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Engels an Marx
in Brüssel

Lieber Marx,

Gestern erfahre ich plötzlich und endlich, nachdem ich den P.P. Reinhardt mehrere Male wegen Deines Buchs1 zu Frank geschickt, daß der Hund von Frank im Anfang mehrere der Freiexemplare an Franzosen geschickt, überall 15 Sous Kosten gefordert und überall die Exemplare zurückbekommen. Darauf habe er sowohl die zurückbekommenen wie die andern, noch gar nicht abgeschickten, ruhig bei sich liegen lassen und sie erst jetzt, vor ein paar Tagen, an die Adressaten geschickt, ohne 15 Sous zu verlangen. Die conspiration de silence2 war also von seiten des Herrn Frank! Ich lief gleich zu L.Blanc, den ich ein paar Tage vorher wieder nicht getroffen, weil er en garde3 war (le petit bonhomme en bonnet à poil!4); diesmal traf ich ihn, und das Exemplar war noch nicht angekommen! Mein eignes Exemplar habe ich endlich zurück, das kann im Notfall helfen. Heut Sonntag ist nichts zu machen. Dem R[ein]h[ar]dt habe ich morgen Rendezvous gegeben, er soll gleich mit mir zu Frank, was schon früher geschehen sollte, aber nur durch Nachlässigkeit dieses R[ein]h[ar]dt nicht geschehen. Er muß mich bei dem Fr[ank] introduzieren, weil ich sonst gar keine Legitimation bei dem Kerl habe. Ich werde mir das Exemplar für L.Bl[anc] geben lassen und es gleich hinbringen. Aber was der Flocon für ein Esel ist! Der L.Bl[anc] sagte mir gestern, Fl[ocon] habe gegen Deinen libre-échange5-Artikel einzuwenden gehabt qu’il était un peu confus6!!!! Dies konfuse Tier! Ich sprach natürlich dagegen, oh, sagte der Kleine, ce n’est pas moi qui ai trouvé cela, tout au contraire, l’article m’a beaucoup plu, et en effet, je ne sais pas ce que M.Flocon… mais enfin (mit etwas zweideutiger Grimasse für Flocon) c’est ce qu’il m’a dit7. Überhaupt ist die Redaktion der „Réforme“ tout ce qu’il y a de plus8 lausig komponiert. Die Artikel über die englische Krisis und alle ökonomischen Sachen en général9 werden von einem unglücklichen, würdigen penny-a-liner10 fabriziert, der seine Studien bei den Börsenartikeln eines Korrespondenzbüros gemacht zu haben scheint und alles mit den Augen eines Pariser Kommis dritten Ranges bei einem Bankier vierten Ranges ansieht und mit der Unfehlbarkeit so eines „empiric“11, wie die Engländer sagen, aburteilt. Flocon versteht nichts davon und kommt mir alle Tage bornierter vor. C’est tout au plus un homme de bonne volonté.12 L.Blanc verachtet ihn auch sichtbarlich.

Montag.

Den verfluchten Reinh[ardt] habe ich nicht getroffen. Ich geh’ heut abend noch einmal hin. Bis morgen muß ich diese ganze Geschichte ins reine gebracht haben, mag gehen wie’s will. Wenn ich Dir nicht gleich wieder schreibe, ist alles in Ordnung. – Gestern abend war Deputiertenwahl. Nach einer höchst konfusen Sitzung wurde ich mit ²/₃ gewählt. Ich hatte diesmal gar nicht intrigiert, war auch wenig Gelegenheit dazu. Die Opposition war bloß scheinbar; ein Arbeiter wurde zum Schein vorgeschlagen, aber die ihn vorschlugen, stimmten für mich. – Das Geld kommt zusammen. Schreib nun, ob Du und Tedesco hingeht. Wenn das nicht möglich wäre, so kann ich doch nicht allein hin und kongressieren, das wäre ja Unsinn. Könnt ihr beide nicht, so fällt die Geschichte ins Wasser und muß ein paar Monate aufgeschoben werden. Schreib also in diesem Fall nach London, daß noch zur rechten Zeit dies überall hin angezeigt wird.

