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Engels an Marx
in London

„Représentants de la France, délibérez en paix!“1 Und wo sollten die Herren ruhiger deliberieren können als in der Kaserne d’Orsay, gehütet von einem Bataillon chasseurs de Vincennes2!

Die Geschichte Frankreichs ist in das Stadium der vollendetsten Komik eingetreten. Kann man sich etwas Heitreres denken als diese mitten im Frieden mit malkontenten Soldaten vom unbedeutendsten Menschen der ganzen Welt ohne allen Widerstand, soweit man bis jetzt urteilen kann, durchgeführte Travestie des 18.Brumaire. Und wie schön alle die alten Esel abgefangen sind! Der schlaukste Fuchs von ganz Frankreich, der alte Thiers, der geriebenste Advokat des Barreaus3, Herr Dupin, gefangen in der Falle, die ihnen der notorischste Ochs des Jahrhunderts gestellt hat; gefangen ebenso leicht wie die stiere republikanische Tugend des Herrn Cavaignac und wie der Maulheld Changarnier! Und um das Tableau zu vollenden, ein Rumpfparlament mit Odilon Barrot als „Löwe von Calbe“, und dieser selbe Odilon verlangt, angesichts solchen Verfassungsbruchs verhaftet zu werden, und kann es nicht dahin bringen, daß man ihn nach Vincennes schleppt! Die ganze Sache ist expreß für den roten Wolff erfunden worden; der allein kann von jetzt an die Geschichte von Frankreich schreiben. Ist jemals in der Welt ein Coup mit alberneren Proklamationen gemacht worden als dieser? Und der lächerliche napoleonische Apparat, der Jahrestag der Krönung und von Austerlitz, die Provokation auf die konsularische Verfassung und so weiter – daß so etwas auch nur für einen Tag gelingen konnte, degradiert die Herren Franzosen doch wahrhaftig auf ein Niveau der Kinderei, das ohnegleichen ist.

Wunderschön ist das Abfassen der großen Ordnungsmäuler, des kleinen Thiers ganz vorzüglich und des tapfern Changarnier. Wunderschön ist die Rumpfparlamentssitzung im 10.Arrondissement mit Herrn Berryer, der zum Fenster hinausschreit: Vive la République4, bis endlich das ganze Lot5 abgefaßt und zwischen Soldaten in einen Kasernenhof gesperrt wird. Und dann der dumme Napoleon, der sofort aufpackt, um in die Tuilerien zu ziehn. Hätte man sich ein ganzes Jahr lang geplagt, man hätte keine schönere Komödie erfinden können.

Und am Abend, als der dumme Napoleon sich endlich in das langersehnte Bett in den Tuilerien geworfen hatte, da muß der Schafskopf erst recht nicht gewußt haben, woran er ist. Le consulat sans le premier consul!6 Keine Schwierigkeiten im Innern größer als überhaupt seit drei Jahren, keine außergewöhnliche Finanzklemme, selbst nicht einmal in seinem eignen Beutel, keine Koalition an den Grenzen, kein Sankt Bernhard zu passieren, kein Marengo zu gewinnen! Es ist wirklich zum Verzweifeln. Und nun nicht einmal eine Nationalversammlung mehr, die die großen Pläne des Verkannten vereitelt; nein, für heute wenigstens ist der Esel so frei, so ungebunden, so absolut wie der Alte am Abend des 18.Brumaire, so vollständig ungeniert, daß er gar nicht umhin kann, den Esel nach allen Richtungen hin herauszukehren. Schreckliche Perspektive der Gegensatzlosigkeit!

Mais le peuple, le peuple! – Le peuple se fiche pas mal de toute cette boutique7, freut sich seines oktroyierten Stimmrechts wie ein Kind und wird es wahrscheinlich auch gebrauchen wie ein Kind. Was kann aus diesen lächerlichen Wahlen von Sonntag über 8 Tage hervorgehn, wenn es überhaupt dazu kommt! Keine Presse, keine Meetings, Belagerungszustand die Hülle und Fülle und dazu Befehl, binnen 14 Tagen einen Deputierten zu stellen.

