[London] 31.July 1851
28, Soho, Dean Street
Lieber Engels!
Soeben bekomme ich Deinen Brief, der sehr angenehme Aussichten zur Handelskrise eröffnet.
Ich habe seit ungefähr 14 Tagen nichts geschrieben, weil ich die Zeit, die ich nicht auf der Bibliothek zubringe, wie ein Hund gehetzt war, und so trotz dem besten Willen immer wieder vom Schreiben abkam.
Nachdem mich die beiden Bamberger, Vater und Sohn, von Woche zu Woche – erst von Monat zu Monat – hingezogen mit dem Versprechen, mir einen Wechsel zu diskontieren, nachdem ich endlich zu diesem Zweck verflößnen Montag in die Judenbude bestellt war und schon das stamped paper1 mitgebracht, eröffnet mir der Junge, daß der Alte, der auch da war, nicht könne etc. etc.
Daß ich diesen beiden Juden für dies infame Hinhalten, Zeitverderben und mich Dritten gegenüber in fausse position2 bringen, nicht um die Ohren schlagen konnte, war höchst bedauerlich.
Übrigens verdanke ich, wenn nicht die Tatsache, doch das Prinzip dieses wirklich à la Sancho erst seit Monaten und dann wieder seit den letzten 6 Wochen Geprelltwerdens dem Herrn Konrad Schramm.
Du weißt, daß dies Subjekt seit 4–5 Wochen nach Paris aufgebrochen ist. Wie immer von unsern edlen hiesigen Freunden, erfährt man erst jetzt von ihnen, z.B. von dem Tölpel Hain, was sie längst über den Lumpen wußten. Ich verbiete ihnen aber jetzt das „Schreien“, da es nur noch schaden kann, nichts mehr nützen. Also – ich weiß nicht, ob ich Dir das schon geschrieben habe – ich erfahre von Herrn Schramm eines Abends, daß er in 2 × 24 Stunden abreisen wolle. Ich beschloß also, die nötigen Maßregeln wegen der Bundes- und sonstigen Papiere zu ergreifen, in deren Besitz Herr Konrad sich noch befand. Denselben Abend erfahre ich durch Liebknecht, daß Herr Konrad diese Papiere nicht herausgeben will, sondern sie versiegelt Herrn Louis Bamberger übergeben hat. Und was rasches Verfahren noch nötiger machte: als ich den folgenden Tag aus dem Museum3 komme, ergibt sich, daß Herr Lumpazius nicht in 2 × 24 Stunden, sondern schon in den ersten 24 Stunden, d.h. eben um 2 Uhr nachts des laufenden Tags abreisen wird. Der edle Konrad hatte mich für den Abend um ein Privatrendezvous gebeten, was ich ihm aber vereitelte und Lupus, Liebknecht, Pieper mitnahm. Kaum waren wir in einer insulated4 Kneipe gesettled5, als ich den Herrn Konrad über sein Treiben mit den Papieren Aufklärung zu geben ersuchte etc. Wie immer, wenn er einen faux pas gemacht, wird der Kerl fuchswild, erklärt, die Papiere nicht herausgeben zu wollen, da er sie zu seiner Rechtfertigung brauche und andre Albernheiten. Er sei der Bund so gut wie ich und Du, auch er könne rettende Taten vollbringen. Er wisse gar nicht, ob ich Vorsteher des Kreises in London sei. Dann Stirneriana über seine Einzigkeit in der Partei. Andere, besonders Lupus, brausten auf, er droht aufzubrechen, schreit, tobt – alles connu6. Ich schlug den Tumult wieder nieder, und da ich weiß, wie der Bursche zu behandeln ist, da aller Skandal nicht nützte, sondern es sich darum handelte, die Papiere zu haben, namentlich in diesem Augenblicke – so brachte ich Herrn Konrad durch Drohung und glatte Worte dahin, daß er mir einen Zettel an Bamberger ausstellte und diesen beauftragte, mir das versiegelte Paket abzuliefern.
