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Engels an Marx
in London

Lieber Marx,

Inliegend Post Office Order1 für zwei Pfund. Particulars2 wie früher. Die Geschichte mit Göhringer ist sehr fatal. Du wirst zahlen müssen; die gentlemen vom County Court3 machen kurzen Prozeß, und die Handschrift ist da. Ich würde an Deiner Stelle so rasch wie möglich das Geld nebst Summonskosten4 auftreiben und dem Kerl zuschicken, il n’y a rien à faire5, und in den Gerichtshof zu gehn und sich verdonnern lassen, macht nur noch mehr Kosten und ist nicht zu angenehm. Wieviel beträgt die Summe, und was kannst Du auftreiben? Schreib mir möglichst genau darüber, ich tu’ gewiß mein möglichstes, um Dir die brokers6 aus dem Haus zu halten, so knapp ich jetzt selbst bin.

Die Geschichte mit dem Schr[amm]7 ist nicht sehr angenehm, es wäre besser gewesen, wenn wir aus dieser Sauerei ganz herausgehalten worden wären. Das Protokoll mit den erbaulichen Zänkereien wegen der Trustengelder von B[auer]8 und Pf[änder] ist gar nicht angenehm in den Händen dieser Herren, und Schr[amm] verdient den Hintern ausgehauen dafür, daß er solche Sachen mit sich herumschleppt. Jedenfalls ist es ihm recht, daß er provisorisch dafür brummen muß und 6 Monate wegen falschen Passes bekommen wird.

Was den Haupt angeht, so werd’ ich ihn nicht eher für einen Spion halten, bis ich die Beweise davon in der Hand habe. Der Kerl mag im Cachot Bevuen9 gemacht haben, und verdächtig ist allerdings die Geschichte mit Daniels, der auf seine Denunziation hin verhaftet sein soll. Aber dies Knotengeschwätz aus der Windmill Street ist um so alberner, als es zu gleicher Zeit mit der Erbrechung des Dietzschen Pults laut wird. Wahrscheinlich hat Haupt auch von Hamburg aus dem Kakerlaken das Pult aufgebrochen. Warum klagt denn der edle Dietz nicht bei der englischen Polizei? Übrigens wäre es allerdings sehr gut, wenn es ginge, den Haupt zu einer Erklärung zu bringen. Wenn Du einen Brief an Weerth für ihn schickst, so sollte ich meinen, daß W[eerth] doch binnen 14 Tagen Gelegenheit finden müßte, ihn ihm selbst zu überliefern und im Notfall ihm selbst aufs Comptoir zu rücken. Einen Kaufmann kann man immer finden.

Die Geschichte mit Bl[ind] und Gattin ist allerdings noch nie dagewesen. Tränen zu vergießen und durchzubrennen, weil Monsieur Pieper den Feuerbach schlecht macht, c’est fort10.

Gebrauchst Du das Wort „verheiratet“ vom roten Wolff im englischen, solid bürgerlichen Sinn? Ich muß es fast glauben, da Du es unterstreicht. Das wäre doch über alle Bäume erhaben. M. Wolff bon époux, peut-être même bon père de famille!11

Ich glaube, Du tust am besten, den Ewerbeck mit einigen magern Notizen abzuspeisen und ihn passablen Humors zu halten, es kann zu nichts nützen, daß der Kerl in Frankreich gar zu großen Blödsinn über uns verbreitet. Der Mensch hat übrigens eine Zähigkeit in seinen Experimenten, ein großer Mann zu werden, die unbegreiflich ist, da sie sogar seinen Geiz überwindet; denn das neue „Unsterbliche“ geht doch unzweifelhaft wieder auf eigne Kosten, mit Aussicht auf Absatz von 50 Exemplaren.

Von Sasonow laß mich Weiteres hören, wenn Du von ihm hörst. Dies Abenteuer ist pikant, und Mr.Sasonow wird äußerst verdächtig.

Ich bin grade dran, mir aus Proudhon die nötigen Zusammenstellungen zu machen. Warte bis Ende dieser Woche, und Du erhältst ihn mit Glossen zurück. Die Rechnungen des Kerls sind wieder kapital. Wo eine Zahl ist, da ist auch ein Schnitzer.

