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Engels an Jakob Schabelitz
in Basel

Lieber Schabelitz

Ich bin Dir sehr verbunden für die prompte Beförderung eines Briefs an mich. Da ich meine Briefe nicht direkt kommen lassen kann und keine andre Adresse wußte, war ich genötigt, Dich damit zu behelligen. Vielleicht bekommst Du noch einen oder zwei für mich und bist gewiß so gut, sie mir ebenfalls zuzuschicken.

Ich sitze jetzt in Lausanne und schreibe meine Memoiren über die pfälzisch-badische Revolutionsposse1. Du kennst mich zu gut, um mir zuzutrauen, daß ich an dieser von vornherein verlorenen Affäre politisch mich beteiligt hätte. Ich habe mich in Karlsruhe und Kaiserslautern ganz gemütlich über die Schnitzer und die Unschlüssigkeit der provisorischen Regierungen lustig gemacht, alle Stellen ausgeschlagen, und erst, als die Preußen kamen, ging ich nach Offenbach zu Willich und machte als sein Adjutant die Kampagne mit. Bald im Hauptquartier, bald vor dem Feind, stets die Korrespondenz mit dem Oberkommando führend, in steter Verbindung mit d’Ester, der als „rote Kamarilla“ die Regierung vorwärtstrieb, in verschiedenen Gefechten und zuletzt in der Schlacht bei Rastatt hatte ich Gelegenheit, viel zu sehn und viel zu erfahren. Du weißt, daß ich kritisch genug bin, um die Illusionen der gewöhnlichen Brüllrepublikaner nicht zu teilen und die hinter großen Worten versteckte Mutlosigkeit der Chefs zu durchschauen.

Das Ding wird die Geschichte, wie das der „N[euen] Rh[einischen] Z[eitung]“ geziemt, anders auffassen als die andern darüber in Aussicht gestellten Erzählungen. Es wird manche Lumperei mehr an den Tag bringen und über die bisher fast gar nicht bekannten Geschichten in der Pfalz speziell viel Neues enthalten. Es wird nicht groß, 4–6 Bogen etwa.

Ich habe bis jetzt noch keine Ruhe gehabt, um mich nach einem Verleger umzusehn. Nach Deutschland möcht’ ich das Manuskript nicht gern schicken, man riskiert, daß es postalisch unterschlagen wird. In der Schweiz mit dem Buchhandel wenig bekannt, hab’ ich an Dich schreiben wollen, ob Dein Alter vielleicht zu den für dergleichen Schriften passenden und – NBzahlenden Verlegern gehört, denn Geld muß ich haben, il faut que l’on vive2. Daß das Ding anmutig zu lesen sein wird, brauche ich Dir nicht zu sagen, und daß es in Deutschland gekauft wird (es wird nicht konfiszierlich, le sujet n’y prête pas3), dafür bürgt Dir mein Name. Wenn also ein Geschäft mit Deinem Herrn Papa abzuschließen ist, so verlasse ich mich auf Dich, und wenn nicht, so ist es auch gut. In diesem Falle wirst Du mir jedenfalls Deinen sonstigen Rat nicht versagen, auch über etwaige deutsche Verleger, da ich auch über den deutschen Buchhandel sehr in Unwissenheit herumtappe.

Schreib mir also möglichst umgehend hierüber, und sei bestens gegrüßt von

Deinem
F. Engels

8, place de la Palud,
Lausanne, 24. August 1849