß unsre Parteigenossen Abonnements- listen zustande bringen und uns solche herschicken. Einstweilen mußten wir den Preis noch ziemlich hoch und die Bogenzahl niedrig halten. Wachsen unsre Mittel durch eine ausgedehntere Zirkulation, so wird diesen Miß- ständen abgeholfen werden.

Was sagst Du zu dem Krakeel zwischen Proudhon, Blanc und Pierre Leroux?

Willich läßt Dich grüßen, ebenso Engels, der rote Wolff, Weerth.

Hier in England findet in diesem Augenblick wohl die bedeutendste Bewegung statt. Einerseits die Protektionistenagitation, gestützt auf das fanatisierte Landvolk – die Folgen des freien corn trade5 fangen an, so hervorzutreten, wie ich sie seit Jahren vorhergesagt6 –, andrerseits die Freetrader, die als financial und parliamentary reformers7 die weitern politischen und ökonomischen Konsequenzen ihres Systems nach innen, als peace-party8 nach außen hinziehn; endlich die Chartisten, die, mit der Bourgeoisie gegen die Aristokratie gemeinsam handelnd, zugleich ihre eigne Partei- bewegung gegen die Bourgeois mit größerer Energie wiederaufgenommen haben. Großartig wird der Konflikt dieser Parteien, und revolutionär-stürmischer wird die äußere Form der Agitation werden, wenn, wie ich hoffe, und nicht ohne reelle Gründe hoffe, die Tories anstatt der Whigs ins Ministerium kommen. Ein anderes auf dem Kontinent noch nicht sichtbares événement9 ist das Herannahn einer ungeheuern industriellen, ackerbauenden und kommerziellen Krise. Wenn der Kontinent seine Revolution verschieben wird bis nach dem Ausbruch dieser Krise, wird England vielleicht von vornherein ein, wenn auch mißliebiger, Bundesgenosse des revolutionären Kontinents sein müssen. Ein früheres Ausbrechen der Revolution – wenn es nicht direkt durch russische Intervention motiviert wird – wäre nach meiner Ansicht ein Malheur, da grade jetzt, wo der Handel immer en ascendant10 geht, die Arbeitermassen in Frankreich, Deutschland usw., ebenso der ganze Krämerstand usf. vielleicht in der Phrase, sicher aber nicht en réalité11, revolutionär sind.

Du weißt, daß meine Frau die Welt um einen Bürger bereichert hat. Sie läßt Dich und Deine Frau bestens grüßen. An letztere auch meine besten Grüße.

Schreib bald.

Dein
K. Marx

Apropos: Kannst Du mir die Adresse des Bürgers Hentze auftreiben?12 Du kennst aus den Zeitungen die albernen Renommagen des P.P. Heinzen. Dieser Kerl, den die Revolution in Deutschland kaputtmachte – vor