121
Marx an Engels
in Manchester

[London] 23.September 1851
28, Dean Street, Soho

Lieber Engels!

Mit dem Pariser Dokument, das ist sehr dumm. Die deutschen Zeitungen, „Kölnische" und Augsburger1, schieben's uns, wie sich von diesen kritiklosen Hunden erwarten läßt, in den Hals. Andererseits verbreitet der elende Willich et Co., wir hätten den Dreck in Paris durch Bekannte von uns denunzieren lassen. Qu'en dis-tu?2

K.Schramm ist auch eingesteckt. Habeant sibi!3 Das nächste Mal – nach Einziehungen noch einiger Nachrichten – schreib' ich Dir weiter über den hiesigen Dreck. Für heute wirst Du regaliert mit folgendem Resümee eines mehrspaltigen Manifests des Bürgers Techow in der „New-Yorker Staatszeitung", benamset: „Umrissse des kommenden Kriegs. London, 7. August." (Schlecht, doktrinär geschrieben, allerlei Reminiszenzen aus unser „Revue"; scheinbar verständig entwickelt, aber Inhalt platt, keine Bewegung in der Form, nichts Schlagendes.) Ich schenke Dir, was Techow zunächst über die Revolution von 1849 rezitiert. Er zieht sich daraus zunächst folgende allgemeine Nutzanwendungen:

1. Gegen die Gewalt gibt es kein andern Widerstand als die Gewalt.

2. Die Revolution kann nur dann siegen, wenn sie allgemein wird, d.h. wenn sie in den großen Zentren der Bewegung zündet (Bayer-Pfalz, Baden) und wenn sie ferner nicht der Ausdruck einer einzelnen Oppositionsfraktion ist. (Beispiel: Juni-Insurrektion von 1848.)

3. Die Nationalkämpfe können zu keiner Entscheidung führen, weil sie vereinzelt.

4. Die Barrikadenkämpfe haben keine andre Bedeutung, als den Widerstand einer Bevölkerung zu signalisieren, diesem Widerstand gegenüber die Gewalt der Regierungen, d.h. die Gesinnungen der Truppen auf die Probe zu stellen. Wie diese Probe auch ausfallen möge, Organisation für den Krieg, Aufstellung disziplinierter Armeen bleibt immer die erste und wichtigste Maßregel der Revolution. Denn nur durch diese ist die Offensive möglich, und nur in der Offensive liegt der Sieg.

5. Konstituierende Landesversammlungen sind nicht imstande, für den Krieg zu organisieren. Sie verlieren ihre Zeit stets an Fragen der inneren Politik, für deren Lösung die Zeit erst nach dem Siege gekommen ist.

6. Um für den Krieg organisieren zu können, muß die Revolution Raum und Zeit gewinnen. Sie muß daher politisch angreifen, d.h. soviel wie möglich Länderstrecken in ihren Bereich ziehen, weil sie militärisch im Anfang stets auf die Defensive beschränkt ist.

7. Die Organisation für den Krieg kann in dem republikanischen Lager so gut wie in dem royalistischen nur basiert sein auf Zwang. Mit politischer Begeisterung und mit phantastisch aufgeputzten Freischaren ist gegen Disziplin und gut geführte Soldaten noch nie eine offne Feldschlacht gewonnen worden. Die militärische Begeisterung stellt sich erst nach einer Reihe von Erfolgen ein. – Für diese Erfolge gibt es im Anfang keine beßre Grundlage als eiserne Strenge der Disziplin. Mehr noch als in der innern Organisation des Landes können demokratische Grundsätze in den Armeen erst nach dem Siege der Revolution zur Anwendung kommen.

8. Der kommende Krieg ist seiner Natur nach ein Vernichtungskrieg – Völker oder Fürstentümer. Folgt daraus die Anerkennung der politischen und militärischen Solidarität aller Völker, d.h. der Intervention.

9. Das Gebiet der kommenden Revolution liegt räumlich in denselben Grenzen wie das der besiegten: Frankreich, Deutschland, Italien, Ungarn, Polen.

