Lieber Marx,
Dein Brief vom 23., gestempelt 25., kam mir heute morgen zu. Adressiere in Zukunft immer an mich, care of Messrs.1 Ermen & Engels, Manchester. Die Briefe kommen mir sicherer zu und rascher, da ich oft unregelmäßig nach Haus komme und die Postbeamten ohnehin zuweilen die nach meiner Wohnung adressierten Briefe mir ins Comptoir zuschicken, wo ich jedenfalls einmal per Tag bin. Benutze, wo möglich, die erste Londoner Abendpost – bis 6 von Charing Cross, oder bis ¹/₂ 6 in den kleinen Büros, die Briefe sind dann sicher den nächsten Morgen um 10 auf dem Comptoir.
Den Brief von Dronke hast Du vergessen beizuschließen. Schick ihn mir bald, ich möchte ihm schreiben, speziell um die Korrespondenz mit Lupus wieder anzuknüpfen, von dem ich gar nicht weiß, wo er ist, da ich auf alle meine Briefe keine Antwort erhalte. Wenn Du vorziehen solltest, das Porto für auswärtige Briefe, sowie die Frankatur, nicht zu tragen, so schick sie mir zu oder laß sie an mich adressieren, ich werde es der Firma zuschieben.
Der „Constitutionnel“ sagt, d’Ester sei aus der Schweiz ausgewiesen und habe sie bereits verlassen – en sais-tu quelque chose?2
Dein Atlas ist gerettet. Ich habe mich schließlich geweigert, ihn zu verkaufen, und behalte ihn einstweilen hier, da ich ihn sehr brauche, ich lese jetzt die Geschichte des consulat und empire in französischen und englischen Historikern, speziell militärisch. Das beste, was ich bis jetzt in dieser line3 gefunden habe, ist W.P.Napier (jetzt General) „History of the War in the Peninsula“. Der Kerl hat seine Marotten wie alle Napiers, aber daneben enorm viel common sense4 und, was mehr ist, einen sehr richtigen Blick in Beurteilung des militärischen und administrativen Genies Napoleons. Ein Franzose wäre rein inkapabel, so ein Buch zu schreiben. Der Thiers steht, was historische Zuverlässigkeit und selbst richtige Beurteilung angeht, nicht die Laus höher als der elende Tory Southey, poet laureate5 selig, der auch eine Schimpf- und Rodomontiergeschichte des spanischen Kriegs geschrieben hat. Napier streicht nur seinen Ober-general Wellington zu sehr heraus, doch bin ich noch nicht weit genug in seiner Darstellung avanciert, um definitiv darüber urteilen zu können.
Die Mitteilungen über die citoyens6 Blanc und Harney werde ich mir ad notam7 nehmen. Von letzterem hab’ ich noch nichts gehört. Daß sein spiritus familiaris8 bei dieser Geschichte im Spiel war, habe ich mir gedacht. Sie hat eine grenzenlose Verehrung für die großen Männer und ist überhaupt mehr und mehr unangenehm geworden. Er muß es übrigens jedenfalls zu fühlen bekommen, wenn er sich wieder meldet. Was den kleinen Blanc angeht, so könnte es nicht schaden, wenn wir bei nächster Gelegenheit einmal seine œuvres complètes9 vornähmen – Du die „Organisation du travail“ und die „Histoire de la révolution“, ich die „Dix ans“, sauf à critiquer ensemble l’association du travail mise en pratique après février, et les10 „Pages d’histoire“. Ostern komm’ ich nach London, und da ließe sich schon einiges machen. Die Sachen selbst wären in belgischem Nachdruck hier wohlfeil zu haben. Da mir meine Intrige mit meinem Alten vollständig gelungen ist, wenigstens bis jetzt, so kann ich mich hier definitiv häuslich niederlassen und werde mir ohnehin von Brüssel meine Bücher kommen lassen. Wenn Du Dir vielleicht von Köln einiges kommen zu lassen hast, so laß mich’s wissen, ich schreib’ dieser Tage an Daniels wegen meiner Sachen, und wir können es dann in 1 Paket machen lassen. NB. Alles, nur keine englischen, auf dem Kontinent nachgedruckten Bücher. Die Entwicklung der Geschichte mit meinem Alten und die neue Intrige, die ich anspinnen mußte, einerseits, um meine Unentbehrlichkeit hier zu verlängern, und 2., um mich vor zu großer Überbeschäftigung auf dem Comptoir zu schützen, erzähl’ ich Dir mündlich, in 6 Wochen ist ohnehin Ostern, und die Sache ist umständlich. So viel ist gewiß, daß mein Alter mir das alles schwer in bar bezahlen soll, besonders wenn er erst hier gewesen ist und ich ihn noch mehr hineingeritten habe. Die Schwierigkeit ist die: eine offizielle Stellung als Repräsentant meines Alten den E[rmens] gegenüber zu bekommen und doch innerhalb der hiesigen Firma keine offizielle Stellung mit Verpflichtung zum Arbeiten und mit Salär von der Firma zu haben. Ich hoffe es aber durchzuführen, meine Geschäftsbriefe haben meinen Alten enchantiert, und er rechnet mir mein Hierbleiben als ein großes Opfer an. Ceci me vaut, ou me vaudra sous peu, £ 5 additionelles par mois, sauf additions futures.11
Dein
F.E.
Vergiß nicht, mir zur Ergötzung in meiner Einsamkeit die Kölner Witze zu schicken, sobald Du sie hast und gelesen hast.
[Manchester] Mittwoch, 26.Febr. [1851]