Lieber Bartholomäus,
Ich kann Dir erst heute schreiben, weil ich erst heute den kleinen Louis Blanc – nach erschrecklichen Kämpfen mit der Portière – zu sehen bekam. Das Resultat meiner langen Unterredung mit ihm ist, daß der kleine Mann zu allem bereit ist. Er war die Höflichkeit und Freundschaftlichkeit selbst und scheint nichts dringender zu wünschen, als mit uns in die engste Verbindung zu treten. Auch das französisch-nationale Protektionswesen hat er gar nicht an sich. Ich hatte ihm geschrieben, ich käme mit mandat formel1 der Londoner, Brüsseler und Rheinischen Demokratie zu ihm, ebenso als chartist agent2. Er erkundigte sich genau nach allem; ich schilderte ihm den Stand unsrer Partei als äußerst brillant, sprach von der Schweiz, Jacoby, den Badensern als Alliierten pp. – Du seist der Chef: vous pouvez regarder M.M[ar]x comme le chef de notre parti (i.e. de la fraction la plus avancée de la démocratie allemande, que je représentais vis-à-vis de lui) et son récent livre contre M.Proudhon comme notre programme3. Dies nahm er sich sehr ad notam4. Dann versprach er mir schließlich, sich über Dein Buch5 in der „Réforme“ zu prononcieren. Er erzählte mir eine Masse Zeugs über das mouvement souterrain6, das jetzt bei den Arbeitern vor sich gehe; die Arbeiter hätten seine „Organisation du travail“ in 3000 Exemplaren wohlfeil gedruckt, und nach 14 Tagen sei eine neue Auflage von 3000 Exemplaren nötig geworden – er sagte, die Arbeiter seien revolutionärer als je, aber hätten gelernt ihre Zeit abwarten, keine Emeuten, nur große Schläge mit gewissem Erfolg zu machen pp. Übrigens scheint er sich auch in Beziehung auf die Arbeiter das Protegieren abgewöhnt zu haben. Quand je vois des choses comme ce nouveau programme de M. de Lamartine, cela me fait rire! Pour bien juger de l’état actuel de la société française, il faut être dans une position qui vous permet de voir un peu de tout, d’aller le matin chez un ministre, l’après-dîner chez un négociant, et le soir chez un ouvrier.7 Die kommende Revolution werde ganz anders und viel durchgreifender sein als alle früheren, und es sei reine bêtise8, fortwährend bloß gegen Könige pp. zu brüllen. Schließlich war er sehr artig und ganz kordial. Du siehst, mit dem Mann ist all right, il a les meilleures dispositions du monde9. Von Dir sprach er mit großer Teilnahme; es tat ihm leid, daß Ihr etwas froidement10 voneinander gegangen seid pp. Eine besondre Vorliebe hat er noch immer für eine in Paris herauszugebende deutsche und französische Revue. Vielleicht später zu benutzen. – Über Ruge, nach dem er frug, setzte ich ihm einen Floh ins Ohr; il s’est fait le panégyriste de la diète prussienne, et cela même après que la diète s’était séparée sans résultat. – Donc il a fait un pas en arrière?11 Jawohl.
Mit père12 Flocon bin ich ebenfalls im besten Zuge. Bei diesem bin ich erst als Engländer aufgetreten und frug im Namen Harneys, warum er den „Star“ so ignoriere. Ja, sagte er, es täte ihm leid, er spräche gar zu gern davon, nur sei kein Mensch auf der Redaktion, der Englisch verstehe! Ich bot mich an, ihm wöchentlich einen Artikel zu machen, akzeptiert de grand cœur13. Als ich ihm sagte, ich sei Korrespondent des „Star“, wurde er ganz gerührt. Wenn das so fortgeht, so haben wir in 4 Wochen diese ganze Richtung gewonnen. Flocon will von mir einen Aufsatz über den Chartismus für Privatgebrauch haben, er weiß nicht die blasseste Laus davon. Ich werde gleich zu ihm gehen und ihn weiter in unsre Netze verstricken. Ich werde ihm sagen, das „Atelier“ mache mir Avancen (was wahr ist, ich geh’ noch heut’ abend hin), und ich werde sie ausschlagen, wenn er sich anständig benehme. Das wird sein biedres Herz rühren. – Bin ich erst hier etwas weiter und im Französisch-Schreiben etwas geübter, so geht’s auf die „Revue Indépendante“ los.