Folgt aus allem: Die Frage der kommenden Revolution ist gleichbedeutend mit der eines europäischen Kriegs. Gegenstand des Kriegs: Ob Europa kosakisch oder republikanisch. Schauplatz des Kriegs – die alten: Oberitalien und Deutschland.

Herr Techow zählt nun auf: 1. die Streitkräfte der Konterrevolution; 2. die Streitkräfte der Revolution.

I. Streitkräfte der Konterrevolution

1. Rußland. Gesetzt, es könne seine Streitkraft auf 300 000 bringen. Das wäre sehr viel. In welcher Zeit und wie stark kann es dann am Rhein oder in Italien erscheinen? Im besten Fall in 2 Monaten. Mindestens 1/3 Abgang für Kranke und Besetzung der Etappenstraßen. Bleiben 200 000 Mann, die 2 Monate nach Ausbruch der Bewegung auf den entscheidenden Punkten des Kriegsschauplatzes erscheinen.

2. Östreich. Berechnet den Stand seiner Armee auf 600 000 Mann. Brauchte 1848 und 49 in Italien 150 000 Mann. Diese Zahl verlangt Radetzky auch jetzt in Friedenszeiten. In Ungarn braucht er jetzt im Frieden 90 000 Mann. Im letzten Krieg reichten 200 000 nicht aus. 1/3 dieser Armee besteht aus Ungarn und Italienern, die abfallen werden. Im besten Fall, wenn der Aufstand in Ungarn und Italien nicht gleichzeitig ausbricht, kann es – durch allerlei Barrikadenkämpfe aufgehalten – in 6 Wochen mit 50 000 Mann am Rhein erscheinen.

3. Preußen. Zählt 500 000 Mann, inkl. der Ersatzbataillons und der Landwehr des ersten Aufgebots, die nicht mit ins Feld rücken. Für die Operation im Felde 300 000 Mann, 1/2 Linie, 1/2 Landwehr. Mobilisierung: 14 Tage bis 3 Wochen. Das Offizierskorps in der preußischen Armee aristokratisch, die Unteroffiziere bürokratisch, die Masse „durchaus demokratisch". Ferne Chance hat die Revolution in der Mobilisierung der Landwehr. Desorganisation des preußischen Heers durch die Revolution, deren der König nur unter Schutz der russischen Armee soweit Herr wird, um mit den Russen die Trümmer seines Heers gegen die Rebellen zu führen. Rheinprovinz, Westfalen, Sachsen für ihn verloren, so die wichtigsten Festungslinien und mindestens 1/3 seiner Armee. 1/3 braucht er gegen die Aufstände in Berlin, Breslau, Provinz Posen und Westpreußen. Bleibt höchstens 100 000, die nicht früher als die Russen selbst auf dem Kampfplatz erscheinen können.

4. Die deutsche Bundesarmee. Das badische, schleswig-holsteinische, das kurhessische und die pfälzischen Regimenter gehören der Revolution. Nur Trümmer der deutschen Bundesarmee werden, dem Fliehen der Fürsten folgend, die Heere der Reaktion verstärken. Ohne militärische Bedeutung.

5. Italien. Die einzige militärische Macht von Italien, das sardinische Heer, gehört der Revolution.

Also summa summarum:

Kriegsschauplatz in Deutschland

150 000 Russen
100 000 Preußen
50 000 Östreicher300 000 Mann

Kriegsschauplatz in Italien

150 0004 Östreicher
50 000 Russen200 000 Mann
Fazit: 500 000 Mann

II. Streitkräfte der Revolution

1. Frankreich. 500 000 Mann schon in dem ersten Moment der Revolution zur Verfügung. Davon 200 000 am Rhein, 100 000 in Italien (Ober-) sichern der Revolution in Italien und Deutschland Raum und Zeit zu ihrer Organisation.

2. Preußen. 50 000 nämlich die Hälfte der abgefallnen Armeen organisiert.

3. Östreich. 100 000

4. Kleine deutsche Armeen: 100 000.

Macht dann folgende Rechnung:

Aktive französische Armee300 000 Mann
Deutsches Revolutionsheer150 000
Italien und Ungarn200 000
650 000 Mann

Also: Revolution führt 650 000 Mann gegen 500 000 des Absolutismus.