Das erhielt ich auch am folgenden Tag. Darin befand sich alles. Unter andrem sogar Deine und meine Erklärung gegen A.Ruge7, die der edle Konrad also nicht in die „Staatszeitung“ abgeschickt hatte, wahrscheinlich weil er so viel bei seinem Bruder8 gelogen, daß er jede Aufklärung – öffentliche – fürchtete.
Dieser Lump also hat zugleich – er glaubte dadurch seine Geschäfte besser machen [zu] können – die Bamberger vor mir gewarnt, ihnen gesagt, ich hätte meinen letzten Kredit erschöpft, um den letzten Wechsel zu zahlen etc. etc. Überhaupt hat er in jeder, der hundsöttischsten Weise gegen uns intrigiert, gelogen usw.
Jetzt – da dies alles fait accompli – muß man nicht, wie die hiesigen Tölpel wollten und taten, schreien und sich biedermännisch entrüsten, sondern den Lumpazius einstweilen an sein Verhältnis mit uns fortglauben lassen, bis man die Macht und den Moment hat, den Kerl aus dem Wege zu schaffen, d’une manière ou de l’autre9. In diesem Moment könnte der Bursche unsern deutschen Genossen durchaus gefährlich werden, wenn man ihm irgendwie als Kenner seiner ehrlosen Lumperei gegenüberträfe.
Übrigens glaubst Du mir ohne weitre Beteuerung, daß ich meiner Situation verdammt müd bin. Ich habe nach Amerika geschrieben, ob es möglich ist, von hier aus eine Korrespondenz zusammen mit Lupus für ein paar Dutzend Journale zu machen, denn es ist impossible10, so fortzuleben.
Was die Verhandlungen mit Ebner in Frankfurt angeht, so schreibt er, daß Cotta wahrscheinlich meine Ökonomie – deren Plan ich hingeschickt – nehmen wird, und daß, wenn nicht, er einen andern Buchhändler auftreiben wird. Ich wäre längst auf der Bibliothek fertig. Aber die Unterbrechungen und Störungen sind zu groß, und zu Haus, wo alles immer im Belagerungszustand sitzt und Tränenbäche mich ganze Nächte durch ennuieren und wütend machen, kann ich natürlich nicht viel tun. Meine Frau tut mir leid. Auf sie fällt der Hauptdruck, und au fond11 hat sie recht. Il faut que l’industrie soit plus productive que le mariage.12 Trotz alledem erinnerst Du Dich, daß ich von Natur très peu endurant13 bin und sogar quelque peu dur14, so daß von Zeit zu Zeit mein Gleichmut verlorengeht.
Julius ist vor einer Woche ungefähr begraben worden. Ich war bei der Bestattung zugegen. Der edle Kinkel hielt einen Seich über das Grab. Julius war der einzige in der Emigration, der studierte und mehr und mehr vom Idealismus auf unser Gebiet herübertrat.
Der edle Dulon befindet sich hier.
Heinzen und Ruge fahren fort, in der New-Yorker „Schnellpost“ gegen die Kommunisten und uns speziell zu poltern. Das Zeug ist aber so kreuz-dumm, daß es unmöglich ist, anders drauf einzugehn, als bei gelegner Zeit einmal aus Ruges Machwerken das Komischste zusammenzustellen und den Deutschen zu offenbaren, von wem sie jetzt, malgré eux15, regiert werden.
Hast Du vielleicht die neuste Schrift von Proudhon gelesen?
Weydemeyer hat mir von Zürich aus geschrieben. Karstens16 sitzt in Mainz. Er hatte einen vergeblichen Fluchtversuch gemacht.
Vale faveque.17
Dein
K.M.
Du wirst übrigens sehr wohltun, wenn Du, womöglich mit Namensunterschrift, einen Aufsatz für Jones machst. Er geht fort in seinem Blatte, er lernt. Ce n’est pas un Harney.18 Die „Notes to the People“ kommen daher auf, während der „Friend of the People“ kaputtgeht.