Der Flocon hatte dem L.Bl[anc] auch gesagt, man werde an Deinem Artikel, um ihn aufzunehmen, eine Kleinigkeit ändern müssen, eben um ihn „klarer“ zu machen. L.Bl[anc] bat mich, den Fl[ocon] de sa part13 an den Artikel nochmals zu erinnern; unter diesen Umständen aber halte ich es für viel besser, die Sache fallenzulassen. Flocon den Artikel klarer machen, das fehlte noch! Ich begreife diese vernagelte Borniertheit gar nicht, und, wie gesagt, der Bl[anc] schämte sich plus ou moins14 mir gegenüber seines Herrn Kollegen. Aber was soll man da machen! Ich werde den Fl[ocon] tun lassen, was er will, ihm wenig zusprechen und mich hauptsächlich mit dem L.Bl[anc] einlassen, der ist doch der vernünftigste von allen. Beim „National“ ist vollends nichts zu machen, der wird täglich bornierter und alliiert sich mehr und mehr mit Barrot und Thiers, witness the Lille Banquet15.

Der Seiler wird Dir geschrieben haben, Dein Buch ginge sehr schlecht hier. Das ist nicht wahr. Der Frank hat dem R[ein]h[ar]dt gesagt, er sei mit dem Verkauf ziemlich gut zufrieden. Trotz seines abgeschmackten Benehmens hat er, glaub’ ich, ca. 40 Exemplare abgesetzt. Nächstens Genaueres darüber. Der Seiler behauptet – er war neulich bei mir, wo er sehr kühl anlief, auch nicht wieder kam –, er habe Bett und Mobiliar und Papier pp. dort gelassen, hinreichend, um Wolff und Heilberg zu decken. Sieh, si cela est16, daß der Lupus dabei wenigstens nicht noch von Heilberg beschissen wird. Aber das werden auch Renommagen sein.

Rothschild hat bei dem neuen Anlehen 10 Millionen Franken verdient – 4 Prozent netto.

Auf meiner Reise nach London werde ich nicht über Brüssel kommen können, die Gelder sind zu knapp. Wir werden uns in Ostende Rendezvous geben müssen – am 27. (Samstag) abends, und Sonntag herüberfahren, damit wir Montag anfangen können. Vielleicht ist, Montag den 29., Polenanniversaire, irgend etwas fraternally Demokratisches los, wo wir dann werden hin müssen. Das wäre ganz gut. Du hältst in London eine französische Rede, die setzen wir dann in die „Réforme“. Die Deutschen müssen absolut irgend etwas tun, um bei den Franzosen auftreten zu können. Eine einzige Rede wird mehr helfen als zehn Artikel und hundert Besuche.

Du wirst im „N[orthern] Star“, 2.Oktober, die Aufforderung Harneys und der fraternals17 zu einem demokratischen Kongreß gelesen haben. Unterstütze das. Ich werde es bei den Franzosen unterstützen. Man kann ihn womöglich nächstes Jahr in London abzuhalten versuchen, vielleicht gleichzeitig mit dem unsrigen. Kommt’s zustande, so wird das auf die Franzosen einen sehr heilsamen Effekt ausüben und sie etwas demütigen. Kommt’s nicht zusammen, so scheitert’s an den Franzosen, und sie werden wenigstens gezwungen, sich zu erklären. Wenn’s in Brüssel ginge, wär’s noch besser, in London könnte Feargus18 doch einigen Unsinn anrichten.

Sonst nichts Neues. Gib Inliegendes an B[orn]s[te]dt und schreib mir bald, ob Du nach London gehst.

Dein
E.

[Paris, 14.-]15.Nov. 1847

Schreib an die Adresse des Malers19, wenn Du sie noch hast. Es ist besser.

Heine läßt grüßen. Ist äußerst schwach und etwas matt. Wer hat Deinen Artikel eigentlich an L.Bl[anc] geschickt? Er sagt, es hätte unter dem Brief ein wildfremder Name gestanden. Das war auch wohl der Grund, warum er die Geschichte liegen ließ.

[Auf der Adreßseite]

Monsieur Charles Marx, 42, rue d’Orléans, Faubourg d’Ixelles, Bruxelles