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Marx an Arnold Ruge
in Dresden

Trier, den 20ten März [1842]

Lieber Freund!

Die Novizen sind die Frömmsten, wie Sachsen ad oculos1 beweist. Bauer2 hatte einmal in Berlin eine ähnliche Szene mit Eichhorn wie Sie mit dem Minister des Innern3. Die oratorischen Figuren dieser Herren sehn sich so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Dagegen ist es eine Ausnahme, daß die Philosophie verständlich mit der Staatsweisheit dieser hochbeteurenden Schurken spricht, und selbst etwas Fanatismus schadet nichts. Nichts ist diesen weltlichen Vorsehungen schwerer glaublich zu machen als der Glauben an die Wahrheit und die geistige Gesinnung. Es sind so skeptische Staatsdandys, so routinierte Stutzer, daß sie nicht mehr an wahre interesselose Liebe glauben. Wie soll man nun diesen Roués beikommen als mit dem, was droben Fanatismus heißt? Ein Gardelieutenant hält einen Liebhaber, der ehrliche Absichten hat, für einen Fanatiker. Sollte man darum nicht mehr heiraten? Es ist merkwürdig, wie der Glaube an die Vertierung der Menschen Regierungsglauben und Regierungsprinzip geworden ist. Doch das widerspricht der Religiosität nicht, denn die Tierreligion ist wohl die konsequenteste Existenz der Religion, und vielleicht wird es bald nötig sein, statt von der religiösen Anthropologie von der religiösen Zoologie zu sprechen.

Soviel wußte ich schon, als ich noch jung und gut war, daß die Eier, die man in Berlin legt, keine Leda-Eier, sondern Gänse-Eier sind. Etwas später kam die Einsicht, daß es Krokodilseier sind, so z.B. das neueste Ei, wodurch angeblich auf Antrag der rheinischen Stände die ungesetzlichen Beschränkungen der französischen Gesetzgebung betreffs Hochverrats etc. Beamtenvergehn aufgehoben sind. Diesmal aber, weil es sich von objektiven gesetzlichen Bestimmungen handelt, ist der Hokuspokus so dumm, daß die dümmsten rheinischen Juristen ihn sofort durchschaut haben. Zugleich hat Preußen das gewiß naive Bewußtsein ausgesprochen, daß die Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen das Ansehn und den Kredit der preußischen Beamten aufs Spiel setzen würde. Das ist doch einmal ein rundes Bekenntnis. Unsere rheinischen Schreibereien über Öffentlichkeit und Mündlichkeit laborieren alle an einem Grundübel. Die ehrlichen Leute beweisen fort und fort, daß dies keine politischen, sondern bloß rechtliche Institutionen, daß sie Recht und nicht Unrecht seien. Als wenn es sich darum handelte! Als wenn das Schlimme an diesen Einrichtungen nicht eben darin bestände, daß sie Recht sind! Ich hätte große Lust, das Gegenteil zu beweisen, nämlich daß Preußen Öffentlichkeit und Mündlichkeit nicht einführen darf, weil freie Gerichte und ein unfreier Staat sich nicht entsprechen. Ebenso müßte man Preußen eine große Eloge von wegen seiner Frömmigkeit halten, denn ein transzendenter Staat und eine positive Religion gehören zusammen wie ein Taschengott zu einem russischen Spitzbuben.

Der Bülow-Cummerow läßt, wie Sie aus den chinesischen Zeitungen ersehn haben werden, seine Feder mit seinem Pfluge kokettieren. O über diese ländliche Kokette, die gemachte Blumen trägt! Ich glaube, Schriftsteller von dieser irdischen Stellung, die Stellung auf dem Acker ist doch wohl irdisch, wären erwünscht, noch erwünschter, wenn künftig der Pflug für die Feder dächte und schriebe, die Feder dagegen Frondienste als Revanche verrichtete. Vielleicht kömmt es dahin bei der jetzigen Uniformität der deutschen Regierungen, doch je uniformer die Regierungen, je vielformiger sind heutzutage die Philosophen, und hoffentlich besiegt das vielformige Heer das uniforme.

Ad rem4, denn die Politika gehören bei uns biedern moralischen Deutschen zu den Formalia, woher Voltaire schon herleitet, daß wir die gründlichsten Lehrbücher über öffentliches Recht besitzen.

Also was die Sache betrifft, so habe ich gefunden, daß der Aufsatz „über christliche Kunst“, der jetzt umgewandelt ist in „über Religion und Kunst mit besondrer Beziehung auf christliche Kunst“, total zu reformieren ist, indem der Posaunenton, worin ich redlich erfüllt hatte: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte, und ein Licht auf meinem Wege. Du machst mich mit Deinem Gebot weiser, denn meine Feinde sind, denn Deine Zeugnisse sind meine Rede, und Er, der Herr wird aus Zion brüllen, dieser Posaunenton samt der lästigen Gefangenschaft in Hegels Darstellung jetzt mit einer freieren, daher gründlicheren Darstellung zu verwechseln ist. In einigen Tagen muß ich nun auch nach Köln reisen, wo ich mein neues Domizil

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Ruge bei den Berliner „Freien“
Karikatur von Friedrich Engels (1842)

Das Begräbnis der „Rheinischen Zeitung“ karikatur

Das Begräbnis der „Rheinischen Zeitung“ [375]

(Zeitgenössische Karikatur)

Gestern kam der Hasse aus Greifswald an, an dem ich nie etwas andres als seine großen Landpfarrer-stiefel bewundert habe. Er sprach auch ganz wie ein Landpfarrer-stiefel, wußte von Gott und der Welt nichts, präpariert die Ausgabe eines mehrbändigen Buchs über den langweiligen Anselmus von Canterbury, woran er 10 Jahre gesessen, meint, die jetzige Kritik sei ein Moment, was überwunden werden müsse, spricht von der Religiosität als einem Produkt der Lebenserfahrung, worunter er wahrscheinlich seine gedeihliche Kinderzucht und seinen dicken Bauch versteht, denn dicke Bäuche machen allerlei Erfahrungen und, sagt Kant, wenn's nach hinten geht, wird's ein F., wenn nach oben, eine religiöse Inspiration. Der fromme Hasse mit seinen religiösen Verstopfungen!

Was wir hier aus Ihren Briefen über den Vatkeschen Mangel an „vollem Herzen“ erfahren haben, war uns höchst ergetzlich. Dieser superkluge diplomatische Vatke, der so gern der größte Kritiker und der größte Gläubige wäre, der es immer am besten weiß, hat nun für die eine Partei kein Herz und für die andre keinen Kopf. Hic jacet5 Vatke, ein denkwürdiges Beispiel, wohin die Sucht zum Kartenspiel und zur religiösen Musik führt.

Der Fichte6, der sich hier in den Mantel seiner Unpopularität einhüllt, hat das halb zweideutige Gerücht verbreitet, daß er nach Tübingen berufen. Die Fakultät entspricht seinem Wunsche nicht, ihn durch Gehaltszulage zu fesseln.

Sack reiste in aller Frömmigkeit nach Berlin, um auf die Verrücktheit seines Bruders zu spekulieren und dessen Stelle zu rogieren7.

Nichts als Krieg und Liederlichkeit, sagt Thersites, und wenn man der hiesigen Universität keine Kriege vorzuwerfen hat, so fehlt's wenigstens an Liederlichkeit nicht.

Wollen Sie Ihre Reise an den Rhein nicht einmal durchführen?

Ihr
Marx

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 27, Berlin: Dietz Verlag 1965, S. 399-403.