50
Marx an Engels
in Manchester

London, 7.Januar 1851

Lieber Engels!

Ich schreibe Dir heute, um Dir eine questiuncula theoretica1 vorzulegen, natürlich naturae politico-economicae2.

Du weißt, um ab ovo3 zu beginnen, daß nach der Ricardoschen Theorie der Rente sie nichts anders ist, als der Unterschied zwischen den Produktionskosten und dem Preis des Bodenproduktes, oder wie er das auch ausdrückt, der Unterschied des Preises, wozu das schlechteste Land verkaufen muß, um seine Kosten herauszubringen (immer den Profit und Zinsen des Pächters eingerechnet in die Kosten), und wozu das beste Land verkaufen kann.

Das Steigen der Rente beweist nach ihm, wie er selbst seine Theorie auslegt:

1. Es wird zu immer schlechteren Erdarten Zuflucht genommen, oder dasselbe Quantum Kapital, sukzessive auf denselben Boden angewandt, bringt nicht dasselbe Produkt. Mit einem Worte: die Erde verschlechtert sich in demselben Maß, als die Bevölkerung ihr mehr abverlangen muß. Sie wird relativ unfruchtbarer. Worin dann Malthus den realen Boden seiner Populationstheorie gefunden hat und worin seine Schüler jetzt ihren letzten Notanker suchen.

2. Die Rente kann nur steigen, wenn der Getreidepreis steigt (wenigstens ökonomisch legal); sie muß fallen, wenn er fällt.

3. Wenn das Rental eines ganzen Landes steigt, so ist dies nur erklärlich dadurch, daß eine sehr große Masse relativ schlechteren Bodens in Bebauung gesetzt worden ist.

Diesen 3 Propositions4 widerspricht nun überall die Geschichte.

1. Kein Zweifel, daß immer schlechte Erdarten in Bebauung gesetzt werden mit dem Fortschritt der Zivilisation. Aber ebensowenig Zweifel, daß diese schlechtern Erdarten relativ gut sind gegen die früher guten, infolge des Fortschritts der Wissenschaft und Industrie.

2. Seit 1815 ist der Getreidepreis von 90 auf 50 sh. gefallen und drunter vor der Abschaffung der Korngesetze, unregelmäßig aber beständig. Die Rente ist beständig gestiegen. So in England. Mutatis mutandis überall auf dem Kontinent.

3. In allen Ländern finden wir, wie schon Petty bemerkte, daß, wenn der Preis des Getreides abnahm, das Gesamtrental des Landes stieg.

Die Hauptsache bei alledem bleibt, das Gesetz der Rente mit dem Fortschritt der Fruchtbarkeit der Agrikultur im allgemeinen auszugleichen, wodurch einmal die historischen Tatsachen allein erklärt werden können, anderseits die Malthussche Verschlechterungstheorie nicht nur der Hände, sondern auch der Erde allein beseitigt wird.

Ich glaube, daß die Sache einfach zu erklären ist wie folgt:

Gesetzt, in einem gegebnen Zustand der Agrikultur sei der Preis des Quarter Weizens 7 sh. und ein Acre Land der besten Qualität, das eine Rente von 10 sh. zahlt, produziere 20 Bushel. Der Ertrag des Acre also = 20 × 7 oder = 140 sh. Die Produktionskosten betragen in diesem Falle 130 sh. 130 sh. ist also der Preis des Produkts des schlechtesten in Bebauung gesetzten Landes.

Gesetzt, es trete nun eine allgemeine Verbesserung der Agrikultur ein. Setzen wir diese voraus, so nehmen wir an, gleichzeitig, daß Wissenschaft, Industrie und Bevölkerung im Zunehmen begriffen sind. Eine durch Verbesserung allgemein vermehrte Fruchtbarkeit des Bodens setzt diese Bedingungen voraus, im Unterschied der bloß vom Zufall einer günstigen Jahreszeit hervorgebrachten Fruchtbarkeit.

