26
Engels an Marx
in Paris

Lieber Marx,

Ich hoffe, morgen einen Brief von Dir zu haben.

Hier ist alles ruhig. Sonntag abend hat Jottr[and] die Geschichte mit Dir und Deiner Frau in der Association Démocratique1 erzählt. Ich kam zu spät, um sie anzuhören, und hörte bloß noch einige wütende flämische Bemerkungen von Pellering. Auch Gigot sprach und kam darauf zurück. In die „Émancipation“ brachte Lubliner einen Artikel deswegen. Die Advokaten hier sind wütend. Maynz will, man soll die Sache gerichtlich verfolgen, und Du sollst Dich als partie civile2 konstituieren, wegen der Domizilverletzung pp. Auch Gig[ot] soll klagen. Es wäre sehr gut, wenn man’s täte, obwohl die Regierung hat sagen lassen, man würde den Kerl absetzen. Castiau ist gestern von Maynz mit den nötigen Akten versehen worden, um deswegen zu interpellieren, ich denke morgen oder übermorgen kommt’s vor. Die Sache hat große Sensation gemacht und sehr geholfen, den Deutschenhaß zu besänftigen.

Lupus ist vorigen Sonntag 11 Uhr morgens auf die Eisenbahn gebracht und nach Valenciennes besorgt, von wo aus er geschrieben und wo er noch sein wird. Er war vor keinem Tribunal. Man hat ihn nicht einmal zu Hause vorgeführt, um seine Sachen zu nehmen!

Mir hat man nichts getan. Nach Redensarten, die die Kerls haben fallenlassen, scheuen sie sich, mich auszuweisen, weil sie mir damals einen Paß gegeben haben, was man gegen sie geltend machen könnte.

Die Geschichte in Köln ist unangenehm. Die 3 besten Leute sitzen. Ich hab’ einen aktiven Teilnehmer an der Geschichte gesprochen. Sie wollten losschlagen, aber statt sich mit Waffen zu versehen, die leicht zu haben waren, gingen sie vors Rathaus, unbewaffnet, und ließen sich zernieren. Es wird behauptet, daß der größte Teil der Truppen für sie war. Die Sache war unvernünftig dumm angefangen; wenn die Berichte des Kerls richtig sind, so hätten sie ruhig losschlagen können und wären in 2 Stunden fertig gewesen. Aber schrecklich dumm war alles angelegt.

Unre alten Freunde in Köln scheinen sich sehr zurückgehalten zu haben, obwohl sie mit beschlossen hatten loszubrechen. Der kleine d’E[ster], D[aniels], B[ürgers] waren einen Augenblick da, gingen aber gleich wieder fort, obwohl der kleine Dr.3 im Stadtrat gerade nötig war.

Die Nachrichten aus Deutschland sind sonst famos. In Nassau eine vollendete Revolution, in München die Studenten, Maler und Arbeiter in voller Insurrektion, in Kassel die Revolution vor der Tür, in Berlin grenzenlose Angst und Zaudern, in ganz Westdeutschland Preßfreiheit und Nationalgarde proklamiert; vorderhand ist das genug.

Wenn doch der F[riedrich] W[ilhelm] IV. sich starrköpfig hielt! Dann ist alles gewonnen, und wir haben in ein paar Monaten die deutsche Revolution. Wenn er nur an seinen feudalen Formen hielte! Aber der Teufel weiß, was dies launige und verrückte Individuum tun wird.

In Köln ist die ganze kleine Bourgeoisie für Anschluß an die französische Republik; die 1797er Erinnerungen herrschen augenblicklich vor.

Tedesco sitzt noch immer. Ich weiß nicht, wann er vor Gericht kommen wird.

Wegen Deiner Geschichte ist ein fulminanter Artikel4 an den „Northern Star“ abgegangen.

Sonntag abend in der Sitzung der demokratischen Gesellschaft merkwürdige Ruhe. Eine Petition an die Kammern beschlossen wegen sofortiger Auflösung und neuer Wahlen nach dem neuen Zensus. Die Regierung will nicht auflösen, aber sie wird müssen. Morgen abend wird die Petition angenommen und séance tenante5 gezeichnet werden. – Die Jottr[and]-Petition an den Bürgermeister und Stadtrat hat eine sehr höflich ablehnende Antwort erhalten.

Von der Ruhe, die hier herrscht, hast Du keinen Begriff. Gestern abend Karneval, ganz wie sonst; von der französischen Republik ist kaum noch die Rede. Die französischen Blätter erhält man in den Cafés fast ohne Schwierigkeiten und Warten. Wenn man nicht wüßte, daß sie müssen, tant bien que mal6, so sollte man glauben, hier sei alles aus.

Jottr[and] hat Sonntag – in seiner Wut über Deine Verfolgung – eine recht gute Rede gehalten; die sévices7 des Rogier haben ihn dahin gebracht, den Klassengegensatz anzuerkennen. Er schimpfte sehr auf die großen Bourgeois und ließ sich in – allerdings ziem[lich]8 platte und illusorische, aber doch ökonomische Detail[s ein]8, um der kleinen Bourgeoisie zu beweisen, daß [eine]8 wohlbezahlte und viel konsumierende Arbeiterklasse in einer Republik bessere Kunden für sie seien als ein Hof und eine wenig zahlreiche Aristokratie. Ganz à la O’Connor.

Die Zeit ist vorbei, diesen Brief auf die Post zu geben – ich schließe morgen.

Donnerstag.

Nichts Neues – Deinen Artikel9 hab’ ich in der „Réforme“ gesehen – in England ist ja auch Krawall, tant mieux10.

Wenn Du bei Ankunft dieses noch nicht geschrieben haben solltest, so schreib mir doch gleich.

Eben kommt aus lauter Ironie meine Bagage von Paris an – kostet mich 50 fr.! mit Zoll pp.

Adieu.

Dein
Engels

[Brüssel] 13, rue Neuve Chaussée de Louvain, 9.März [1848]

Der Polizeikommissar-Adjoint, der zu Dir kam, soll schon abgesetzt sein. Die Geschichte hat hier bei den Kleinbürgern große Entrüstung gesetzt.

[Auf der Adreßseite]

Monsieur Charles Marx aux soins de Madame Gsell, 75, Boulevard Beaumarchais, Paris