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Engels an Marx
in London

Lieber Marx,

Inliegend Post Office Order1 für £ 1, die particulars2 wie früher. Mein Käufer – unser Kommis – scheint in der letzten Zeit viel ausgegeben zu haben und nicht zuviel Geld auf einmal von der Firma nehmen zu wollen. Er will nicht recht eingehn – ich presse ihn nicht zu viel, cela se conçoit3. Ich selbst bin durch meine Londoner Reiseexpensen sehr stark in Auslagen geraten, sonst würde ich Dir mit Vergnügen den ganzen Betrag schicken; so muß ich mich für heute darauf beschränken, die Pflicht eines gewöhnlichen consignees4 zu erfüllen und Dir ½ des Werts auf Abschlag zu schicken. Die andre Hälfte erfolgt – spätestens – in den ersten Tagen des Februar, vielleicht früher, sobald nämlich ein Brief der Firma an meinen Alten, der die an mich gemachten Zahlungen enthält, abgegangen sein wird.

Jones war hier und trat seinen Feinden in public meeting5 in ihrem eignen Lokal entgegen. Leach und Donovan opponierten ihm. Die Debatte war nicht ganz, was ich erwartete. Kleine Kriegslisten auf beiden Seiten; viel chronique scandaleuse6, die über manche Londoner Annehmlichkeiten tröstete. Auf Jones’ Seite die Überlegenheit des deklamatorischen Talents. Leach dagegen enorm imperturbabel, aber stellenweise greulich absurd. Donovan eine kommune intrigierende Lokalgröße. Jones war übrigens durch die „Neue Rheinische Zeitung“7 und meine Anwesenheit gezwungen, sich als red republican8 und Anhänger der nationalization of landed property9 zu erklären, wogegen Leach als vollständiger Vertreter der co-operative societies10 auftrat, und zwar auch insofern sie die politische Agitation repudieren. Diese Gesellschaften scheinen übrigens jetzt in Lancashire sehr zahlreich zu sein, und Jones und seine Freunde fürchten, daß sie bei irgend einer Allianz zwischen ihnen und den Chartisten das Chartist movement11 in ihre Hände bekommen würden. Dieser Umstand erklärt manche der Konzessionen, die Harney ihnen zu machen für gut hielt.

Der Erfolg von Jones’ Auftreten hier war alles, was zu erwarten stand; er schlug als Punkt der Entscheidung zwischen ihm und dem Manchester Chartist Council12 die Frage der Anerkennung der Exekutive in London vor, die Stimmen waren gleich geteilt, obwohl Leach und Co. ca. 3 Stunden Zeit gehabt hatten, ihre Leute ins Meeting zu bringen und eine gehörige Masse gekommen war. Am Anfang, wo die Gesellschaft eine rein zufällige war (Leach hatte kalkuliert, daß J[ones] nicht vor 9 Uhr da sein könne, er war aber schon um 8 da, was L[eac]h ihm sehr übelnahm), wurde J[one]s enthusiastisch empfangen.

Jones in Gesellschaft von Chartisten, die er gewinnen oder sich mehr attachieren will, ist keineswegs so naiv, als wenn er unter uns ist. He is very wide awake.13 Vielleicht etwas zu sehr – unsereins wenigstens „merkt die Absicht“.

Von H[arney]s Freunden hier ist der eine ein langweiliger Schotte mit unendlichen Gefühlen und daher endlosen Reden, der zweite ein kleiner, resoluter und auffahrender Bursche, über dessen intellektuelle Kapazitäten ich noch nicht im klaren bin; ein dritter, von dem Harney mir nicht sprach, Robertson, scheint mir bei weitem der Verständigste zu sein. Ich werde sehn, daß ich mit den Kerls einen kleinen Klub oder regelmäßige Zusammenkunft organisiere und mit ihnen das „Manifest“14 diskutiere. Harney und Jones haben hier eine Masse Freunde, und O’C[onnor] eine Masse versteckter Feinde, aber eh’ er nicht einen Akt großartiger öffentlicher Blamage begangen hat, wird er – offiziell – hier nicht zu stürzen sein. J[ones] sprach übrigens von ihm und Reynolds im Meeting mit möglichst wenig Respekt.

Eine gute Nachricht, die mich betrifft, teilte mir mein Schwager15 dieser Tage mit: mein proponierter amerikanischer Associé war in London, und nach einer Unterhaltung zwischen beiden stellte sich heraus, daß ich nicht der Mann bin, der in seinem Geschäft brauchbar ist. Amerika ist also auf unbestimmte Zeit vertagt, da sich jetzt ohne meine Einwilligung kein neues Projekt formieren kann.

Grüß Deine Frau und Kinder bestens.

Dein
F.E.

M[anchester], 8.Jan.51