80
Engels an Marx
in London

Lieber Marx,

Ich dachte, ich wär’ heut endlich mit meiner großartigen strategischen Abhandlung1 fertig geworden. Teils abgehalten, teils zum Nachschlagen über Details genötigt, teils weil das Ding länger wird als ich dachte, werd’ ich’s schwerlich heut abend spät fertig bekommen. Es ist übrigens total unfit2 zum Druck, nur für private information und eine Art Übung für mich.

Über den Wellington fang’ ich allmählich auch an klarzuwerden. Eigensinniger, zäher, obstinater Engländer, mit dem vollen bon sens3 und dem vollen Talent der Ressourcenbenutzung seiner Nation; langsam in seinen Überlegungen, vorsichtig, trotz des kolossalsten Glücks nie auf einen glücklichen Zufall rechnend; er würde ein génie sein, wenn nicht der common sense incapabel4 wäre, sich bis zum Genie emporzugipfeln. Alle seine Sachen sind musterhaft, keine einzige meisterhaft. Ein General wie er ist für die englische Armee, in der jeder Soldat, jeder Unterleutnant ein kleiner Wellington in seiner Sphäre ist, wie geschaffen. Und er kennt seine Armee, ihre eigensinnige defensive doggedness5, die jeder Engländer vom Boxring mitbringt, und die sie in den Stand setzt, nach achtstündiger angestrengter Defensive, die jede andre Armee zusammenbrechen [lassen] würde, noch eine imposante Attacke zu machen, in der die ermangelnde Lebhaftigkeit durch die Gleichförmigkeit und Stetigkeit aufgewogen wird. Die Defensive von Waterloo, bis die Preußen kamen, hätte keine Armee ohne einen Kern von 35 000 Engländern ausgehalten.

Übrigens hatte Wellington im spanischen Kriege mehr Einsicht in die napoleonische Kriegskunst als die Nationen, denen Napoleon die Überlegenheit dieser Kriegskunst auf den Rücken schrieb. Während die Östreicher rein konfus wurden, und die Preußen, weil ihr Verstand n’y voyait que du feu6, den Blödsinn und die Genialität für identisch erklärten, wußte Wellington sich ganz geschickt zu benehmen und sich vor den Schnitzern zu hüten, die die Östreicher und Preußen machten. Er machte keine napoleonischen Manöver nach, aber er machte es den Franzosen unendlich schwer, ihre Manöver bei ihm zu applizieren. Er machte keinen einzigen Fehler, wenn er nicht aus politischen Rücksichten mußte; dafür aber hab’ ich auch noch nicht das geringste entdeckt, wo er nur einen Funken von Genie bewies. Napier selbst weist ihm Gelegenheiten nach, wo er geniale Coups von entscheidender Wirkung tun konnte und nicht daran dachte. Er hat – soweit meine Erfahrung geht – nie eine solche Gelegenheit zu benutzen verstanden. Er ist groß in seiner Art, nämlich so groß, wie man es sein kann, ohne aufzuhören, mittelmäßig zu sein. Er hat alle Eigenschaften des Soldaten, sie sind alle gleichmäßig und merkwürdig harmonisch ausgebildet; aber eben diese Harmonie verhindert jede einzelne dieser Eigenschaften an wirklich genialer Entfaltung. Tel soldat, tel politique.7 Sein politischer Busenfreund Peel ist gewissermaßen sein Abklatsch. Beide repräsentieren den Toryism, der bon sens genug hat, mit Anstand eine Position nach der andern aufzugeben und sich in die Bourgeoisie aufzulösen. Es ist der Rückzug nach Torres Vedras. Voilà Wellington.8

Dein
F.E.

[Manchester] 11.April 51