Lieber Marx,
Endlich denke ich wieder so weit zu sein, daß ich nach allen fatalen Störungen wieder regelmäßig ans Arbeiten komme. Der Artikel No.3 für Amerika1 wird heut abend fertig gemacht und Dir gleich zugeschickt, und dann werd’ ich den Proudhon sofort vornehmen.
Von Kinkels Rundreise hab’ ich weiter noch nichts vernommen. Die Spaltung unter den Italienern ist wunderschön. Es ist vortrefflich, daß dem geriebenen Schwärmer Mazzini endlich die materiellen Interessen auch einmal in die Quere kommen, und das in seinem eignen Lande. Dazu ist die italienische Revolution gut gewesen, daß sie die abgeschlossensten Klassen auch dort in die Bewegung gerissen hat, und daß sich jetzt der altmazzinistischen Emigration gegenüber eine neue radikalere Partei bildet und Herrn Mazz[ini] allmählich verdrängt. Auch nach Zeitungsberichten scheint il Mazzinismo2 selbst bei Leuten, die weder konstitutionell noch reaktionär sind, in Verschiß zu kommen, und die Reste piemontesischer Preßfreiheit von diesen zu Angriffen gegen Mazzini, deren portée3 die Regierung nicht begreift, benutzt zu werden. Im übrigen überragt sonst die italienische Revolution die deutsche bei weitem an Ideenarmut und Phrasenreichtum. Es ist ein Glück, daß das Land, wo es statt Proletariern fast nur Lazzaroni gibt, wenigstens métayers4 besitzt. Auch die andern Gründe der italienischen Dissidenten sind erfreulich, und schließlich ist es sehr schön, daß die einzige bisher wenigstens öffentlich ungespaltene Emigration jetzt auch sich in den Haaren liegt.
Der Bericht des Kleinen5 hat mir viel Spaß gemacht. Wichtigtuender Klatsch, ein Duell, ein in Hamburg einzukassierendes Stück Geld, piemontesische Pläne – dodge6, dodge und aber dodge! Man begreift bei dem Männchen nie zweierlei Dinge, erstens was er treibt und zweitens wovon er lebt. Inliegend erfolgt der Brief zurück, schick mir die Antwort und ich werde sie ihm portofrei befördern. Seine direkte Adresse ist notiert – die von Schuster wäre sehr schön, seit er gehaussucht worden!
Daß der edle Schramm einer der ersten sein würde, der Pariser Polizei in die Klauen zu fallen, war zu erwarten. Er wird gehörig in Cafés gebrüllt haben und dafür gefaßt worden sein, da er aber mit dem Komplott Willich-Schapper nicht zusammenhängt, werdet Ihr ihn bis jetzt wohl wieder in London haben. Die Auszüge aus dem Dokument Willich in der „K[ölnischen] Zeitung“ sind viel schöner als in den französischen Blättern, da der deutsche Originaltext kopiert ist und die kraftvollen Entwicklungen des großen Universalmannes hier in ihrer ganzen Reinheit hervortreten. Z.B. wo es heißt, daß „der Bund“ und „der vierte Stand“ (ja nicht zu verwechseln mit dem verfälschten Artikel, der unter der Etikette „Proletariat“ aus der Fabrik von Marx und Engels an den Markt gebracht wird) in der nächsten Revolution „die historischen Entwicklungen der ökonomischen Frage zum schließlichen Abschluß bringen sollen“!! Die schlechte französische Polizeiübersetzung hat alles an diesem unbezahlbaren Dokument verdorben. Die alten fixen Ideen des verrückten Kommißknoten, die uralte Albernheit mit der sozialen Revolution von der Gemeinde aus, die schlau kalkulierten Plänchen, die schon vorigen November die Welt vermittelst der rheinischen Landwehr auf den Kopf stellen sollten, alles das schimmert nur gelinde durch. Am ärgerlichsten ist es aber, daß diese schlechte Übersetzung einem das Vergnügen fast ganz nimmt, zu sehn, wie in diesem verbogenen Schädel sich allmählich die von uns eingetrichterten Ideen nach 12monatlicher selbständiger Verarbeitung schließlich in hochtrabenden Unsinn verwandelt haben. Man sieht aus der Übersetzung die Abhängigkeit überall durch, aber gerade das Original-Verrückte, was sich daran gehangen, die Verzerrung, ist nicht klar. Und wird uns nicht der Genuß genommen, endlich einmal ein rein Willichsches Aktenstück, woran der Edle gewiß lange gekaut hat, in der Ursprache zu lesen? Man sieht nur die erschrecklichste Gedankenarmut und den Versuch, sie durch einen gewaltigen Haufen revolutionärer guter Ratschläge, wie sie Herr Willich und Herr Barthélemy in trüben Abenden hinter dem Kamin ausbrüten, zu verdecken. Unübertrefflich sind auch die Finanzmaßregeln: erstens macht man Papiergeld, n’importe combien7, und zweitens wird konfisziert, drittens wird requiriert. Dann die sozialen, die ebenso einfach sind: 1. wird organisiert, tellement quellement8, 2. wird gefressen, sehr viel gefressen, bis man 3. da ankommt, wo nichts mehr zu fressen ist, und das ist ein Glück, denn dann kommen wir auf den Punkt, wo wir 4. ganz wieder von vornen anfangen, da die radikalste Tabula rasa jedenfalls darin besteht, daß alle Tische leergefressen sind, und dann ist die Zeit gekommen, wo sich erfüllt das Wort des Propheten Willich: „Wir müssen nach Deutschland hineinmarschieren wie in ein wüstes Land, das wir zu kolonisieren und urbar zu machen haben.“ Der Kerl hat von jeher keine andre Idee gehabt, als mit „5000 Mann“ auserwählter Männer vom „Volk des Herrn“ das kommunistische Kanaan unter Ausrottung der Ureinwohner von außen her zu erobern. Moses und Josua in einer Person, leider sind die Kinder Israels bereits in der ägyptischen Verbannung auseinandergelaufen.
