Lieber Marx,
Nachdem ich mich jetzt während mehrerer Wochen sündhaften Lebenswandels von meinen Strapazen und Aventüren erholt habe, fühle ich erstens das Bedürfnis, wieder zu arbeiten (wovon der beiliegende magyaro-slawische Artikel1 ein schlagender Beweis), und zweitens das Bedürfnis nach Geld. Letzteres ist das dringendste, und wenn Ihr bei Ankunft dieses mir noch nichts geschickt haben solltet, so tut es doch gleich, denn ich bin seit mehreren Tagen sans le sou2, und Pump ist in dieser lausigen Stadt keiner.
Wenn in dieser lausigen Schweiz nur irgend etwas vorfiele, um drüber schreiben zu können. Aber lauter Lokaldreck der lausigsten Art. Ein paar allgemeine Artikel3 drüber schick’ ich indes bald. Wenn ich noch lang im Ausland bleiben muß, so geh’ ich nach Lugano, besonders wenn in Italien etwas losgeht, wie es den Anschein hat.
Aber ich denke immer, ich kann bald zurück. Dies faule Hocken im Ausland, wo man doch nichts Ordentliches tun kann und ganz außer der Bewegung steht, ist scheußlich unerträglich. Ich komme bald zu der Einsicht, daß es selbst im Untersuchungsarrest in Köln besser ist als in der freien Schweiz. Schreib mir doch, ob denn gar keine Chance vorhanden, daß ich ebenso günstig behandelt werd’ wie Bürgers, Becker4 pp.
Raveaux hat recht: selbst in dem oktroyierten Preußen ist man freier als in der freien Schweiz. Jeder Spießbürger ist hier zugleich Mouchard und Assommeur. Davon hab’ ich in der Neujahrsnacht ein Exempel gesehn.
Wer Teufel hat neulich den langweiligen sittlich-religiösen Artikel aus Heidelberg über den Märzverein in die Zeitung gesetzt? Daß Henricus von Zeit zu Zeit einen Artikel aushaucht, hab’ ich ebenfalls mit Vergnügen bemerkt, an dem Seufzer über das Ladenbergsche Zirkular, der sich durch 2 Nummern hinzieht.
Unsre Zeitung5 wird jetzt in der Schweiz sehr häufig zitiert, die „Berner Zeitung“ nimmt viel und die „Nat[ional]zeitung“, und dann geht das die Runde durch alle Blätter. Auch in den Schweizer französischen Blättern wird sie, nach dem „National“ pp. viel zitiert, mehr als die „Kölnische“.
Die Annonce werdet Ihr aufgenommen haben. Beiliegend ein Abdruck der unsrigen in der „Berner Zeitung“. Grüß die ganze Gesellschaft.
Dein
E.
Bern, 7.[-8.]Jan. 49
Gestern zu spät zur Post. Heute also noch die Bemerkung, daß die „Neue Rheinische Zeitung“ seit dem 1.Januar hier nicht mehr eingetroffen ist. Sieh doch nach, ob sie regelmäßig abgeschickt. Ich hab’ mich erkundigt, mit dem Abonnieren ist’s nichts. Ich müßte auf ½ Jahr abonnieren, so lang bleib’ ich nicht und hab’ auch kein Geld. Wie gesagt, es ist wichtig, daß sie herkommt, nicht bloß meinetwegen, sondern auch hauptsächlich, weil die uns günstige, von einem Kommunisten6 redigierte „Berner Zeitung“ alles tut, um sie hier en vogue7 zu bringen.