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Engels an Marx
in London

Lieber Marx,

Die Geschichte mit meinem geöffneten Brief ist sehr sonderbar. Auf dem Comptoir kam er nur von unserm Kommis geöffnet worden sein, und dem trau’ ich die Courage dazu nicht zu; außerdem könnte er es nur während der Abwesenheit des alten Hill getan haben, und ich glaube nicht, daß der einen Moment das Comptoir verließ. Von den Ermens war keiner in der Stadt. Die Sache ist natürlich nicht zu ergründen, da eine bedeutende Chance vorhanden ist – vu1 die Interpellationen im Parlament wegen der Flüchtlinge –, daß es auf der Post selbst geschehn. Daß ich dem Kommis, der mehr in Ermen Brothers’ als in E[rmen] and E[ngels’] Diensten steht, in der letzten Zeit etwas verdächtig geworden bin, fiel mir schon früher auf; aber von da bis zum Brieferbrechen il y a loin encore2. Jedenfalls werd’ ich dem Ding in Zukunft vorzubeugen wissen. Wenn der Narr den Brief auch gelesen hätte, so läge daran nicht einmal viel; denn wollte der Kerl jemals, z.B. wenn mein Alter herkäme, von der information Gebrauch machen, so wäre er so kompromittiert, daß er sofort geschaßt würde. Indes, wie gesagt, ich trau’ ihm die Courage nicht zu.

Was die Frage angeht, die Du in Deinem vorletzten Brief stellst, so ist sie nicht ganz klar. Indes wird, denk’ ich, folgendes genügen.

Der Kaufmann als Firma, als Profitmacher, und derselbe Kaufmann als Konsument sind im Commerce zwei ganz verschiedne Personen, die sich feindlich gegenüberstehn. Der Kaufmann als Firma heißt Kapitalkonto, resp. Gewinn- und Verlustkonto. Der Kaufmann als Fresser, Säufer, Wohnner und Kindermacher heißt Haushaltungsunkostenkonto. Kapitalkonto debitiert also dem Haushaltungsunkostenkonto jeden Centime, der aus der kommerziellen in die Privattasche wandert, und da Haushaltungsunkostenkonto nur ein Debet, aber kein Kredit hat, also einer der schlechtesten Schuldner der Firma ist, so ist am Ende des Jahrs die ganze Debetsumme von Haushaltungsunkostenkonto purer Verlust und wird vom Profit abgeschrieben. Bei der Bilanz und der Berechnung des Profitsprozent wird indes gewöhnlich die Summe, die für die Haushaltung verbraucht wird, als noch vorhanden, als Teil des Profits angesehn; z.B. bei 100 000 Taler Kapital sind 10 000 Taler verdient, aber 5000 verjubelt worden, so rechnet man, 10% Profit gemacht zu haben, und nachdem alles richtig gebucht worden, figuriert Kapitalkonto im nächsten Jahr mit einem Debet von 105 000 Taler. Die Prozedur selbst ist etwas verwickelter, als ich sie hier darstelle, indem Kapitalkonto und Haushaltungsunkostenkonto selten oder nur beim Jahresabschluß in Berührung kommen, und Haushaltungsunkostenkonto gewöhnlich als Debitor von Kassakonto figuriert, das den Makler macht; aber es kommt schließlich auf dies hinaus.

Bei mehreren Associés ist die Sache sehr einfach. Z.B. A hat 50 000 Taler im Geschäft und B ebenfalls 50 000; sie machen 10 000 Taler Profit und verbrauchen jeder 2500 Taler. Die Kontos stellen sich also am Ende des Jahrs – bei einfacher Buchhaltung, ohne die imaginären Kontos:

A Kredit bei A & B — Kapitaleinschuß ............... 50 000 Taler
A    „   „   „   „ — Profitanteil...................  5 000    „
                                                    ────────────
                                                    55 000 Taler
Debet bei A & B — für Bar..........................  2 500    „
                                                    ────────────
A Kredit fürs nächste Jahr                        52 500 Taler

Ebenso B. Dabei rechnet das Geschäft aber immer, 10% Profit gemacht zu haben. In einem Wort: die Kaufleute, bei der Berechnung der Profitprozente, ignorieren die Existenzkosten der Associés, dagegen bei Berechnung der Kapitalvermehrung durch den Profit bringen sie sie in Anschlag.