Die australische Goldscheiße wird hoffentlich die Handelskrise nicht aufhalten. Jedenfalls kreiert sie momentan einen neuen, großenteils fiktiven Markt und treibt die Wolle in die Höhe, da die Schafherden vernachlässigt werden. Sonst ist die Geschichte famos. Der Steam um die Welt wird in 6 Monaten in vollem Gange sein, und unsre Prophezeiungen über die Suprematie des Stillen Ozeans realisieren sich noch rascher als wir erwarten konnten. Bei dieser Gelegenheit werden auch die Engländer herausfliegen und die Vereinigten Staaten der deportierten Mörder, Hausbrecher, Notzüchter und Taschendiebe der Welt ein erstaunliches Exempel geben von dem, was ein Staat von unverhohlenen Schuften für Wunder verrichten kann. They will beat California hollow.9 Während in Kalifornien doch noch die Schufte gelyncht werden, wird man in Australien die honnêtes gens10 lynchen, und Carlyle wird seine aristocracy of rogues11 in voller Glorie etabliert sehn.
Die vielen Beteuerungen der Blätter bei Gelegenheit der letzten Falliten und der u.a. in Liverpool herrschenden Depression, daß trotzdem der Trade12 des Landes nie gesunder gewesen sei, sind sehr verdächtig. Positiv ist, daß Ostindien overstocked13 ist und seit Monaten dort mit Verlust verkauft wird. Wohin die Massen Zeug gehn, die jetzt hier in Manchester und Gegend fabriziert werden, ist mir nicht klar; es muß viel, sehr viel Spekulation dabei sein, da, sobald die Baumwolle im Juli den niedrigsten Punkt erreicht hatte und die Spinner sich mit rohem Material zu versehen anfingen, sofort alle Spinner und Weber auf lange Zeit in Kontrakt genommen wurden von hiesigen Kommissionshäusern, die lange nicht auf alle die Ware Bestellungen hatten, die sie beim Fabrikanten bestellten. Bei den ostindischen Häusern ist offenbar das alte Vorschußsystem wieder im vollen Zuge, bei ein paar ist es schon ans Tageslicht gekommen, bei andern wird’s früher oder später einen heitern crash14 geben. Da die Fabrikanten hier auf Mord und Brand arbeiten und seit 1847 die hiesige Produktionskraft, besonders 5–20 Meilen um Manchester, sich wenigstens um 30% vermehrt hat (sie war 1842 30 000, 1845 40 000; jetzt gewiß 55 000–60 000 Pferdekraft für Lancashire), so braucht dies flotte Arbeiten nur noch bis März oder April fortzugehn, und wir haben eine Überproduktion, die Dir Freude machen wird.
Folgende Notizen, von der Liverpooler Cottonmakler-Corporation15 festgestellt, sind Dir vielleicht in dieser Genauigkeit noch nicht aufgestoßen. Die Baumwollernte jedes Jahrs, bemerke ich vorher, ist bis zum 1.September des folgenden Jahrs vollständig in den Häfen abgeliefert; so daß das Cotton-Jahr vom 1.Sept. bis zum 1.Sept. geht. Es versteht sich daher, daß, was hier z.B. als Ernte von 1851 angegeben ist, das im Sommer 1850 Gewachsene und im Herbst 1850 Geerntete und zwischen Sept. 50 und Sept. 51 in die Häfen Gebrachte umfaßt. Die jetzt reifende Ernte, die übrigens schlechter wird infolge von Trockenheit und Stürmen und ca. 2½ Millionen erreichen wird, würde also als die von 1852 figurieren.
| Baumwollernte im Jahr: | Verbrauch in Amerika selbst: |
|---|---|
| 1846……… 2 110 537 Ballen | nicht angegeben. |
| 1847……… 1 778 651 „ | 427.967 Ballen |
| 1848……… 2 347 634 „ | 531 772 „ |
| 1849……… 2 728 596 „ | 518 039 „ |
| 1850……… 2 096 706 „ | 487 769 „ |
| 1851……… 2 355 257 „ | 404 108 „ |
Die Amerikaner haben also zwischen ⅕ und ¼ ihrer ganzen Ernte selbst verbraucht. Über die Exporte und Importe andrer Baumwollsorten als aus den V[ereinigten] St[aaten] fehlen mir die Notizen noch. Der Export der V.St. nach England betrug ca. 55–60% der Ernte, der nach Frankreich ⅛. Beide Länder aber exportieren wieder ziemlich stark, England nach Frankreich, Deutschland und Rußland, Frankreich nach der Schweiz.
Die Russen beziehn in diesem Moment fast kein Pfund Twist mehr von England, sehr wenig fertige Baumwollwaren, sehr viel rohe Baumwolle – 2000–3000 Ballen pro Woche, und trotzdem daß der Zoll von 7 Pence auf 5 Pence pro Pfund für Garn herabgesetzt ist, entstehn noch täglich neue Spinnereien. Nikolas scheint endlich Angst vor dieser Industrie zu bekommen und will den Zoll noch mehr heruntersetzen. Da aber all sein reicher Adel und alle Bourgeois in diesem Geschäft interessiert sind, so kann diese Geschichte ernstlich werden, wenn er drauf besteht.
Dein
F.E.
M[anchester], 23.Sept. 51