Lieber Marx,
Ich erwartete diese Geschichte wegen Harney ziemlich sicher. Ich fand die Anzeige des Bem-Meetings im „F[rien]d of the People“, worin es hieß, daß sich die Deutschen, Franzosen, Polen und Ungarn, sowie die Frat[ernal] Dem[ocrats] dabei beteiligen würden, und daß dies die G[reat] W[indmill] Str[eet] & Co. sein mußte, war klar. Ich vergaß, Dich früher auf diese Annonce aufmerksam zu machen. Es ist mir heute nicht möglich, etwas Weiteres in der Sache zu tun. Morgen aber schreib’ ich einen Brief an Harney, der ihm anzeigt, daß er das Manuskript, das ich ihm geschickt habe, nicht drucken soll, da ich es nicht fortsetzen werde und worin ich ihm zu gleicher Zeit die ganze Geschichte ausführlich auseinandersetze. Wenn dieser Brief nicht hilft, so muß man die ganze Sauce fallenlassen, bis Herr Harney von selbst wiederkommt, was sehr bald geschehen wird. Ich vermute sehr stark, daß er in kurzem herkommen wird, wo ich ihn gehörig zwischennehmen werde. Er soll endlich merken, daß man auch mit ihm Ernst macht. Jedenfalls, um Zeit und doppeltes Schreiben zu ersparen, werde ich Dir den Brief schicken, und wenn Du ihn gelesen hast, laß ihn ihm so rasch wie möglich zukommen.
Persönlich ärgert mich diese Albernheit und Taktlosigkeit von Harney mehr als irgend etwas andres. Au fond1 kommt auch darauf nichts an.
Wir haben jetzt endlich wieder einmal – seit langer Zeit zum erstenmal – Gelegenheit, zu zeigen, daß wir keine Popularität, keinen support2 von irgendeiner Partei irgendwelches Landes brauchen und daß unsre Position von dergleichen Lumpereien total unabhängig ist. Wir sind von jetzt an nur noch für uns selbst verantwortlich, und wenn der Moment kommt, wo die Herren uns nötig haben, sind wir in der Lage, unsre eignen Bedingungen diktieren zu können. Bis dahin haben wir wenigstens Ruhe. Freilich auch eine gewisse Einsamkeit – mon Dieu3, die hab’ ich hier in Manchester seit 3 Monaten bereits genossen und mich daran gewöhnt, und dazu als reiner bachelor4, was jedenfalls hier sehr langweilig ist. Wir können uns übrigens im Grund nicht einmal sehr beklagen, daß die petits grands hommes5 uns scheuen; haben wir nicht seit soundsoviel Jahren getan, als wären Krethi Plethi unsre Partei, wo wir gar keine Partei hatten und wo die Leute, die wir als zu unsrer Partei gehörig rechneten, wenigstens offiziell, sous réserve de les appeler des bêtes incorrigibles entre nous6, auch nicht die Anfangsgründe unsrer Sachen verstanden? Wie passen Leute wie wir, die offizielle Stellungen fliehen wie die Pest, in eine „Partei“? Was soll uns, die wir auf die Popularität spucken, die wir an uns selbst irre werden, wenn wir populär zu werden anfangen, eine „Partei“, d.h. eine Bande von Eseln, die auf uns schwört, weil sie uns für ihresgleichen hält? Wahrhaftig, es ist kein Verlust, wenn wir nicht mehr für den „richtigen und adäquaten Ausdruck“ der bornierten Hunde gelten, mit denen uns die letzten Jahre zusammengeworfen hatten.
Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in ordinären Zeiten die Entwicklung der Gesellschaft bestimmen. Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit tritt heftiger hervor. Und sowie man als der Repräsentant einer Partei auftritt, wird man in diesen Strudel der unaufhaltsamen Naturnotwendigkeit hereingerissen. Bloß dadurch, daß man sich independent7 hält, indem man der Sache nach revolutionärer ist als die andern, kann man wenigstens eine Zeitlang seine Selbständigkeit gegenüber diesem Strudel behalten, schließlich wird man freilich auch hineingerissen.
Diese Stellung können und müssen wir bei der nächsten Geschichte einnehmen. Nicht nur keine offizielle Staatsstellung, auch solange wie möglich keine offizielle Parteistellung, kein Sitz in Komitees pp., keine Verantwortlichkeit für Esel, unbarmherzige Kritik für alle, und dazu jene Heiterkeit, die sämtliche Konspirationen von Schafsköpfen uns doch nicht nehmen werden. Und das können wir. Wir können der Sache nach immer revolutionärer sein als die Phrasenmacher, weil wir etwas gelernt haben, und sie nicht, weil wir wissen, was wir wollen, und sie nicht, und because, after what we have seen for the last three years, we shall take it a reat deal more coolly than any one who has an interest in the business8.
Die Hauptsache für den Moment ist: die Möglichkeit, unsre Sachen zum Druck zu bringen; entweder in einer ¹/₄jahrsschrift, wo wir direkt attackieren und uns den Personen gegenüber unsre Position sichern; oder in dicken Büchern, wo wir dasselbe tun, ohne nötig zu haben, irgendeine dieser Spinnen auch nur zu erwähnen. Mir ist beides recht; auf die Dauer und bei der zunehmenden Reaktion scheint mir die Möglichkeit für ersteres abzunehmen und letzteres mehr und mehr unsre Ressource zu werden, worauf wir uns werfen müssen. Was wird aus allem Klatsch und Tratsch, den der gesamte Emigrationspöbel auf Deine Rechnung machen kann, wenn Du mit der Ökonomie darauf antwortest?
Morgen den Brief für Harney. En attendant salut.9
Dein
F.E.
[Manchester] 13.Febr. 1851 (Donnerstag)