Über die ungarische Kampagne – oder noch besser, wenn’s ginge, über sämtliche Kampagnen von 1848/50 zu schreiben, wär’ mir schon recht, wenn nur die Quellen alle beizuschaffen wären. Die „Neue Rheinische Zeitung“ könnte mir zu nichts dienen als zur Vergleichung der österreichischen Bulletins, und wie lückenhaft die sind, weißt Du. Ich müßte wenigstens 10–12 Werke über diese Kampagne allein haben, und selbst dann fehlte mir noch die Hauptsache: der Kossuthsche „Közlöny“ („Moniteur“). Bei nichts blamiert man sich so leicht wie bei der Kriegsgeschichte, wenn man räsonieren will, ohne die sämtlichen Data über Stärke, Verproviantierung und Munitionierung pp. zu haben. Alles das geht für eine Zeitung, wo alle Blätter gleich schlecht unterrichtet sind und wo es darauf ankommt, aus den paar Daten, die man hat, die richtigen Schlüsse zu ziehn. Aber um post festum sagen zu können in allen entscheidenden Fällen: hier hätte so und so gehandelt werden müssen, und hier wurde richtig gehandelt, obwohl der Erfolg dagegen zu sprechen scheint, dazu sind, glaub’ ich, die Materialien für den ungarischen Krieg noch nicht genug vor dem Publikum. Z.B. wer schafft mir die Etats der östreichischen und ungarischen Armeen und der verschiedenen Korps am Vorabend jeder Schlacht und jeder wichtigen Bewegung? Kossuths und Görgeys Memoiren müßten erst heraus sein, und die von Dembinski vorgelegten Schlacht- und Kampagnepläne in authentischer Gestalt vorliegen. Indes selbst mit dem existierenden Material ließe sich schon manches aufklären und vielleicht ein ganz interessanter Artikel machen. Soviel ist jetzt schon klar: die ungarische Insurrektion, wie die polnische von 1830, wie das russische Reich 1812, ist Anfang 1849 nur gerettet worden durch den Winter. Ungarn, Polen und Rußland sind die einzigen Länder Europas, wo eine Invasion im Winter unmöglich ist. Es ist aber schon immer fatal, wenn eine Insurrektion nur durch den Dreck gerettet wird, der sie in unergründlicher Tiefe umgibt. Wäre die Geschichte zwischen Östreich und Ungarn im Mai statt im Dezember zum Eklat gekommen, so wäre nie eine ungarische Armee organisiert worden und der ganze Quark endigte wie Baden, ni plus ni moins3. Je mehr ich Krieg ochse, desto stärker wird meine Verachtung gegen den Heldenmut – eine abgeschmackte Phrase dieser Heldenmut, die ein ordentlicher Soldat nie in den Mund nimmt. Napoleon, wo er keine Proklamationen und Tiraden macht, sondern coolly4 spricht, spricht nie von glorieux courage indomptable5 pp., sondern sagt höchstens: il s’est bien battu6.

Wenn übrigens im nächsten Jahr eine Revolution in Frankreich ausbricht, so ist gar kein Zweifel, daß die Heilige Allianz wenigstens bis vor Paris kommt. Und bei den merkwürdigen Kenntnissen und der raren Energie unsrer französischen Revolutionäre ist noch sehr die Frage, ob die Forts und die Enceinte von Paris auch nur bewaffnet und approvisioniert sind. Sind aber 2 Forts genommen, z.B. St. Denis und das nächste nach Osten zu, so ist Paris und die Revolution jusqu’à nouvel ordre7 im Arsch. Ich werde Dir das nächstens einmal genau militärisch auseinandersetzen und zugleich die einzige Maßregel, die dagegen getroffen werden kann, um wenigstens die Invasion zu schwächen: die Okkupation der belgischen Festungen durch die Franzosen und der rheinischen durch einen sehr zweifelhaften insurrektionellen coup de main8.

