Lieber Emil
Ich habe heute die vier ersten Hälften der 4 £-5.-Noten erhalten und bitte um sofortige Einsendung der andern Hälften, da ich so bald wie möglich fort muß. Ich danke Dir sehr für Deine Bereitwilligkeit, mir in dieser emergency1 rasch zu Hülfe zu kommen. Dein Abonnement für die „Rheinische Zeitung“2 ist einregistriert.
Was die hiesigen Parteien angeht, so sind ihrer eigentlich drei große, abgerechnet die kleinern (Legitimisten und Bonapartisten, die bloß intrigieren, bloße Sekten, ohne Einfluß im Volk, teilweise reich, aber ohne alle Hoffnung des Siegs). Diese drei sind erstens die Besiegten des 24.Februar, d.h. die großen Bourgeois, die Börsenspekulanten, Bankiers, Fabrikanten und großen Kaufleute, die alten Konservativen und Liberalen. Zweitens, die Kleinbürger, der Mittelstand, die Masse der Nationalgarde, die am 23. und 24.Febr. auf die Seite des Volks trat, die „verständigen Radikalen“, die Leute Lamartines und des „National“. Drittens, das Volk, die Pariser Arbeiter, die jetzt Paris mit bewaffneter Macht besetzt halten.
Die großen Bourgeois und die Arbeiter stehen sich direkt gegenüber. Die Kleinbürger spielen eine vermittelnde, aber sehr miserable Rolle. Diese letzteren haben aber die Majorität in der provisorischen Regierung (Lamartine, Marrast, Dupont de l’Eure, Marie, Garnier-Pagès und zuweilen auch Crémieux). Sie, und mit ihnen die provisorische Regierung, schwanken sehr. Je ruhiger alles wird, desto mehr neigen sich die Regierung und die Kleinbürgerpartei der großen Bourgeoisie zu, je unruhiger es wird, desto mehr schließen sie sich wieder den Arbeitern an. So neulich, wo die Bourgeois wieder fürchterlich frech geworden waren und sogar einen Nationalgardistenzug von 8000 Mann nach dem Rathaus unternahmen, um gegen ein Dekret der prov. Regierung und namentlich gegen energische Maßregeln Ledru-Rollins zu protestieren, gelang es ihnen wirklich, die Majorität der Regierung und namentlich den schlappen Lamartine einzuschüchtern, so daß er den Ledru öffentlich desavouierte. Aber den nächsten Tag, den 17.März, zogen 200 000 Arbeiter aufs Rathaus, erklärten ihr unbedingtes Vertrauen in Ledru-Rollin und zwangen die Majorität der Regierung und den Lamartine zu widerrufen. Für den Augenblick also haben wieder die Leute der „Réforme“ (Ledru-Rollin, Flocon, L.Blanc, Albert, Arago) die Überhand. Sie vertreten von der ganzen Regierung noch am meisten die Arbeiter und sind Kommunisten, ohne es zu wissen. Leider blamiert sich der kleine Louis Blanc durch seine Eitelkeit und durch seine verrückten Pläne sehr. Er wird nächstens eine schreckliche Blamage erleben. Aber Ledru-Rollin benimmt sich sehr gut.
Das größte Pech ist, daß die Regierung einerseits den Arbeitern Versprechungen machen muß und ihnen andererseits nichts halten kann, weil sie nicht die Courage hat, durch revolutionäre Maßregeln gegen die Bourgeois, starke Progressivsteuern, Erbschaftssteuern, Konfiskationen des Eigentums aller Auswandernden, Verbot der Geldausfuhr, Staatsbank pp., sich die dazu nötigen Geldmittel zu sichern. Man läßt die Leute von der „Réforme“ versprechen, und dann setzt man sie durch höchst abgeschmackte, konservative Beschlüsse außerstand, zu halten, was sie versprochen.
In der Nationalversammlung kommt nun noch ein neues Element hinzu: die Bauern, die ⁵/₇ der französischen Nation ausmachen und für die Partei des „National“, der Kleinbürger, sind. Es ist sehr wahrscheinlich, daß diese Partei siegen wird, daß die Leute von der „Réforme“ fallen, und dann gibts wieder eine Revolution. Möglich auch, daß die Deputierten, einmal in Paris, einsehen werden, wie die Sachen hier stehen, und daß nur die Leute der „Réforme“ auf die Dauer haltbar sind. Dies ist aber nicht wahrscheinlich.
Die Vertagung der Wahlen um 14 Tage ist ebenfalls ein Sieg der Pariser Arbeiter über die Bourgeoispartei.
Die Leute vom „National“, Marrast und Konsorten, machen sich auch sonst sehr schlecht. Sie leben flott und besorgen ihren Freunden Paläste und gute Stellen. Die von der „Réforme“ sind ganz anders. Ich war ein paarmal beim alten Flocon, der Kerl wohnt wie früher in einer schlechten Wohnung auf dem fünften Stock, raucht ordinären Knäller in einer alten irdnen Pfeife und hat sich nur einen neuen Schlafrock gekauft. Sonst ganz so republikanisch in seiner Lebensweise, als da er noch Redakteur der „Réforme“ war, auch ebenso freundschaftlich, kordial und offenherzig. Er ist einer der bravsten Kerls, die ich kenne.
Neulich hab’ ich in den Tuilerien in den Zimmern des Pr[inzen] von Joinville zu Mittag gegessen mit dem alten Imbert, der in Brüssel réfugié3 war und jetzt Gouverneur der Tuilerien ist. In den Gemächern Louis-Phil[ippes] liegen jetzt die Verwundeten auf den Teppichen und rauchen Mutzpfeifen. Im Thronsaal sind die Bilder von Soult und Bugeaud heruntergerissen und zerfetzt und das von Grouchy zerschnitten.
Soeben geht unter Musik der Marseillaise der Leichenzug eines an seinen Wunden gestorbnen Arbeiters vorbei. 10 000 Mann Nationalgarden und bewaffnetes Volk wenigstens begleiten ihn, und die jungen Stutzer von der Chaussée d’Antin müssen als berittne Nationalgardisten den Zug begleiten. Die Bourgeois schäumen darüber, daß man einem Arbeiter so die letzten Ehren erweist.
Dein
F.E.
Paris, 28.März 1848