Ich vergaß ganz, den L.Blanc zu fragen, warum er Deinen Artikel vom Kongreß nicht aufgenommen. Ich werd’ ihm das nächstens vorrücken, wenn er zu mir kommt. Übrigens zweifle ich, ob er Dein Buch überhaupt erhalten hat. Er wußte sich das heute gar nicht zu besinnen. Auch vor meiner Abreise sprach er sehr unbestimmt davon. Ich erfahre das in ein paar Tagen. Hat er’s nicht, so geb’ ich ihm mein Exemplar.
Denk Dir, der kleine Bernays, der hier herumläuft und den „Märtyrer“ spielt, den von aller Welt Verratenen, „der aller Welt geholfen hat, mit Geld oder gutem Rat“ (littéralement14), diese Bestie hat a horse and gig, ein Schimmelchen und e Kabriolett! Natürlich Börnst[ein] hat’s, aber das ist Wurst. Derselbe Kerl, der heute sich als gedrückten, geldlosen Märtyrer hinstellt, renommiert morgen damit, daß er der einzige sei, der Geld zu verdienen wisse. Er hat 21 Bogen! über die Affäre Praslin gekaut, die in der Schweiz erscheinen. Der Kern der Sache ist der, daß nicht la duchesse15, sondern le duc16 der Märtyrer ist!! Auf seine Renommagen mit dem Märtyrertum hab’ ich ihm durch eine Mahnung wegen alter mir schuldiger 60 frcs. antworten lassen. Er wird vollständig Industrieller und prahlt damit. Übrigens ist er wahnsinnig. – Ewerbeck selbst schäumt wider ihn.
Cabet hab’ ich noch nicht gesehen. Er freut sich, wie es scheint, daß er wegkommt. Er merkt, daß die Sachen hier anfangen bröcklig und mürb zu werden. Flocon will losschlagen, L. Blanc nicht, das ist ganz richtig, obwohl L.Bl[anc] auch in allerlei Geschichten trempiert und sich im voraus freut über die plötzliche Aufschüttelung der Bourgeoisie aus ihrer Sicherheit bei der plötzlich hereinbrechenden Revolution.
Ich bin bei père Flocon gewesen. Der brave Mann war die Kordialität selbst, und meine biedermännische Ehrlichkeit, mit der ich ihm meine Geschichte mit dem „Atelier“ erzählte, trieb ihm fast die Tränen in die Augen. Ich kam vom „Atelier“ auf den „National“ zu sprechen: Lorsque à Bruxelles nous discutions la question à quelle fraction de la démocratie française on s’adresserait, nous étions unanimement d’accord que dès le premier abord on se mettrait en rapport avec la „Réforme“; car à l’étranger il existe de fortes et de bien fondées préventions contre le „National“. D’abord les préjugés nationaux de cette feuille empêchent tout rapprochement – oui oui, c’est vrai, sagte Flocon, et ceci était même la raison pour laquelle la „Réforme“ fut fondée; nous avons déclaré dès le premier jour que nous ne voulons pas des conquêtes – et puis, fuhr ich fort, si je peux en croire mes prédécesseurs, car moi je n’ai jamais été au „National“, ces messieurs se donnent toujours l’air de vouloir protéger les étrangers, ce qui au reste est parfaitement d’accord avec leurs préjugés nationaux; et nous autres, nous n’avons pas besoin de leur protection, nous ne voulons pas de protecteurs, nous voulons des alliés. – Ah oui, mais c’est tout à fait différent avec nous, nous n’y pensons pas. – C’est vrai aussi n’ai-je qu’à me louer des procédés des Messieurs de la „Réforme“.17 Aber wie das geholfen hat, daß ich dem kleinen Blanc unsre Geschichten ins Gedächtnis zurückgerufen. Deine Kongreßrede hatte er, à ce qu’il paraît18, ganz verschmissen gehabt; heute hat er sie gleich hervorgesucht und an Flocon geschickt mit einem sehr dringenden Billett, sie gleich abzudrucken. Ich explizierte dem Flocon das Ding; der Mensch begriff das cur, quomodo, quando19 nicht, weil der Bl[anc] sie ihm ohne alle weitere Erklärung geschickt. Fl[ocon] bedauerte sehr, daß die Sache schon so alt geworden sei; er sei parfaitement d’accord20 damit, aber jetzt sei es zu spät. Doch wolle er sehen, ob er’s nicht in einem Artikel unterbringen könne. Er wolle sein möglichstes tun.