Folgender Spaß zur Charakteristik des preußischen Kamaschenrittertums und zur Erklärung der späteren Niederlage bei Jena pp. wird Dich erfreuen: die scheinbar kühnen, au fond9 aber überaus sichern Coups Napoleons in der Kampagne von Marengo brachten den preußischen General Bülow, aus der Schule des alten Fritz, Vater oder Onkel des späteren Bülow von 1813, zu folgender Einsicht: 1. ein Kriegssystem, basiert auf das Absurde, aufzustellen, damit man den Gegner stets durch neue Verrücktheiten „in Verlegenheit setze“, und 2. anstatt des Bajonetts der Infanterie – Lanzen zu geben wie im 30jährigen Krieg! Um Napoleon zu schlagen, das Pulver abzuschaffen, qu’en dis-tu10?

Daß Du trotz alledem Ende des Monats herkommst, freut mich sehr. Du mußt mir aber bei der Gelegenheit das vollständige Exemplar der „Neuen Rheinischen Zeitung“ mitbringen – ich werde daraus über sämtliche deutschen demokratischen Esel und desgl. über französische Dossiers anlegen – eine Arbeit, die jedenfalls geschehen muß, ehe wir wieder in irgendeinen Dreck hineingeschleudert werden. Es wäre gut, wenn zu diesem Zweck der würdige Liebknecht, qui est assez bon pour cela11, aufs Museum ginge und dort die Abstimmungen der Berliner, Frankfurter und Wiener Versammlungen, die gewiß dort sind (in den stenographischen Berichten), nachläse und für die gesamten Linken exzerpierte.

Du weißt, ich habe den Schluß von Daniels nicht gelesen. Daß sich der Kerl auf die „Begriffe“ als das Vermittelnde zwischen den Menschen etc. steift, ist erklärlich; Du wirst das einem über Physiologie Schreibenden nicht ausreden. Er rettet sich immer schließlich mit dem Argument, daß jede faktische Tatsache, die auf die Menschen einwirkt, Begriffe in ihnen provoziert, und daß die Reaktion gegen diese Tatsache also zwar in zweiter Instanz eine Folge der Tatsache, in erster aber eine Folge der Begriffe ist. Gegen diese formelle Logik ist freilich nichts zu sagen, und es kommt dabei ganz auf die Art seiner Darstellung im Manuskript an, die ich nicht kenne. Ich meine, es wäre am besten, ihm zu schreiben, er wisse jetzt, welchen Mißdeutungen diese und jene Partien ausgesetzt seien, und solle sie also so ändern, daß die „wahre“ Ansicht deutlich hervortrete. Das ist alles, was Du tun kannst, oder Du müßtest das Manuskript selbst umschreiben an den fraglichen Stellen, was doch auch nicht geht.

Laß mich wissen, wie’s Deiner Frau geht, und grüß sie herzlich von mir.

Ich bin froh, daß Du mit der Ökonomie endlich fertig bist. Das Ding zog sich wirklich zu sehr in die Länge, und solange Du noch ein für wichtig gehaltenes Buch ungelesen vor Dir hast, solange kommst Du doch nicht zum Schreiben.

Wie sieht’s mit einem Verleger für Deine beabsichtigten 2 Bände in 60 Bogen aus? Wenn das all right wäre, so könnte man den Kerl schon dazu kriegen, daß er die nötigen Sachen für den ungarischen Artikel – ich würde sie schon angeben – beischaffte – au besoin12 gegen spätere Verrechnung beim Honorar. Notwendig wäre dann noch eine sehr gute Spezialkarte von Ungarn und Siebenbürgen, womöglich Schlachtpläne, die, soviel ich weiß, in den bisherigen Werken nicht enthalten sind – und die Karte allein könnte auf ca. 15–20 Taler zu stehn kommen. Ich würde diese durch Weydemeyer aussuchen lassen. Apropos, hast Du seine Adresse? Ich möchte ihn wegen der militärischen Abc-Bücher über Organisation und Taktik befragen, grade diesen Dreck kann ich hier nicht bekommen. Sieh auch, was allenfalls von der Beck für Bücher über Ungarn aufzutreiben wären oder durch sie. Den Decker, der noch bei Dir ist, muß ich auch haben.

Dein
F.E.

[Manchester] 3.April [1851]