Wie es hier mit der Krise gehn wird, ist noch nicht zu sagen. Vorige Woche ist nichts gemacht worden wegen der Königin. Diese Woche auch noch nicht viel. Der Markt hat aber eine downward tendency12 bei noch festen Preisen des Rohmaterials. In einigen Wochen wird beides bedeutend heruntergehn, und wahrscheinlich, nach den jetzigen Aussichten, das Industrieprodukt verhältnismäßig mehr als das Rohmaterial, der Spinner, Weber, Drucker also wird mit geringerem Nutzen arbeiten müssen. Das ist schon sehr verdächtig. Aber der amerikanische Markt droht auszugehn, aus Deutschland sind die Berichte nicht übermäßig günstig, und wenn das so fortgeht mit dem Absterben der Märkte, so können wir den Anfang des Endes in ein paar Wochen erleben. In Amerika ist schwer zu sagen, ob die pressure13 und die Bankrotte (zusammen 16 Millionen Dollars Passiva) schon wirklicher Anfang sind oder bloße Sturmvögel. Jedenfalls sind hier schon sehr bedeutende Sturmvögel im Gang. Der iron trade14 ist ganz paralysiert, und 2 der ihn besonders mit Geld versehenden Banken – die in Newport – sind kaputt; außer den neulichen failures15 in London und Liverpool jetzt ein Talgspekulant in Glasgow, und an der Londoner Stockexchange16 Herr Thomas Allsop, Freund von O’Connor und Harney. Ich hab’ heute die Berichte aus den Woll-, Seiden- und Metallwarendistrikten nicht gesehn, cela ne sera pas trop brillant non plus17. Jedenfalls sind die Anzeichen jetzt gar nicht mehr zu verkennen, und die Aussicht, ja fast die Gewißheit ist vorhanden, daß die kontinentalen Krämpfe des nächsten Frühjahrs mit einer ganz hübschen Krise zusammenfallen. Selbst Australien scheint wenig tun zu können, das Goldfinden ist seit Kalifornien alt und die Welt darüber blasiert; es fängt an, ein regular trade18 zu werden, und die umliegenden Märkte sind selbst so überführt, daß sie, ohne ihrem eignen glut19 besondern Abbruch zu tun, unter den 150 000 Neusüdwalesern einen extra glut zustande bringen können.

Enfin20 also hat Herr Louis-Napoleon sich entschlossen, Herrn Faucher den Abschied zu geben. Es war zu erwarten, daß er die Prorogation diesmal nicht vorübergehn lassen konnte, ohne den vorigjährigen Coup mit Changarnier zu wiederholen – ob mit demselben Erfolg, wird sich zeigen. Er ist, um den Jägerausdruck zu gebrauchen, endlich von den Royalisten brought to bay21, kehrt um und zeigt die Hörner. Wann er indes wieder den Schwanz zwischen die Beine nehmen wird, werden wir sehn. Der elende Abenteurer ist jedenfalls so herunter, daß er machen kann, was er will; il est foutu22; aber interessant fängt die Geschichte jetzt an zu werden. In einer Beziehung ist es schade, daß die famose Repression Faucher-Carlier, der progressive Belagerungszustand, die Gendarmentyrannei etc. so früh unterbrochen zu werden droht, und wenn der feige Napoleon wirklich die Courage hat, das Wahlgesetz ernsthaft zu attackieren, so kann er seine Abschaffung schon durchsetzen, was auch schade wäre, indem es den legalen Fortschrittseseln vom 13.Juni wieder ihren gesetzlichen Boden gäbe – aber wer weiß, was bei diesen Franzosen gut und was schlimm ist? Was hältst Du von d[em D]reck23? Du siehst dort mehr Blätter.

Dein
F.E.

[Manchester] Mittwoch, 15.Okt. 51

Jones schickt mir ein Zirkular zu, er müsse noch 600 Subskribenten haben oder kaputtgehn, mais que puis-je faire?24