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Engels an Marx
in Paris

Lieber Marx,

Ich werd’ Deine Sachen besorgen.

Schreib ein paar Zeilen an M.Victor Faidér, avocat1, entweder direkt oder durch Einlage an Bloß: wodurch Du ihm dankst für die Schritte, die er in Deinem und Deiner Frau Interesse getan hat, und ihn autorisierst, fernere Schritte zu tun. Faidér, der sich plötzlich als eifriger Republikaner herausgebissen hat, hat sich nämlich zu Deinem Verteidiger konstituiert und wird dem „Moniteur Belge“ als solcher antworten und die Sache betreiben. Er hofft, Du werdest ihn nicht desavouieren, und damit er entschieden auftreten kann, ist es gut, daß er das Blättchen von Dir bekommt. Es ist besser, daß ein Belgier die Sache betreibt, als wenn Maynz es tut, und da er sich dazu angeboten, so wird er seine Sache auch wohl ordentlich machen.

Die Feuille de Route2 schicke doch ja. Das Ding ist sehr wünschenswert, Maynz fragt mich alle Tage danach.

Tedesco ist frei und gleich nach Lüttich fort, ohne einen Menschen zu sehen. Esselen war einige Tage hier, aber er hatte ihn nicht gesehen.

Hier herrscht eine Finanz-, Börsen-, Industrie- und Handelskrisis ohnegleichen. Der Commerce jammert arbeitslos auf dem Café Suisse herum, die Herren Kauwerz, Lauffs und Konsorten schleichen umher wie bepißte Pudel, die Arbeiter haben Rassemblements3 gemacht und petitioniert, große Brotnot allgemein. Bares Geld nirgends zu haben, und dabei ein emprunt forcé4 von 60 Millionen! Sie kriegen hier die Republik durch die Börse aufgedrängt.

Lüning findet bei seiner Rückkehr hieher die Nachricht vor, daß in Preußen auf ihn gefahndet wird; er wird seine Frau herkommen lassen und nach Paris kommen.

Der Dronke war vor seiner Flucht durch Willich und Konsorten in den Bund aufgenommen worden. Ich hab’ ihn hier einem neuen Examen unterworfen, ihm unsre Ansichten vorgetragen, und da er sich einverstanden erklärte, ihn bestätigt. Man hätte nichts andres tun können, selbst wenn mehr oder weniger Bedenken dagewesen wären. Indes ist der Kerl sehr bescheiden, sehr jung und scheint sehr zugänglich, so daß ich glaube, daß er mit einiger Aufsicht und einigem Studium gut werden wird. Er revozierte mir gegenüber alle seine früheren Schriften. Er wohnt leider bei Moses, der ihn einstweilen also bearbeiten wird, aber das hat bekanntlich nichts zu sagen. Bei Lüning, an den er sich schrecklich angekittet hatte, bedurfte es zweier Worte, um ihn aus dem Sattel zu heben.

Moses ist übrigens freundschaftlicher denn je – den Kerl begreif’ einer!

Bei Cassel kann ich nichts tun, da Maynz, nicht ich, Ordre hat. Breyer beruft sich auf die Finanzkrisis, auf die Unmöglichkeit, seine alten Wechsel-schulden jetzt prolongieren zu lassen, auf die Zahlungsverweigerung seiner gesamten Klientel. Er erklärt sogar, sein einziges Roß verkaufen zu wollen. Ich werde indes sehen, was zu kriegen ist, denn mit dem Geld von Maynz komm’ ich kaum aus, und das von Heß, der zuerst gezahlt, ist bereits den Weg alles Fleisches. Gigot ist auch in Schwulitäten. Ich werd’ noch heut mal zu Breyer gehen.

In den „Débat social“ kommt morgen eine ausführliche Widerlegung, mot pour mot5, des „Moniteurs“.

Dem Faidér füge noch hinzu: wenn er eine spezielle Vollmacht haben müsse, so werdest Du sie ihm schicken.

Schreib auch ein paar Zeilen an M.Bricourt, membre de la Chambre des Représentants6, der sehr gut für Dich in der Kammer aufgetreten ist und den Minister auf Maynz’ Ansuchen scharf interpelliert und die enquête7 wegen der Geschichte durchgesetzt hat. Er ist Repräsentant für Charleroi und nach Castiau der Beste. Castiau war grade in Paris.

Sieh den inliegenden Wisch8 durch und schick ihn an die „Réforme“. Die hiesigen Kerls müssen fortwährend geärgert werden.

Si c’est possible9, so reise ich Montag ab. Aber die Geldwirtschaft kommt mir immer in die Quere.

Von England hör’ ich durchaus nichts, weder durch Briefe noch „Stars“.

In Deutschland geht die Sache wahrhaftig sehr schön, überall Emeuten, und die Preußen geben nicht nach. Tant mieux.10 Wir werden hoffentlich nicht lange in Paris zu bleiben haben.

Daß ihr den Bornst[edt] hinauswerft, ist sehr gut. Der Kerl hat sich so unzuverlässig bewiesen, daß man ihn wirklich beseitigen muß aus dem Bund.

Er und Weerth sind jetzt all [...]¹¹ und Weerth läuft als wütender Republi-k[aner]¹¹ hier herum.

Der Lamartine wird jeden T[ag] [lied]erlicher¹¹. Dieser Mensch wendet sich ja in allen seinen Reden nur an die Bourgeois und sucht sie zu beruhigen. Auch die Wahlproklamation der Provisorischen Regierung ist ja ganz an die Bourgeois gerichtet, um sie zu rassurieren. Kein Wunder, daß die Kerls dabei frech werden.

Adios, au revoir.12
F.E.

Alle Briefe hieher unter der angegebnen Adresse; Bl[oß] wird sie en mon absence13 an Gi[got] geben.

[Brüssel] Samstag [18.März 1848]