Der Weizenpreis falle von 7 auf 5 sh. per Quarter. Das beste Land, Nr. 1, das früher 20 Bushel hervorbrachte, bringe nun 30 Bushel hervor. Bringt also jetzt ein statt 20 × 7 oder 140 sh. – 30 × 5 oder 150 sh. D.h. eine Rente von 20 sh. statt früher von 10. Der schlechteste Boden, der keine Rente trägt, muß produzieren 26 Bushel, denn nach unsrer obigen Annahme ist der notwendige Preis desselben 130 sh. und 26 × 5 = 130. Ist die Verbesserung nicht so allgemein, d.h. der allgemeine Fortschritt der Wissenschaft, der mit dem Gesamtfortschritt der Gesellschaft, Population usw. Hand in Hand geht, daß der schlechteste Boden, der in Bebauung gesetzt werden muß, 26 Bushel hervorbringen kann, so kann der Getreidepreis nicht auf 5 sh. per Quarter fallen.

Die 20 sh. Rente drücken nach wie vor den Unterschied zwischen den Produktionskosten und dem Getreidepreis auf dem besten Boden oder zwischen den Produktionskosten des schlechtesten und denen des besten Bodens aus. Relativ bleibt das Eine Land immer ebenso unfruchtbar gegen das andre wie vorher. Aber die allgemeine Fruchtbarkeit hat sich gehoben.

Vorausgesetzt wird nur, daß, wenn der Getreidepreis von 7 auf 5 sh. fällt, die Konsumtion in demselben Maße zunimmt, die Nachfrage, oder daß die Produktivität nicht die Nachfrage übersteigt, die zu dem Preis von 5 sh. erwartet werden kann. So sehr diese Voraussetzung falsch wäre, wenn der Preis von 7 auf 5 gefallen wäre durch einen ausnahmsweis üppigen Herbst, so notwendig ist sie bei einer graduellen und durch die Produzenten selbst bewirkten Steigerung der Fruchtbarkeit. In allen Fällen handelt es sich hier nur um die ökonomische Möglichkeit dieser Hypothese.

Es folgt hieraus:

1. Die Rente kann steigen, obgleich der Preis des Bodenprodukts fällt, und doch bleibt R[icardo]s Gesetz richtig.

2. Das Gesetz der Rente, wie R[icardo] es in einfachster These, abgesehn von seiner Ausführung, hinstellt, setzt nicht die abnehmende Fruchtbarkeit des Bodens voraus, sondern nur, trotz der mit der Entwickelung der Gesellschaft allgemein zunehmenden Fruchtbarkeit des Bodens, verschiedne Fruchtbarkeit der Ländereien oder verschiednes Resultat des sukzessiv auf demselben Boden angewandten Kapitals.

3. Je allgemeiner die Verbesserung des Bodens ist, desto mehr Sorten von Ländereien wird sie umfassen, und das Rental des ganzen Landes kann steigen, obgleich der Getreidepreis im allgemeinen sinkt. Gesetzt z.B. das obige Beispiel, so kömmt es nur darauf an, wie groß die Anzahl der Ländereien ist, die mehr als 26 Bushel zu 5 sh. produziert, ohne grade deren 30 produzieren zu müssen, d.h. um wie mannigfaltiger die Qualität des Landes ist, das zwischen dem besten und dem schlechtesten liegt. Es geht dies die ratio5 der Rente des besten Landes nichts an. Es geht überhaupt die ratio der Rente nicht direkt an.

Du weißt, daß der Hauptwitz bei der Rente der ist, daß sie erzeugt ist durch die Ausgleichung des Preises für die Resultate verschiedner Produktionskosten, daß aber dies Gesetz des Marktpreises nichts als ein Gesetz der bürgerlichen Konkurrenz. Indessen bliebe, selbst nach Abschaffung der bürgerlichen Produktion, der Haken, daß die Erde relativ unfruchtbarer würde, daß mit derselben Arbeit weniger sukzessiv geschaffen würde, obgleich nicht mehr, wie im bürgerlichen Regime, der beste Boden so teures Produkt lieferte wie der schlechteste. Dies Bedenken fiele mit dem obigen fort.

Ich bitte Dich um Deine Ansicht über die Sache.

Weil ich Dich mit dieser Scheiße gelangweilt, schicke ich Dir zur Erheiterung folgendes Pack Briefe von Dr.Magnus Groß (doppelt großer Groß! Allergrößter Groß!) aus Cincinnati. Du wirst finden, daß, wenn Monsieur Groß nicht grand6, er jedenfalls gros7 ist. Tellering II. in nuce8. Gleichen sich doch alle Koblenzer. Schick mir die Sache zurück, und wenn Du willst und Zeit und Lust hast, mit einer Zeile für Dronke.

Dein
K.M.