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Engels an Marx
in London

Lieber Marx,

Meine paar Zeilen von vorgestern wirst Du erhalten haben. Wenn Weerth das Nötige nicht gleich auftreiben kann, so will ich sehn, daß ich übermorgen oder spätestens Montag die Sache ins reine bringe. Im Notfall wirst Du jedenfalls die Geschichte bis Dienstag hinhalten können.

Inliegend den Brief von Meister Pieper zurück. Der Heine scheint ihm sehr gelegen zu kommen, um die anstandsgemäßen 4 Seiten voll zu machen. Ich hoffe, Du wirst ihm wegen des Pr[oudhon]1 einen zur Tatkraft anspornenden Brief geschrieben haben, denn wenn er erst wieder hier ist, so hörst und siehst Du vom Manuskript für die erste Zeit kein Wort mehr. Wegen Löwenthal widersprechen sich P[ieper] und Ebner sehr, jedenfalls ist aber dem letzteren mehr zu trauen. Ich glaube, was das Anfangen mit der Geschichte der Ökonomie betrifft, wovon P[ieper] spricht, daß, wenn L[öwenthal] dies wirklich vorhat, Ebner ihm am besten Schwierigkeiten macht, es ginge nicht, Deinen ganzen Plan umzuwerfen, Du habest schon angefangen, die Kritik auszuarbeiten etc. Sollte es aber nicht anders gehn, so müßte L[öwenthal] aber sich für zwei Bände verpflichten, und Du würdest diesen Raum auch nötig haben, teils wegen des zu antizipierenden Kritischen, teils um die Geschichte bei dem am Ende doch keinenfalls für Londoner Kostenpreise berechneten Honorar für Dich einigermaßen rentabel zu machen. Dann kämen als 3. Band die Sozialisten und als 4. die Kritik – ce qu’il en resterait2 – und das vielberühmte „Positive“, das, was Du „eigentlich“ willst. Die Sache hat in dieser Form ihre Schwierigkeiten, aber sie hat den Vorzug, daß man das vielverlangte Geheimnis erst ganz am Schluß sagt, und erst nachdem die Neugier des Bürgers durch 3 Bände hindurch im Atem gehalten worden, ihm enthüllt, daß man keine Morisonpillen fabriziert. Für Leute von einigem Verstand werden die Andeutungen der ersten Bände, der Anti-Proudhon3, das „Manifest“4 genügen, um sie auf die richtige Fährte zu leiten; der Kauf- und Lesemob wird sich für die Geschichte etc. nicht mehr interessieren, wenn er das große Mysterium schon im I. Band enthüllt bekommen hat; er hat, wie Hegel in der „Phänomenologie“ sagt, „die Vorrede“ gelesen, und da steht ja das Allgemeine drin.

Du tust gewiß am besten, mit Anstand, aber bei irgend akzeptablen Bedingungen, jedenfalls mit L[öwenthal] abzuschließen und das Eisen zu schmieden, weil es warm ist. Dabei verfährest Du am besten umgekehrt wie die Sibylle. Für jeden Louis d’or, den er Dir am Bogen abzieht, zwingst Du ihm so viel Bogen mehr auf, daß dies doch wieder herauskommt und füllst diese Extrabogen mit Zitaten etc., die Dich nichts kosten. 20 Bogen à 3£ oder 30 Bogen à 2£ machen immer 60£, und 10 Bogen kostenfrei und ohne Zeitverlust zusammenzubringen aus Petty, Stewart, Culpeper und andern Kerlen, das ist doch wahrhaftig leicht, und Dein Buch wird um soviel „belehrender“…

Die Hauptsache ist, daß Du erst wieder mit einem dicken Buch vor dem Publikum debütierst, und am besten mit dem unverfänglichsten, der Historia. Die mittelmäßigen und lausigen Literaten Deutschlands wissen sehr gut, daß sie ruiniert wären, wenn sie nicht zwei- bis dreimal des Jahres mit irgendeinem Schund vor dem Publikum erschienen. Ihre Zähigkeit hilft ihnen durch; obwohl ihre Bücher wenig oder nur mittelmäßig ziehen, glauben schließlich doch die Buchhändler, sie müßten große Männer sein, weil sie in jedem Meßkatalog ein paarmal vorkommen. Dann ist es auch platterdings nötig, daß der Bann gebrochen wird, der durch Deine lange Abwesenheit vom deutschen Büchermarkt und durch den späteren Schiß der Buchhändler entstanden ist. Ist einmal erst ein oder zwei Bände lehrreicher, gelehrter, gründlicher und zugleich interessanter Sachen von Dir erschienen, alors c’est tout autre chose5, und Du pfeifst den Buchhändlern was, wenn sie niedrig bieten.

Es kommt noch das dazu, daß Du diese Geschichte nur in London machen kannst, während Du Sozialisten und Kritik überall machen kannst. Es wäre also gut, wenn Du die Gelegenheit jetzt noch benutztest, ehe die Crapauds6 irgendeinen Blödsinn machen und uns wieder auf das theatrum mundi7 versetzen.

Die New-Yorker „Schnellpost“ kommt morgen. – –

Den Löwenthal, wie gesagt, halte unter allen irgend angehenden Umständen fest. Ist’s mit ihm nichts, so sind, wie P[ieper] schreibt, Ebners Ressourcen erschöpft. Mit Löwenthal ist ohnehin später immer mehr als mit andern auszurichten, weil man den Ebner hat, der ihm in Frankfurt auf dem Nacken sitzt. Bringt er mit dem L[öwenthal], den er tagtäglich persönlich treten kann, nichts fertig, so ist die Sache mit andern nicht in Frankfurt befindlichen Kerlen noch viel problematischer. Du solltest dem Ebner so schreiben, daß er weite Vollmachten von Dir hat und sofort abschließen kann; je länger die Sache trainiert8 wird, desto eher wird der L[öwenthal] es leid, und kommen politische Ängste wegen 1852 dazwischen. Bricht in Paris das geringste Vorspielchen los, so ist alle Aussicht auf Buchhändlerklatsch, und macht der Bundestag Preßgesetze, ehe schwarz auf weiß kontrahiert ist, so bist Du auch am Ende. Du mußt mit der Wurst nach dem Schinken werfen, oder – te résigner, ce qui n’est pas trop agréable9.

Je mehr ich mir die Sache überlege, desto praktischer erscheint mir das Anfangen mit dem Historischen. Sois donc un peu commerçant, cette fois!10

Was meine Proudhon-Glossen angeht, so sind sie zu unbedeutend, als daß damit viel anzufangen wäre. Es würde wieder gehn wie bei der „Kritischen Kritik“11, wo ich auch ein paar Bogen schrieb, weil auf eine Broschüre gerechnet wurde, und Du ein gründliches Buch von 20 Bogen draus machtest, worin meine Wenigkeit sich sehr komisch ausnahm. Du würdest doch wieder so viel dazu tun, daß mein Anteil, ohnehin nicht der Rede wert, ganz vor Deiner schweren Artillerie verschwände. Sonst hätte ich nichts dagegen, als daß Deine Historie mit Löwenthal viel wichtiger und dringender ist.

Dein
F.E.
[Manchester] 27.Nov. 51