[London] Samstag, 13.September 1851
28, Dean Street, Soho
Lieber Engels!
Du hast doch meinen Brief – während der Anwesenheit Deines Bruders1 – erhalten? Ich frage, da Du ihn nicht erwähnst, nicht wegen seines Inhalts. Er enthielt nur Klatsch, obgleich es gut ist, daß auch dieser archiviert wird. Aber in fremde Hände möchte ich ihn doch nicht geraten wissen.
Deine verschiednen Briefe, eingeschlossen der 5pfundige, sind hier richtig angekommen.
Kinkel macht jetzt seine Rundreise durch Nordengland. War er noch nicht in Manchester?
Nach dem in meinem letzten Schreiben Erwähnten hat sich wenig hier zugetragen. Gestern (Freitag) vor 8 Tagen erklärte Graf Reichenbach2 seinen Austritt aus dem allgemeinen Flüchtlingsverband. Auch Du, Brutus? Sigel3 etc., die noch nicht definitiv ausgetreten waren, sind es jetzt. Willich aber macht einen Feldzug gegen das „Lumpenproletariat“ unter den Flüchtlingen. Über die gestern abend gehaltne Sitzung hab’ ich noch keinen Bericht erhalten.
Auch das italienische Komitee hat sich gespalten. Eine bedeutende Minorität ist ausgetreten. Mazzini erzählt mit Kummer dies Ereignis in der „Voix du Peuple“4. Hauptanlässe sollen sein: D’abord Dio. Ils ne veulent pas de dieu. Ensuite, et c’est plus grave, ils reprochent à Maître Mazzini de travailler dans l’intérêt autrichien en prêchant l’insurrection, d.h. en la précipitant. Enfin: Ils insistent sur un appel direct aux intérêts matériels des paysans italiens, ce qui ne peut se faire sans attaquer de l’autre côté les intérêts matériels des bourgeois et de la noblesse libérale qui forment la grande phalange mazzinienne.5 Diese letztre Sache ist durchaus wichtig. Wenn Mazzini oder wer sonst an die Spitze der italienischen Agitation sich stellt, diesmal nicht franchement6 und immédiatement7 die Bauern aus métaires8 in freie Grundeigentümer verwandelt – die Lage der italienischen Bauern ist scheußlich, ich habe die Scheiße jetzt gründlich durchgeochst –, so wird die österreichische Regierung im Fall der Revolution zu galizischen Mitteln ihre Zuflucht nehmen. Schon hat sie im „Lloyd“ gedroht mit „gänzlicher Umwandlung des Besitzstandes“ und „Vernichtung des unruhigen Adels“. Wenn dem Mazzini noch nicht die Augen aufgehn, so ist er ein Rind. Allerdings kommen die Agitationsinteressen hinein. Wo die 10 Mill. fr. hernehmen, wenn er die Bourgeois vor den Kopf stößt? Wie den Adel in seinen Diensten behalten, wann ihm ankündigen, daß es sich zunächst um seine Expropriation handelt? Das sind Schwierigkeiten für solchen Demagogen aus der alten Schule.
Unter den Verhafteten in Paris befindet sich leider auch Lumpazius Schramm9. Vorgestern kam ein Brief von dem Schlingel an Liebknecht, und wir haben die erfreuliche Aussicht, dies dissolute Subjekt wieder unter uns zu sehn. Er soll sich aber wundern. Ce Monsieur là!10 Du wirst mich sehr verpflichten, wenn Du mir bis Dienstag morgen den Aufsatz für Dana schickst.
Anbei Brief von Dronke. Übrigens, wenn man ihm schreibt, muß es unter seiner direkten Adresse geschehn. Die von Schuster ist durchaus unsicher. Ich schicke Dir in ein paar Tagen ein Billett für ihn, und dann schreibst Du auch noch einiges hinzu und expedierst die Sache an den Knirps.