57
Engels an Jenny Marx
in Paris

Liebe Frau Marx

Sie sowohl wie Marx werden verwundert sein, daß ich so lange nichts habe von mir hören lassen. En voici les causes1: Denselben Tag, wo ich an Marx schrieb (von Kaiserslautern aus), kam die Nachricht, daß Homburg von den Preußen besetzt und somit die Kommunikation mit Paris abgeschnitten war. Ich konnte nun den Brief nicht mehr abschicken und ging zu Willich. In Kaiserslautern hatte ich mich von aller Befassung mit der soi-disant2 Revolution ferngehalten; als aber die Preußen kamen, konnte ich der Lust nicht widerstehen, den Krieg mitzumachen. Willich war der einzige Offizier, der etwas taugte, und so ging ich zu ihm und wurde sein Adjutant. Ich war in vier Gefechten, wovon zwei ziemlich bedeutend, namentlich das bei Rastatt, und habe gefunden, daß der vielgerühmte Mut des Dreinschlagens die allerordinärste Eigenschaft ist, die man haben kann. Das Kugelpfeifen ist eine ganz geringfügige Geschichte, und während des ganzen Feldzugs hab’ ich trotz vieler Feigheit kein Dutzend Leute gesehn, die sich im Gefecht feig benahmen. Desto mehr aber „tapfre Dummheit“. Enfin3, ich bin überall glücklich durchgekommen, und au bout du compte4 ist es gut, daß einer von der „N[euen] Rh[einischen] Z[eitung]“ dabei war, weil alles demokratische Lumpenpack in Baden und der Pfalz war und nun mit nicht getanen Heldentaten renommiert. Es würde wieder geheißen haben: die Herren der „N.Rh.Z.“ seien zu feig, sich zu schlagen. Von allen den Herren Demokraten aber hat sich niemand geschlagen, außer mir und Kinkel. Letzterer hat sich bei unserm Korps als Musketier gestellt und sich ganz gut gemacht; im ersten Gefecht, das er mitmachte, bekam er den Streifschuß an den Kopf und wurde gefangen.

Nachdem unser Korps den Rückzug der badischen Armee gedeckt, gingen wir, 24 Stunden später als alle andern, in die Schweiz und sind gestern hier in Vevey angekommen. Während des Feldzugs und des Marsches durch die Schweiz war es mir absolut unmöglich, auch nur eine Zeile zu schreiben. Jetzt aber beeile ich mich, Nachricht zu geben und um so schleuniger an Sie zu schreiben, als ich – irgendwo in Baden – gehört habe, Marx sei verhaftet in Paris. Wir bekamen nie Zeitungen zu sehn, erfuhren also nichts. Ob es wahr ist oder nicht, hab’ ich nie erfahren können. Sie begreifen die ängstliche Spannung, in der ich mich daher befinde, und ich bitte Sie aufs dringendste, mich von meiner Unruhe zu befreien und mir Gewißheit über Marx’ Schicksal zu verschaffen. Da ich keine Bestätigung dieses Gerüchts von M[arx’] Verhaftung gehört, so hoffe ich immer noch, daß es falsch ist. Daß aber Dronke und Schapper sitzen, daran kann ich kaum zweifeln. Genug, wenn Marx noch frei ist, so schicken Sie ihm doch diesen Brief zu, mit der Bitte, mir gleich zu schreiben. Sollte er sich in Paris nicht sicher fühlen, so ist er hier im Waadtland vollständig sicher. Die Regierung selbst nennt sich rot und partisane de la révolution permanente5. In Genf ist es ebenso. Dort ist Schily aus Trier, der im Mainzer Korps ein Kommando führte.

Wenn ich von Hause einiges Geld bekomme, so geh’ ich wahrscheinlich nach Lausanne oder Genf und seh’, was ich anfange. Unsre Kolonne, die sich brav geschlagen hat, ennuuiert mich, und hier kann man nichts machen. Willich ist im Gefecht brav, kaltblütig, geschickt und von raschem, richtigem Überblick, außer dem Gefecht aber plus ou moins6 langweiliger Ideologe und wahrer Sozialist. Die meisten Leute vom Korps, mit denen man sprechen kann, sind anderswohin dirigiert.

Wenn ich nur erst die Gewißheit hätte, daß Marx frei ist! Ich habe oft daran gedacht, daß ich mitten unter den preußischen Kugeln an einem weit weniger gefährlichen Posten war als die andern in Deutschland und namentlich Marx in Paris. Also befreien Sie mich bald von dieser Ungewißheit. Tout à vous!7

Engels.

Vevey, Canton de Vaud, 25. Juli 1849
Adresse: F. Engels, refugié allemand8, Vevey, Suisse (Womöglich per Kuvert bis Thionville oder Metz)