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Engels an Marx
in London

[Manchester] Freitag, 9.Mai 51

Lieber Marx,

Ich schickte Dir gestern 2 Briefe, den einen ohne andern Inhalt als eine Post Office Order1, den andern durch Tupman2. Du hast beide hoffentlich erhalten.

Die elektrische Geschichte ist einfach, was die Konstruktion anbetrifft. An den vier Ecken A B C und D – ich setze voraus, daß Du die Zeichnung dort hast – werden Pflöcke in die Erde geschlagen und ein starker Draht, 3 Zoll unter der Erdoberfläche, von einem dieser Pflöcke zum andern gezogen, so daß er unter der Erde das ganze Feld umspannt. Bei E und F, Norden und Süden, werden zwei Pfähle in die Erde geschlagen, deren Spitzen, 15 Fuß über der Erde, ebenfalls durch einen Draht verbunden werden. Die beiden Enden dieses Drahts laufen den Pfahl hinab und werden unter der Erde mit dem verdeckten Draht A B C D verbunden. Ebenso ein Querdraht von G bis H auf zwei Pfählen, der in der Mitte den Draht E F kreuzt. Was der Sack Holzkohle und die Zinkplatten sollen, ist mir nicht ganz klar, da ich die elektrische Beschaffenheit der Holzkohle vergessen habe – ich vermute, durch diese Holzkohle bei G und den Zink bei H, die beide ebenfalls vergraben und mit dem großen vergrabnen Draht in Verbindung stehn, will der Kerl die Elektrizität polarisieren, einen positiven (Zink) und negativen (Kohle) Pol herstellen.

Der Rest bezieht sich auf technische Geschichten, Isolierung der Drähte usw.

Da Du mir weiter nichts schreibst, so vermute ich, daß sich die Geschichte auf irgendein Experiment bezieht, ich glaube, Du sprachst mir davon, daß im „Economist“ oder so etwas davon gestanden. Mir ist der Erfolg der Sache etwas zweifelhaft, doch mag was damit zu machen sein, wenn man das Ding ausdehnt und verbessert. Es fragt sich nur 1. wieviel Elektrizität sich in der Weise aus der Luft abfassen läßt, und 2. wie diese Elektrizität auf Wachstum und Keimen der Pflanzen wirkt. Laß mich jedenfalls wissen, ob das Experiment schon gemacht ist und mit welchem Erfolg, und wo der Bericht darüber steht.

Zwei Haken hat die Sache jedenfalls:

1. Will der Kerl den Draht, der die Elektrizität abfassen soll, genau Nord und Süd gelegt haben, und schreibt doch den farmers vor, ihn nach dem Kompaß zu legen. Von der Deklination des Kompasses, die hier in England ca. 20–23 Grad beträgt, spricht er gar nicht, und er müßte jedenfalls sagen, ob er sie in Anschlag gebracht hat. Die farmers wissen jedenfalls von Deklination nichts und würden den Draht nach der Magnetnadel legen, wo er dann nicht von Nord nach Süd, sondern von Nord-Nord-West nach Süd-Süd-Ost zeigen würde.

2. Wenn die Elektrizität eine befördernde Wirkung auf das Keimen und Wachsen der Pflanzen hat, so wird sie im Frühjahr die Pflanzen zu früh keimen machen und sie Nachtfrösten pp. aussetzen. Dies müßte jedenfalls sich zeigen, und dem wäre nur abzuhelfen, indem man während des Winters die Kommunikation der schwebenden und der vergrabnen Drähte unterbräche. Auch davon spricht der Mann nicht. Entweder aber ist die so abgefaßte Elektrizität ohne alle befördernde Wirkung oder sie hat die des Zufrühtreibens. Auch das muß aufgeklärt werden.

Die Sache läßt sich übrigens nicht beurteilen, bis sie probiert ist und Resultate da sind, und deswegen sag mir, wo ich das Weitere über diesen Gegenstand finden kann.

Ich danke dem Schöpfer in der Höh’, daß die Zentralesel sich wiedergefunden haben, und selbst ihren „Kosmos“ gönne ich ihnen. Wir werden doch bald wieder ein Organ haben, soweit wir’s brauchen, und wo wir alle Angriffe zurückweisen können, ohne daß es scheint, als ginge dies von uns aus. Das ist ein Vorzug der beabsichtigten Kölner Monatsschrift vor unsrer „Revue“. Wir schieben das alles dem bonhomme Bürgers in die Schuh’, etwas muß er doch für seinen Tiefsinn haben.

