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Engels an Marx
in London

Lieber Marx.

Ich bin die letzte Zeit ausnahmsweise sehr beschäftigt gewesen und habe andre Störungen gehabt, die mich aus meinem gewöhnlichen Lebenssystem herausrissen und mich am Schreiben verhinderten. Daher meine späte Antwort.

Das Manifest Fanon-Caperon-Gouté ist wirklich ein Meisterstück nach Inhalt und Form. Die crânerie1 hat ihren vollendeten Ausdruck erreicht, und Monsieur Barthélemy hat der Welt endlich einmal ein Exempel davon gegeben, ce que c’est que de parler carrément2. Die militärische Aufstellung des homme de marbre3 ist ebenso heiter; der Bonhomme hat die meisten Korps der östreichischen Armee zweimal gezählt, wie die oberflächlichste reference4 zu den Zeitungen beweist. Übrigens geht die Unverschämtheit doch zu weit, nach all den Blamagen seit 1848 und bei der gegenwärtigen gemütlichen Stimmung aller Nationen, obenan der crapauds5, von einer marée populaire6 zu sprechen, qui menace d’engloutir des trônes7. Die Versammlung von Namen, die druntersteht, ist freilich die schönste feature8 des Ganzen. Solch ein europäischer Kongreß ist noch nie gesehn worden. Ledru-R[ollin], Mazz[ini] und Co. erhalten ordentlich eine gewisse Wichtigkeit durch diese Kinderei. Übrigens möchte ich wissen, worin sich der Waschlappen Sawaszkiewicz, der druntersteht, von dem Polacken des Ledru[-Rollin], Darasz, unterscheidet, und inwiefern die beiden Ungarn, die darunterstehn, dem Mazzini vorzuziehen sind. Schapper und Ruge stehn sich freilich ziemlich gleich, und falls nicht Kakerlak Dietz ein schweres Gewicht zugunsten des neuen europäischen Komitees in die Waagschale legt, so werden die Herren die Konkurrenz mit ihrem Original schwerlich bestehen können.

Neulich war ich bei John Watts, der Kerl scheint gut zu mogeln, er hat jetzt einen viel größern shop9 in Deansgate, etwas höher hinauf. Er ist vollständiger radikaler Spießbürger geworden, kümmert sich um nichts als das educational movement10, schwärmt für moral force und hat Herrn Proudhon zu seinem Herrn und Meister akzeptiert. Er hat die „Contradictions économiques“ und andres Zeug übersetzt und viel Geld daran verloren, da die englischen Arbeiter noch nicht „Erziehung“ genug haben, um diese famosen Sachen zu verstehn. Er erzählte mir verschiedne Exempel, aus denen hervorgeht, daß er sehr gut versteht, seinen Schneidercommerce11 vermittelst Affichierung seines bürgerlichen Liberalismus zu poussieren. In den Educational Committees12 sitzt er mit seinen ehemaligen wütenden Gegnern, den Dissenterpfaffen, brüderlich zusammen und läßt sich von Zeit zu Zeit Dankvoten von ihnen geben for the very able address he delivered on that evening13. Der Kerl scheint mir in dieser Metamorphose allen Witz verloren zu haben; ich bin seitdem noch nicht wieder bei ihm gewesen. Für Leute, die derartige Wandlungen in die bürgerliche Solidität durchmachen, ist natürlich Proudhon hierzulande ein gefundenes Fressen; scheinbar am weitesten gehend, weiter als Owen, ist er doch fully respectable14.

Ich habe nichts dagegen, über Herrn Mazzini und die italienische Geschichte zu schreiben. Mir fehlen nur – außer dem Ding im „Red [Republican]“, alle Mazzinischen Schriften. Vor Weihnacht komme ich indes doch zu nichts, da ich in acht Tagen doch in London bin. Ich werde mir dann das Nötige mitnehmen. Vielleicht fällt uns bis dahin auch sonst noch was ein.

Deiner Frau meinen besten Dank für ihre freundlichen Zeilen.15 Mit dem Cotton-lord16 ist’s so arg nicht, mein Herr Alter scheint gar nicht so geneigt zu sein, mich länger hier zu halten, als absolut nötig ist. Cependant nous verrons.17 Peter Ermen läuft hier herum wie ein Fuchs, dem sein Schwanz im Eisen hangengeblieben ist, und sucht mich fortzuschikanieren – der dumme Teufel glaubt, er könnte mich ärgern!

An Dronke ist geschrieben.

Grüß Deine Frau und Kinder.

Dein
F.E.

Manchester, 17.Dez.50