Lieber Marx,
Ich habe mit Vergnügen aus den Blättern ersehn, daß die „Neue Rheinische Zeitung“ in Deiner Person auch auf dem Soyerschen Allerweltspreß-Symposium vertreten war. Mögen Dir die homards à la Washington1 und der champagne frappé2 geschmeckt haben. Wie aber M.Soyer Deine Adresse aufgefunden hat, ist mir ein Geheimnis.
Weißt Du, was aus dem versoffenen Laroche aus der Great Windmill Street geworden ist? Derselbe ist, wie deutsche Blätter melden, abgefangen und in Berlin zum Tode durch den Strang verurteilt worden. Es stellt sich heraus, daß dieser angebliche ehemalige preußische Husarenlieutenant niemand anders ist als der Schuhmacher August Friedrich Gottlieb Lehmann aus Triebel bei Sorau in der oberschlesischen Wasserpolakei, Wehrmann I.Aufgebots, durch Urteil vom 23.März 1842 wegen Desertion in Friedenszeit, Fälschung und unerlaubten Schuldenmachens zu den militärischen Ehrenstrafen und 16monatiger Einstellung in eine Strafsektion verurteilt. Ein neuer Beitrag zur Aufklärung über unsre deutschen Revolutionshelden.
Daß die großen Krieger, Willich, Schimmelpfennig und Sigel, sich mehr und mehr zusammenfinden, ist ganz gut. Dies Soldatenpack hat einen unbegreiflich schmutzigen Esprit de corps3. Sie hassen sich untereinander à mort4, beneiden sich gegenseitig wie Schuljungen die kleinste Auszeichnung, aber gegen Leute vom „Zivil“ sind sie alle einig. Akkurat, nur in zwerghaft-karikieritem Maßstab, wie in den ersten französischen Armeen von 1792/93. Die Windmill-Street-Gesellschaft sehen sie alle für ein Bataillon an, das fix und fertig und geschlossen herübermarschieren wird; es ist das einzig übrige, seit die in der Schweiz gesprengt und fortspediert sind. Kein Wunder, daß sie sich alle an dies edle Korps anhängen. Es ist sehr gut, daß man schon jetzt auf diesen Offizierkorpsgeist aus der alten Kaserne und von der Offizierstafel her aufmerksam gemacht wird, und daß man schon jetzt sieht, wie diese Cliquenwirtschaft unter dem emigrierten Offiziersmaterial ebensosehr herrscht wie im herrlichen Kriegsheer. Wir wollen diesen Herren seinerzeit schon zeigen, was „das Zivil“ zu bedeuten hat. Alle dgl. Geschichten zeigen mir, daß ich gar nichts Besseres tun kann, als meine militärischen Studien fortzusetzen, damit wenigstens Einer vom „Zivil“ ihnen theoretisch die Stange halten kann. Jedenfalls will ich’s dahin bringen, daß solche Esel mich nicht niederschwätzen sollen. Daß sie übrigens um 2000 Taler geprellt worden sind, ist sehr erfreulich. Die Nachrichten aus Köln sind sehr angenehm, die Leute dort mögen sich nur in acht nehmen.
Die edle Johanna5 schlägt im Bettel doch wirklich alles platt, was bisher dagewesen. Heinzen kann sich hängen, zu der Unverschämtheit wie diese Frau, die obendrein noch häßlich sein soll wie die Nacht, hat er’s nie gebracht.
Daß Girardin den Cavaignac nicht unterstützt, ging schon aus den englischen Blättern hervor. Aber daß er das Faktum konstatiert, daß Cav[aig-nac]s Chancen so flott stehn, reicht hin, um die Situation zu charakterisieren. Wenn die Chance sich realisieren sollte, von der Du sprichst, daß die Majorität und Bonaparte einen Vertrag schlössen und die illegale Revision durchzuführen versuchten, so geht’s schief, glaub’ ich. Das setzen sie nie durch, solange Thiers, Changarnier und das „Débats“ nebst ihren resp. Schwänzen dagegen sind. Die Chance für Cavaignac wäre zu schön; und in d[ie]sem6 Fall, glaub’ ich, könnte er auf die Armee rechnen.
Gibt es Krawall im nächsten Jahr, so ist Deutschland in einer verfluchten Lage. Frankreich, Italien und Polen sind bei seiner Zerstückelung interessiert. Mazzini hat sogar, wie Du gesehn hast, den Tschechen Rehabilitierung versprochen. Außer Ungarn hätte Deutschland nur einen möglichen Bundesgenossen, Rußland – vorausgesetzt, daß dort eine Bauernrevolution durchgeführt worden ist. Sonst kriegen wir eine guerre à mort7 mit unsern edlen Freunden nach allen vier Winden hin, und es ist sehr fraglich, wie diese Geschichte enden wird.