Daß die Schimpfereien in Deutschland nicht weniger Fortgang finden als in Amerika und London, ist nicht anders zu erwarten. Du hast jetzt die stolze Position, von zwei Welten zugleich attackiert zu werden, was dem Napoleon nie passiert ist. Übrigens sind unsre Freunde in Deutschland Esel. Daß sie von bloßen Schimpfereien keine Notiz nehmen, als alle Vierteljahr zwei Worte über den Stand dieses saubern trade3 zu geben, ist ganz in der Ordnung. Aber wenn es zu Verleumdungen kommt, wenn sich der demokratische Philister nicht mehr mit der einfachen Überzeugung begnügt, daß man das schwärzeste Ungeheuer ist, sondern wenn er anfängt, mit erlognen und entstellten Tatsachen um sich zu werfen, dann wär’ es wahrhaftig nicht zu viel, wenn einem die Herren das Dokument einschickten, damit man seine Maßregeln treffen kann. Aber der Deutsche glaubt genug getan zu haben, wenn er dergl. Unsinn simplement4 nicht glaubt. Laß den Tupm[an] deswegen an M[iquel] schreiben, es ist nicht einmal nötig, daß man gleich antwortet, sondern wenn man des Zeugs ein paar Dutzend Stück hat, kann man einmal tüchtig losfahren und die Wanzen d’un seul coup de pied ekrasieren5. Was das angeht, daß sie uns den Aufenthalt in Deutschland unmöglich machen wollen – laissons-leur ce plaisir6! Sie können die „Neue Rheinische Zeitung“, das „Manifest“ und tutte quante7 nicht aus der Geschichte herausstreichen, und all ihr Heulen hilft ihnen nichts. Die einzigen Leute, die uns in Deutschland gefährlich werden könnten, wären Meuchelmörder, und seit der Gottschalk tot ist, hat keiner in Deutschland die Courage, uns dergl. Leute auf den Hals zu schicken. Et puis8, haben wir uns nicht auch 1848 in Köln unsre Stellung erst erobern müssen, und lieben wird uns der demokratische rote oder selbst kommunistische Mob doch nie.

Ich freue mich, daß Du Ruhe hast bis jetzt vor den Ausstellungsleuten. Ich krieg’ sie schon auf den Hals. Gestern waren zwei Kaufleute aus Lecco hier, der eine ein alter Bekannter von 1841. Die Östreicher wirtschaften schön in der Lombardei. Nach all den Kontributionen, wiederholten Zwangsanleihen, dreimal im Jahr immer wieder eingeforderten Steuern kommt endlich Regelmäßigkeit hinein. Die mittleren Kaufleute in Lecco müssen 10000–24000 Zwanziger (350–700 £) jährlich zahlen – an direkten regelmäßigen Steuern, alles hard cash9. Da mit dem nächsten Jahr die östreichischen Banknoten dort auch eingeführt werden sollen, will die Regierung vorher alles Metallgeld herausziehen. Dabei wird der hohe Adel – i gran ricchi10 – und die Bauern verhältnismäßig sehr geschont – il medio liberale11, die liberale Mittelklasse der Städte muß alles zahlen. Du siehst die Politik der Kerls. Daß bei diesem Druck – in Lecco haben sie eine Erklärung unterzeichnet und an die Regierung geschickt, daß sie nicht mehr zahlen, daß man sie meinetwegen pfänden solle, daß sie aber, wenn dies System nicht aufhöre, alle auswandern würden, und mehrere sind bereits gepfändet –, daß dabei die Kerls auf Mazzini warten und erklären, es müsse losgehn, weil sie es nicht länger aushalten könnten, perchè rovinati siamo e rovinati saremo in ogni caso12, das begreift sich. Dies erklärt manches in der Wut der Italiener loszuschlagen. Diese Kerls hier sind alle Republikaner, und zwar lauter angesehene Bourgeois – der eine ist der erste Kaufmann in Lecco und zahlt 2000 Zwanziger monatlich Steuern. Er wollte platterdings wissen, wann es losgehe, sie hatten es unter sich in Lecco – dem einzigen Ort, wo ich populär bin – ausgemacht, daß ich das aufs Haar wissen müßte.

Morgen den Wellington, an dem mich diese Kerle gehindert haben.

Dein
F.E.

Dieser Brief ist mit Siegellack und unserm Firmasiiegel E. & E. gesiegelt. Du wirst also sehn, ob er erbrochen.