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Marx an Arnold Ruge
in Dresden

Köln, 30. Nov. [1842]

Lieber Freund!

Mein heutiger Brief soll sich auf „Wirren“ mit den „Freien“ beschränken.

Sie wissen schon, daß die Zensur uns täglich schonungslos, so daß oft kaum die Zeitung erscheinen kann, zerfetzt. Dadurch fielen eine Masse Artikel der „Freien“. Ebensoviel, wie der Zensor, erlaubte ich mir selbst zu annullieren, indem Meyen und Konsorten weltumwälzungsschwangre und gedankenleere Sudeleien in saloppem Stil, mit etwas Atheismus und Kommunismus (den die Herren nie studiert haben) versetzt, haufenweise uns zusandten, bei Rutenbergs gänzlichem Mangel an Kritik, Selbständigkeit und Fähigkeit sich gewöhnt hatten, die „Rh[einische] Z[eitung]“ als ihr willenloses Organ zu betrachten, ich aber nicht weiter dies Wasserabschlagen in alter Weise gestatten zu dürfen glaubte. Dies Wegfallen einiger unschätzbaren Produktionen der „Freiheit“, einer Freiheit, die vorzugsweise bestrebt ist, „von allen Gedanken frei zu sein“, war also der erste Grund einer Verfinsterung des Berliner Himmels.

Rutenberg, dem schon der deutsche Artikel (an dem seine Tätigkeit hauptsächlich im Interpunktieren bestand) gekündigt, dem nur auf mein Verwenden der französische provisorisch übertragen worden, Rutenberg hatte bei der ungeheuren Dummheit unserer Staatsvorsehung das Glück, für gefährlich zu gelten, obgleich er niemandem gefährlich war, als der „Rheinischen Z.“ und sich selbst. Rut[enberg]s Entfernung wurde gewaltsam verlangt. Die preußische Vorsehung, dieser despotisme prussien, le plus hypocrite, le plus fourbe1, ersparte dem Geranten einen unangenehmen Auftritt, und der neue Märtyrer, der schon in Physiognomie, Haltung und Sprache das Märtyrerbewußtsein mit einiger Virtuosität darzustellen weiß, Rutenberg beutet diese Gelegenheit aus, schreibt in alle Welt, schreibt nach Berlin, er sei das exilierte Prinzip der „Rh. Z.“, die eine andere Stellung zur Regierung entriert. Es versteht sich von selbst, auch hierauf kamen Demonstrationen von den Freiheitsheroen an der Spree, „dem schmutzigen Wasser, das Seelen wäscht und Tee verdünnt“.

Kam endlich hinzu Ihr und H[erwegh]s Verhältnis zu den „Freien“, um das Maß der zürnenden Olympier vollzumachen.

Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief von dem kleinen Meyen, dessen Lieblingskategorie mit großem Recht das Sollen ist, worin man mich über mein Verhältnis 1. zu Ihnen und H[erwegh], 2. zu den „Freien“, 3. über das neue Redaktionsprinzip und die Stellung zur Regierung in Rede stellt. Ich antwortete gleich und sprach offen meine Ansicht aus von den Mängeln ihrer Arbeiten, die mehr in einer lizentiösen, sanskiöttischen und dabei bequemen Form, als in freiem, d.h. selbständigem und tiefem Gehalt, die Freiheit finden. Ich forderte auf, weniger vages Räsonnement, großklingende Phrasen, selbstgefällige Bespiegelungen und mehr Bestimmtheit, mehr Eingehn in die konkreten Zustände, mehr Sachkenntnis an den Tag zu fördern. Ich erklärte, daß ich das Einschmuggeln kommunistischer und sozialistischer Dogmen, also einer neuen Weltanschauung, in beiläufigen Theaterkritiken etc. für unpassend, ja für unsittlich halte und eine ganz andere und gründlichere Besprechung des Kommunismus, wenn er einmal besprochen werden solle, verlange. Ich begehrte dann, die Religion mehr in der Kritik der politischen Zustände, als die politischen Zustände in der Religion zu kritisieren, da diese Wendung mehr dem Wesen einer Zeitung und der Bildung des Publikums entspricht, da die Religion, an sich inhaltslos, nicht vom Himmel, sondern von der Erde lebt, und mit der Auflösung der verkehrten Realität, deren Theorie sie ist, von selbst stürzt. Endlich wollte ich, daß, wenn einmal von Philosophie gesprochen, weniger mit der Firma: „Atheismus“ getändelt (was den Kindern ähnlich sieht, die jedem, der’s hören will, versichern, sie fürchteten sich nicht vor dem Bautzenmann), als vielmehr ihr Inhalt unter’s Volk gebracht würde. Voilà tout.2

Gestern bekomme ich einen insolenten Brief von Meyen, der dies Schreiben noch nicht empfangen hatte und nun mich nach allen möglichen Dingen fragt: 1. ich solle mich erklären, wie ich’s bei ihrem Zwist mit Bauer3, wovon ich kein Wort weiß, halte; 2. warum ich das und das nicht durchgelassen; wird mir mit Konservatismus gedroht; 3. die Zeitung dürfe nicht temperieren, sondern müsse das Äußerste tun, d.h. ruhig der Polizei und Zensur weichen, statt in einem dem Publico unsichtbaren, aber nichtsdestoweniger hartnäckigen und pflichtmäßigen Kampf ihren Posten behaupten. Endlich wird schmählich über Herweghs Verlobung etc. etc. berichtet.

Aus allem dem leuchtet eine schreckliche Dosis Eitelkeit heraus, die nicht begreift, wie man, um ein politisches Organ zu retten, einige Berliner Windbeuteleien preisgeben kann, die an überhaupt nichts denkt als an ihre Cliquengeschichten. Dabei spreizte sich das Männchen wie ein Pfau, schlug sich beteuernnd an die Brust, an den Degen, ließ was von „seiner“ Partei fallen, drohte mit Ungnade, deklamierte à la Marquis Posa, bloß etwas schlechter u.dgl.

Da wir nun von morgens bis abends die schrecklichsten Zensurquälereien, Ministerialschreibereien, Oberpräsidialbeschwerden, Landtagsklagen, Schreien der Aktionäre etc. etc. zu tragen haben und ich bloß auf dem Posten bleibe, weil ich es für Pflicht halte, der Gewalt die Verwirklichung ihrer Absichten, soviel an mir, zu vereiteln, so können Sie denken, daß ich etwas gereizt bin und dem M[eyen] ziemlich derb geantwortet habe. Es ist also wahrscheinlich, daß die „Freien“ sich auf einen Augenblick zurückziehen. Ich ersuche daher Sie dringend, sowohl selbst uns zu unterstützen mit Beiträgen, als auch Ihre Freunde dazu aufzufordern.

Ihr
Marx