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Marx an Dagobert Oppenheim
in Köln

[Bonn, um den 25. August 1842]

Lieber Oppenheim!

Einliegend ein Manuskript von Ruge. Nr. 1 wird unbrauchbar sein; Nr. 2 über die sächsischen Zustände werden Sie wohl brauchen können.

Schicken Sie mir den Aufsatz von Mayer in der „Rheinischen Zeit[ung]“ über das Kommunalwesen und, wo möglich, sämtliche Aufsätze von Hermes gegen das Judentum. Ich will Ihnen dann sobald als möglich einen Aufsatz schicken, der letztere Frage, wenn auch nicht abschließen, doch in eine andere Bahn bringen wird.

Geht der Aufsatz über Hannover durch? Versuchen Sie wenigstens bald mit einem kleinen Anfang. Es ist nicht so sehr um diesen Aufsatz selbst zu tun, als um eine Reihe tüchtiger Arbeiten, die ich Ihnen dann von jener Seite her versprechen kann. Der Verfasser desselben schrieb mir gestern: „Ich glaube nicht, daß dem Absatze der Zeitung in Hannover aus meinem Angriffe auf die Opposition Schaden erwachsen wird; im Gegenteil ist man dort ziemlich allgemein so weit gekommen, daß meine ausgesprochenen Ansichten als wahr angenommen werden.“

Wenn es mit Ihrer Ansicht von der Sache übereinstimmt, so schicken Sie mir auch den Juste-milieu-Artikel zur Kritik. Man muß die Sache leidenschaftslos besprechen. Erstens sind ganz allgemeine theoretische Erörterungen über Staatsverfassung eher passend für rein wissenschaftliche Organe als für Zeitungen. Die wahre Theorie muß innerhalb konkreter Zustände und an bestehenden Verhältnissen klargemacht und entwickelt werden.

Allein, da es nun einmal geschehen ist, so ist ein Doppeltes zu berücksichtigen. Bei jeder Gelegenheit, wo wir in Streit mit andern Tagesblättern geraten, kann man uns, geschehe es früher oder später, die Sache aufmutzen. Eine so deutliche Demonstration gegen die Grundpfeiler der jetzigen Staatszustände kann Schärfung der Zensur, selbst Unterdrückung des Blatts zur Folge haben. Auf diese Weise ging die süddeutsche „Tribüne“ unter. Jedenfalls aber verstimmen wir eine große, und zwar die größte Menge freigesinnter praktischer Männer, welche die mühsame Rolle übernommen haben, Stufe vor Stufe, innerhalb der konstitutionellen Schranken, die Freiheit zu erkämpfen, während wir von dem bequemen Sessel der Abstraktion ihre Widersprüche ihnen vordemonstrieren. Es ist zwar wahr: Der Verfasser des Juste-milieu-Artikels fordert zur Kritik auf; aber 1. wissen wir doch alle, wie die Regierungen auf solche Herausforderungen antworten; 2. ist es nicht genug, daß jemand sich der Kritik unterwirft, die ihn ohnehin nicht um Erlaubnis fragen wird; es fragt sich, ob er das gehörige Terrain auswählt. Zeitungen fangen erst dann an, das passende Terrain für solche Fragen zu sein, wenn diese Fragen, Fragen des wirklichen Staats, praktische Fragen geworden sind.

Ich halte es für unumgänglich, daß die „Rh[einische] Zeitung“ nicht sowohl von ihren Mitarbeitern geleitet wird, als daß sie vielmehr umgekehrt ihre Mitarbeiter leitet. Aufsätze wie der berühmte geben die beste Gelegenheit, einen bestimmten Operationsplan den Mitarbeitern anzudeuten. Der einzelne Schriftsteller kann nicht in der Weise das Ganze vor Augen haben, als die Zeitung.

Sollten meine Ansichten nicht mit den Ihrigen übereinstimmen, so würde ich, falls Sie es nicht für unpassend halten, in den „Anecdotis“ als Anhang zu meinem Aufsatz gegen Hegels Lehre von der konstitutionellen Monarchie1 diese Kritik liefern. Ich halte es aber für besser, wenn die Zeitung selbst ihr eigener Arzt ist.

Indem ich bald Ihre Antwort erwarte

Ihr
Marx