11
Marx an Arnold Ruge
in Dresden

Köln, 13. März [1843]

Lieber Freund!

Sobald als es irgend möglich ist, werde ich direkt nach Leipzig segeln. Soeben habe ich Stucke gesprochen, dem die meisten Staatsherrn in Berlin stark imponiert zu haben scheinen. Der Dr. Stucke ist ein sehr gutmütiger Mann.

Was nun unsern Plan angeht, so will ich Ihnen vorläufig meine Überzeugung sagen. Als Paris erobert war, schlugen einige den Sohn Napoleons1 mit Regentschaft, andre den Bernadotte, andre endlich den Louis-Philippe zur Herrschaft vor. Talleyrand aber antwortete: Louis XVIII. oder Napoleon. Das ist ein Prinzip: alles andere ist Intrige.

Und so möchte ich auch fast alles andere außer Straßburg (oder höchstens die Schweiz) kein Prinzip, sondern eine Intrige nennen. Bücher über 20 Bogen sind keine Schriften fürs Volk. Das Höchste, was man da wagen kann, sind Monatshefte.

Würden nun gar die „Deutschen Jahrbücher“ wieder gestattet, so brächten wir es zum allerhöchsten auf einen schwachen Abklatsch der selig Entschlafenen, und das genügt heutzutage nicht mehr. Dagegen „Deutsch-Französische Jahrbücher“, das wäre ein Prinzip, ein Ereignis von Konsequenzen, ein Unternehmen, für das man sich enthusiasmeren kann. Versteht sich, ich spreche nur meine unmaßgebliche Meinung und füge mich im andern des Schicksals ewigen Mächten.

Schließlich – und die Zeitungsgeschäfte nötigen mich zu schließen – will ich Ihnen noch meinen Privatplan mitteilen. Sobald wir den Kontrakt abgeschlossen hätten, würde ich nach Kreuznach reisen und heiraten, einen Monat oder länger aber dort bei der Mutter meiner Braut2 wohnen, da wir doch jedenfalls, ehe wir ans Werk gehen, einige Arbeiten fertig haben müßten. Um so mehr könnte ich, wenn’s nötig, einige Wochen in Dresden bleiben, da alle die Vorgeschichten, Ausrufen u.dgl. geraume Zeit hinnehmen.

Ich kann Ihnen ohne alle Romantik versichern, daß ich von Kopf bis zu Fuß und zwar allen Ernstes liebe. Ich bin schon über 7 Jahre verlobt, und meine Braut hat die härtesten, ihre Gesundheit fast untergrabenden Kämpfe für mich gekämpft, teils mit ihren pietistisch-aristokratischen Verwandten, denen „der Herr im Himmel“ und der „Herr in Berlin“ gleiche Kultusobjekte sind, teils mit meiner eigenen Familie, in der einige Pfaffen und andre Feinde von mir sich eingenistet haben. Ich und meine Braut haben daher mehr unnötige und angreifende Konflikte jahrelang durchgekämpft als manche andre, die dreimal älter sind und beständig von ihrer „Lebenserfahrung“ (Lieblingswort unseres Juste-milieu3) sprechen.

Apropos, da ist uns eine anonyme Replik auf Prutz’ Bericht gegen die neuen Tübinger „Jahrbücher“ zugegangen. Ich habe an der Handschrift den Schwegler erkannt. Sie werden als überspannter Unruhestifter, Feuerbach als frivoler Spötter, Bauer4 als gänzlich unkritischer Kopf charakterisiert! Die Schwaben! Die Schwaben! Das wird schönes Gebräu werden!

Über Ihre schöne, echt populäre Beschwerdeschrift haben wir einen oberflächlichen Aufsatz von Pfützner – dazu habe ich die Hälfte gestrichen – in Ermangelung einer bessern Kritik und eigener Zeit gebracht. Der P.P. geht nie genug auf die Sache ein, und die kleinen Kapriolen, die er schneidet, machen mehr ihn selbst zum Gegenstand des Lächelns, als daß er seinen Feind lächerlich machte.

Ihr
Marx

Die Bücher an Fleischer hab’ ich besorgt. Ihr Briefwechsel vorn ist interessant. Bauer über Ammon ist köstlich. Die „Leiden und Freuden des theologischen Bewußtseins“ scheinen mir eine nicht eben gelungene Übersetzung aus dem Abschnitt der „Phänomenologie“: „Das unglückliche Bewußtsein“. Feuerbachs Aphorismen sind mir nur in dem Punkt nicht recht, daß er zu sehr auf die Natur und zu wenig auf die Politik hinweist. Das ist aber das einzige Bündnis, wodurch die jetzige Philosophie eine Wahrheit werden kann. Doch wird’s wohl gehn wie im 16ten Jahrh., wo den Naturenthousiasten eine andere Reihe von Staatsenthusiasten entsprach. Am meisten hat mir die Kritik der guten „Literarischen Zeitung“ gefallen.

Bauers Selbstverteidigung haben Sie wohl schon gelesen. Nach meiner Ansicht hat er noch nie so gut geschrieben.

Was die „Rh[einische] Z[eitung]“ angeht, so würde ich unter keiner Bedingung bleiben, ich kann unmöglich unter preußischer Zensur schreiben oder in preußischer Luft leben.

Soeben kömmt der Vorsteher der hiesigen Israeliten zu mir und ersucht mich um eine Petition für die Juden an den Landtag, und ich will’s tun. So widerlich mir der israelitische Glaube ist, so scheint mir Bauers Ansicht doch zu abstrakt. Es gilt soviel Löcher in den christlichen Staat zu stoßen als möglich und das Vernünftige, soviel an uns, einzuschmuggeln. Das muß man wenigstens versuchen –, und die Erbitterung wächst mit jeder Petition, die mit Protest abgewiesen wird.