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Engels an Marx
in London

Lieber Marx,

Du erhältst hierbei einen beliebigen Artikel.1 Verschiedne Umstände haben konspiriert, das Ding schlecht zu machen. Erstens war ich seit Samstag zur Abwechslung einmal unwohl. Dann fehlte alles Material – reine Ärmelschüttelei und Aushelferei mit dem bloßen Gedächtnis. Dann die kurze Zeit und Arbeit auf Bestellung, fast totale Unkenntnis des Blattes2 und seines Leserkreises, also kein ordentlicher Plan möglich. Endlich die Unmöglichkeit, das Manuskript der ganzen Reihe zum Vergleichen zusammenzuhalten, also Notwendigkeit eines plus ou moins3 pedantisch-systematischen Anfangs, um Wiederholungen in den folgenden Artikeln zu vermeiden. Alles das und meine ohnehin ganz aus der Übung gekommene Schreiberei dazu, haben das Ding sehr trocken gemacht, und wenn es sich durch etwas empfiehlt, so ist es durch kulanteres Englisch, das ich der Gewohnheit, seit 8 Monaten fast nur Englisch zu sprechen und zu lesen, verdanke. Enfin, tu en feras ce que tu voudras.4

Den Pr[oudhon] habe ich zur Hälfte durch und finde Deine Ansicht vollkommen bestätigt. Sein Appell an die Bourgeoisie, sein Zurückgehn auf Saint-Simon und hundert andre Geschichten, schon im kritischen Teil, bestätigen, daß er die industrielle Klasse, Bourgeoisie und Proletariat, als eigentlich identisch und nur durch die Nichtvollendung der Revolution in Gegensatz gebracht ansieht. Die pseudo-philosophische Geschichtskonstruktion liegt ganz klar auf der Hand: vor der Revolution industrielle Klasse im Ansichsein, 1789–1848 im Gegensatz: Negation; Proudhonsche Synthese to wind up the whole with a flourish5. Mir kommt das Ganze als ein letzter Versuch vor, die Bourgeoisie theoretisch zu halten; unsre Prämissen über entscheidende historische Initiative der materiellen Produktion, Klassenkampf pp. großenteils adoptiert, meist verdreht und hierauf das Experiment gegründet, vermittelst pseudo-hegelscher Eskamotage das Proletariat scheinbar in die Bourgeoisie zurückzunehmen. Den synthetischen Teil hab’ ich noch nicht gelesen. In den Angriffen gegen L.Blanc, Robespierre, Rousseau sind hier und da nette Sachen, aber im ganzen kann man nichts Prätentiös-Flacheres lesen als seine Kritik der Politik, z.B. bei der Demokratie, wo er wie die „N[eue] Pr[eußische] Z[eitung]“ und die ganze alte historische Schule mit der Kopfzahl herankommt, und wo er sich nicht schämt, mit kleinen praktischen Bedenken, die eines Schuljungen würdig sind, Systeme aufzubauen. Und welche große Idee, daß pouvoir6 und liberté7 unvereinbare Gegensätze sind, und daß keine Regierungsform ihm einen genügenden moralischen Grund angeben kann, weswegen er ihr gehorchen sollte! Par Dieu8, wozu brauchte man denn ein pouvoir?

Übrigens bin ich überzeugt, daß Herr Ewerbeck ihm seine Übersetzung des „Manifests“9 und vielleicht auch unter der Hand Übersetzungen aus Deinen Artikeln in der „Revue“10 hat zukommen lassen. Eine Anzahl Pointen sind unbedingt daraus gestohlen – z.B. daß das gouvernement11 nichts ist als die Macht einer Klasse zur Niederhaltung der andern und mit dem Verschwinden des Klassengegensatzes ebenfalls verschwindet. Dann viele Pointen über die französische Bewegung seit 1848. Ich glaube nicht, daß er das alles in Deinem Buch gegen ihn12 gefunden hat.

Ich schreibe dieser Tage ausführlicher über das Ding, sowie ich das Ganze gelesen habe. Inzwischen erwarte ich dieser Tage Weerth hier, der wie gewöhnlich auf einmal in Bradford auftaucht, und ich werde deshalb vielleicht genötigt sein, den Pr[oudhon] 2 oder 3 Tage länger hier zu behalten.

Sage Lupus, daß ich mit Watts gesprochen habe und dieser sich alle Mühe geben wird, und mit aller Aussicht auf Erfolg, ihm hier eine Stelle zu verschaffen. Watts glaubt, daß seine Qualität als Exreichstagsmann hier vollständig hinreicht. Er kennt die ganze Sorte von Schulmeistern und Pfaffen der liberalen Couleur, und wenn er sich einmal in Bewegung setzt, wird er gewiß etwas ausrichten können. Ich werde ihn deshalb warmhalten; sowie ich etwas Weiteres höre, werde ich es ihn wissen lassen. Übrigens ist der Watts trotz alledem doch noch ebenso erträglich als die übrige Sorte von Philistern. Da der Mann als Engländer, Sozialist, Doktor und Familienvater lebt, so muß man ihm zugut halten, daß er seit sieben Jahren Tee-totaler13 ist – und sogar Gelüste verspürt, Struvescher Grasfresser zu werden. Seine Frau säuft und frißt dafür für ihn mit. Es ist schlimm, aber es ist ein Faktum, hier in Manchester ist durchschnittlich der ordinäre Spießbürger der umgänglichste Mensch; er säuft, er reißt Zotzen, er ist Rebblkaner (wie Martens), und man kann über ihn lachen.

Was hörst Du Neues aus Deutschland? In Hamburg sind 3 entlassen, einer neu verhaftet. Die Geständnisse des Schneidergesellen Nothjung laufen also darauf hinaus, daß er Emissär einer propagandistischen geheimen Verbindung sei – quelle découverte!14

Dein
F.E.

M[anchester], 21.Aug. 51