Er schließt damit:

„Welche nationalen, welche prinzipiellen Verschiedenheiten die große Partei der Revolution immerhin spalten mögen – wir alle haben gelernt, daß zur Bekämpfung dieser verschiednen Ansichten untereinander die Stunde erst nach dem Siege gekommen ist" etc. etc.

Was meinst Du von dieser Berechnung? Techow setzt voraus, daß die Desorganisation auf Seite der regulären Armeen und die Organisation auf Seite der revolutionären Streitkräfte sich befinden wird. Das bildet die Basis seiner Rechnung. Doch Du wirst besser über diese Statistik urteilen können als ich.

Was aber die eigentlich politische Tendenz des Aufsatzes ist, die in der Ausführung noch klarer durchblickt, so ist sie die: Es bricht gar keine Revolution aus, d. h. kein Parteikampf, kein Bürgerkrieg, kein Klassenzwist, bis nach Beendigung des Kriegs und dem Sturz Rußlands. Um aber diese Armeen für diesen Krieg zu organisieren, da bedarf es der Gewalt. Und woher soll die Gewalt kommen? Vom General Cavaignac oder einem ähnlichen militärischen Diktator in Frankreich, der seine Generale in Deutschland und Oberitalien hat. Voilà la solution5, die nicht sehr weit von Willichs Ideen abliegt. Der Weltkrieg, d.h. im Sinne der revolutionären preußischen Lieutenants, die Herrschaft, wenigstens provisorisch, des Militärs über das Zivil. Wie aber ein General quelconque6, und stände der alte Napoleon selbst aus dem Grab, nicht nur die Mittel, sondern auch diesen Einfluß erhalten soll, ohne vorhergehende und gleichzeitige innere Kämpfe, ohne die verdammte „innere Politik", darüber schweigt das Orakel. Wenigstens „der fromme Wunsch" der künftigen Weltkriegler, der seinen angemeßenen politischen Ausdruck exakt findet in den klassenlosen Politikern und Demokraten als solchen, ist rein herausgesagt.

Leb wohl.

Dein
K.M.

Soeben hab' ich Deinen Brief erhalten, was ich noch anzeige.

NB. Du weißt doch, daß der Stechahn oder Steckhahn7 in Hannover verhaftet war und, eh' er in unsre Verbindung trat, mit dem Komitee Schapper etc. in Korrespondenz stand. Nun sind 2 Briefe, die er an den Sekretär dieses Komitees schrieb – an den Kakerlak gegeben – und die dieser erhalten hatte, jetzt befindlich auf dem Büro des Polizeiinspektors in Hannover. Ulmer war nun von uns beauftragt, Herrn Dietz et Co. darüber zu interpolieren nächsten Freitag in der öffentlichen Sitzung des „Flüchtlings- oder Emigrationsvereins". Wir haben wieder Kontreorden gegeben. Stechan ist durchgebrannt, also auf dem Weg nach London oder schon hier. Und wer bürgt uns dafür, daß St[echän] nicht zu unsern Feinden geht, statt zu uns?

Die Straubinger sind capables de tout8. Neuer Beweis: Herr Paul Stumpf, der auf seinem kurzen Besuch hier in London sich weder bei mir noch Lupus sehn ließ, sondern ausschließlich mit den Lumpen verkehrte.

Deine Handelsnachrichten haben mich äußerst interessiert.

Was den K.Schramm angeht, so hatte er von mir ein kurzes Legitimationsschreiben, eingetragen in seine Brieftasche. Diese Zeilen könnten zum Uriasbrief an ihm geworden sein. Sie wurden ihm damals gegeben, um ihm scheinbar Vertrauen zu zeigen und ihn sicherzustellen, da der Kerl uns bedeutend schaden konnte. Gleichzeitig aber wurde Reinhardt geschrieben, sich vor ihm – falls er ihm sich präsentieren sollte mit dem allgemein gehaltenen Schreiben – in acht zu nehmen. Das Fatale ist, daß mein Name drunter steht. Dem Schramm kann es 6 Monate einbringen.

Addio!