Was soll aber aus dem ganzen Kram werden? „Stellen wir uns auf den welthistorischen Standpunkt“, so bietet sich uns ein famoses Thema zur Deklamation dar. So z.B.: es muß sich zeigen, ob das Prätorianerregiment der römischen Kaiserzeit, das einen durchaus militärisch organisierten, ausgedehnten Staat, ein entvölkertes Italien und die Abwesenheit eines modernen Proletariats zur Voraussetzung hatte, möglich ist in einem geographisch konzentrierten, dicht bevölkerten Land wie Frankreich, das ein zahlreiches industrielles Proletariat hat. Oder: Louis-N[apoleon] hat keine eigne Partei; er hat die Orleanisten und Legitimisten mit Füßen getreten, er muß jetzt eine Wendung nach links machen. Eine Wendung nach links impliziert eine Amnestie, eine Amnestie impliziert eine Kollision usw. Oder aber: Das allgemeine Stimmrecht ist die Grundlage der Macht von L[ouis]-N[apoleon], er kann es nicht angreifen, und das allgemeine Stimmrecht ist jetzt mit einem L[ouis]-N[apoleon] unverträglich. Und andre dergleichen spekulative Themata, die sich famos ausspinnen ließen. Nach dem aber, was wir gestern gesehn haben, ist auf den peuple8 gar nichts zu geben, und es scheint wirklich, als ob der alte Hegel in seinem Grabe die Geschichte als Weltgeist leitete und mit der größten Gewissenhaftigkeit alles sich zweimal abspinnen ließe, einmal als große Tragödie, und das zweite Mal als lausige Farce, Caussidière für Danton, L.Blanc für Robespierre, Barthélemy für Saint-Just, Flocon für Carnot und das Mondkalb9 mit dem ersten besten Dutzend schuldenbeladener Lieutenants für den kleinen Korporal10 und seine Tafelrunde von Marschällen. Beim 18.Brumaire also wären wir schon angekommen.

Kindisch dumm hat sich das Pariser Volk benommen. Cela ne nous regarde pas; que le président et l’assemblée s’entreutuent, peu nous importe!11 Aber daß die Armee sich anmaßt, Frankreich eine Regierung, und noch dazu welche, zu oktroyieren, das geht es doch wohl an, und der Mob wird sich wundern, was das für ein allgemeines, „freies“ Stimmrecht ist, das sie nun „seit 1804 zum erstenmal“ ausüben sollen!

Wie weit der offenbar über die Menschheit sehr verdrießliche Weltgeist diese Farce noch fortführen wird, ob wir binnen einem Jahr Konsulat, Empire, Restauration etc. vorüberspazieren sehn werden, ob die napoleonische Dynastie auch erst in den Straßen von Paris geklopft werden muß, ehe sie in Frankreich unmöglich wird, das soll der Teufel wissen. Mir kommt es aber vor, als ob das Ding eine merkwürdig verrückte Wendung nähme, und als ob die Crapauds12 einer wunderlichen Erniedrigung entgegengingen.

Gesetzt auch, der L[ouis]-N[apoleon] konsolidiere sich momentan, so kann doch solch dummes Zeug nicht dauern, selbst bei der tiefsten möglichen Versunkenheit der Franzosen. Aber was dann? Es sieht verflucht wenig rot aus, das ist ziemlich klar, und wenn Herr Blanc und Ledru[-Rollin] gestern mittag ihre Bagage packten, so mögen sie heute nur wieder auspacken. La voix tonnante du peuple ne les rappelle pas encore.13

Hier und in Liverpool hat die Geschichte den Commerce plötzlich gestoppt, aber in Liverpool sind sie heute schon frisch wieder am Spekulieren. Und die französischen Fonds sind nur 2% gefallen.

Unter diesen Umständen wird mit den Versuchen, für die Kölner in der englischen Presse aufzutreten, natürlich gewartet werden müssen.

Wegen der Artikel für die „Tribune“14, die offenbar darin erschienen sind, schreib englisch an den Editor15 der „Tribune“, Dana ist vielleicht abwesend, und ein business letter16 wird gewiß beantwortet. Tell him that he must distinctly state per next returning steamer what has become of these papers, and in case they have been made use of, he is requested to send by the same opportunity copies of the „Tr[ibune]“ containing them, as no copy has been kept here and without having the articles already sent, again before our eyes, we cannot, after such a lapse of time, undertake to go on with the following numbers of the series.17

Der Effekt der französischen Nachrichten auf den europäischen Emigrationsmob muß heiter gewesen sein. Ich möchte das angesehn haben.

En attendant tes nouvelles18

Dein
F.E.
[Manchester] 3.Dez. 1851