Je mehr ich über die Geschichte nachdenke, desto klarer wird es mir, daß die Polen une nation foutue8 sind, die nur so lange als Mittel zu brauchen sind, bis Rußland selbst in die agrarische Revolution hineingerissen ist. Von dem Moment an hat Polen absolut keine raison d’être9 mehr. Die Polen haben nie etwas andres in der Geschichte getan, als tapfre krakeelsüchtige Dummheiten gespielt. Auch nicht ein einziger Moment ist anzugeben, wo Polen, selbst nur gegen Rußland, den Fortschritt mit Erfolg repräsentierte oder irgend etwas von historischer Bedeutung tat. Rußland dagegen ist wirklich progressiv gegen den Osten. Die russische Herrschaft mit all ihrer Gemeinheit, all ihrem slawischen Schmutz, ist zivilisierend für das Schwarze und Kaspische Meer und Zentralasien, für Baschkiren und Tataren, und Rußland hat viel mehr Bildungselemente und besonders industrielle Elemente aufgenommen, als das seiner ganzen Natur nach chevaleresk-bärenhäuternde Polen. Schon daß der russische Adel fabriziert, schachert, prellt, sich korrumpieren läßt und alle möglichen christlichen und jüdischen Geschäfte macht, vom Kaiser10 und Fürst Demidow bis herab zum lausigsten Bojaren 14.Klasse, der nur blahorodno, wohlgeboren, ist, schon das ist ein Vorzug. Polen hat nie fremde Elemente nationalisieren können – die Deutschen der Städte sind und bleiben Deutsche. Wie Rußland Deutsche und Juden zu russifizieren versteht, davon ist jeder Deutschrusse aus zweiter Generation ein sprechendes Exempel. Selbst die Juden bekommen dort slawische Backenknochen.
Von der „Unsterblichkeit“ Polens liefern Napoleons Kriege 1807 und 1812 schlagende Exempel. Unsterblich war bei den Polen bloß ihre Krakeelelei ohne allen Gegenstand. Dazu kommt, daß der größte Teil von Polen, das sog. Westrußland, d.h. Bjelostok, Grodno, Wilna, Smolensk, Minsk, Mohilew, Wolhynien und Podolien sich mit geringen Ausnahmen seit 1772 ruhig hat von den Russen beherrschen lassen, ils n’ont pas bougé11, mit Ausnahme von ein paar Bürgern und Edelleuten hier und da. ¼ von Polen spricht Litauisch, ¼ Ruthenisch, ein kleiner Teil Halbrussisch, und der eigentliche polnische Teil ist zu voll ⅓ germanisiert.
Glücklicherweise haben wir in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ keine positiven Verpflichtungen gegen die Polen übernommen, als die unvermeidliche der Wiederherstellung mit suitabler12 Grenze – und auch die noch unter der Bedingung der agrarischen Revolution. Ich bin sicher, daß diese Revolution in Rußland eher vollständig zustande kommt als in Polen, wegen des Nationalcharakters und wegen der entwickelteren Bourgeoiselemente in Rußland. Was ist Warschau und Krakau gegen Petersburg, Moskau, Odessa pp.!
Resultat: Den Polen im Westen abnehmen, was man kann, ihre Festungen unter dem Vorwand des Schutzes mit Deutschen okkupieren, besonders Posen, sie wirtschaften lassen, sie ins Feuer schicken, ihr Land ausfressen, sie mit der Aussicht auf Riga und Odessa abspeisen, und im Fall die Russen in Bewegung zu bringen sind, sich mit diesen alliieren und die Polen zwingen nachzugeben. Jeder Zoll, den wir an der Grenze von Memel bis Krakau den Polen nachgeben, ruiniert diese ohnehin schon miserabel schwache Grenze militärisch vollständig und legt die ganze Ostseeküste bis nach Stettin bloß.
Ich bin übrigens überzeugt, daß bei dem nächsten Krawall die ganze polnische Insurrektion sich auf Posener und galizische Adlige nebst einigen Zuläufern aus dem Königreich beschränken wird, da dies so scheußlich ausgesogen ist, daß es nichts mehr kann, und daß die Prätensionen dieser Ritter, wenn sie nicht von Franzosen, Italienern, Skandinaviern pp. unterstützt und durch tschechoslawische Krawalle verstärkt werden, an der Erbärmlichkeit ihrer Leistungen scheitern werden. Eine Nation, die 20 000 bis 30 000 Mann höchstens stellt, hat nicht mitzusprechen. Und viel mehr stellt Polen gewiß nicht.
Grüße Freiligrath, wenn Du ihn siehst, und Deine Familie, den Bürger Musch nicht zu vergessen. Ich komme ca. 8 Tage später nach London als ich dachte, die Geschichte hängt von vielen kleinen Lumpereien ab.
Apropos, von Köln noch keine Zeile. Hast Du geschrieben? Wenn ich den Brief nicht bald erhalte, nützt er mir nichts.13 Ich wüßte nicht, warum D[aniels] mir nicht den Gefallen tun sollte. Kannst Du nicht noch einmal schreiben, der D[aniels] kann ja rasch umgehend ein paar Zeilen hinschmieren und mir schicken. Ich könnte sonst in höllische Verlegenheit kommen.
Dein
F.E.
M[anchester], 23.Mai 51