Der Artikel über Lamartines fromme Wünsche in der „Réforme“ ist von L.Bl[anc], wie Du gesehen haben wirst. Er ist nicht übel, in jeder Beziehung 1000mal besser als der ewige Flocon. Er würde den Lamartine gewiß sehr derb angreifen, wenn er nicht jetzt gerade sein Konkurrent wäre.
Du siehst, die Leute sind so gut disponiert, wie man nur wünschen kann. Ich stehe mit ihnen schon jetzt zehnmal besser, als Ewerb[eck] je mit ihnen stand. Diesem werde ich jetzt gänzlich verbieten, zu schreiben für die „Réforme“. Er mag sich an den „National“ pissen und dort Venedey & Co. Konkurrenz machen; da ist er unschädlich und bekommt doch nichts gedruckt.
Nachher war ich noch auf dem „Atelier“. Ich habe eine Berichtigung wegen eines Artikels der vorigen Nummer über englische Arbeiter21 hingebracht, die auch hereinkommt. Die Kerls waren sehr artig; ich erzählte ihnen un tas d’anecdotes22 über englische Arbeiter usw. Sie forderten mich dringend auf, mitzuarbeiten, was ich aber nur im Notfall tun werde. Denk Dir, der rédacteur en chef meinte, es wäre wohl gut, wenn die englischen Arbeiter eine Adresse an die französischen erließen, sie auffordernd, der libre-échange23-Bewegung entgegenzutreten und den travail national24 aufzustecken! Quel héroïque dévouement!25 Damit fiel er aber selbst bei seinen eignen Leuten durch.
Übrigens hab’ ich den Leuten gegenüber gar keine Konzessionen zu machen brauchen. Dem L.Blanc sagte ich, que nous étions d’accord avec eux sur toutes les questions pratiques et d’actualité, et que dans les questions purement théoriques nous marchions vers le même but; que les principes énoncés dans son premier volume s’accordaient sous beaucoup de rapports avec les nôtres, et que pour le reste il en trouverait de plus amples développements dans ton livre. Quant à la question religieuse, nous la considérions comme tout-à-fait subordonnée, comme une question qui jamais ne devrait former le prétexte d’une querelle entre les hommes du même parti.26 Bei alledem sei eine freundschaftliche Diskussion der theoretischen Fragen ganz gut möglich und sogar wünschenswert, womit er parfaitement d’accord27 war.
Der Lupus hatte mit seiner Vermutung, ich würde die Direktion sehr bald treffen, ganz recht. Kaum 3 Tage hier, laufe ich auf dem Boulevard des Italiens dem Seiler in die Arme. Ihr werdet längst wissen, daß er komplett durchgebrannt ist und nicht daran denkt zurückzukommen. Er läuft bei allerlei französischen Korrespondenzbüros herum und sucht unterzukommen. Ich hab’ ihn seitdem stets verfehlt und weiß nicht, wie seine Affären stehen. Mischt er sich bei der „Réforme“ ein, so wird man ihn desavouieren müssen.
Sage doch dem verfluchten Bornstedt, was das heißen soll, daß er mir seine Zeitung28 nicht schickt. Ich kann nicht immer bei den Straubingern herumlaufen danach. Wenn er vorgibt, meine Adresse nicht zu wissen, gib sie ihm, 5, rue Neuve Saint-Martin. Ich schicke ihm einige Artikel, sobald es irgend möglich.
Bei den Straubingern höllische Konfusion. In den letzten Tagen vor meiner Ankunft waren die letzten Grünianer herausgeworfen, eine ganze Gemeinde, von denen aber die Hälfte wiederkommen wird. Wir sind jetzt nur 30 Mann stark. Ich hab’ gleich eine Propagandagemeinde eingerichtet und laufe fürchterlich herum und pauke. In den Kreis bin ich gleich gewählt und hab’ die Korrespondenz bekommen. An 20–30 Kandidaten zur Aufnahme sind vorgeschlagen. Wir werden bald wieder stärker sein. Dem Mosi hab’ ich, ganz unter uns, einen höllischen Streich gespielt. Er hatte richtig ein gottvoll verbessertes Glaubensbekenntnis durchgesetzt. Vorigen Freitag nun nahm ich dies im Kreise vor, Frage für Frage, und war noch nicht an der Hälfte angekommen, als die Leute sich für satisfaits29 erklärten. Ohne alle Opposition ließ ich mich beauftragen, ein neues zu entwerfen, was nun nächsten Freitag im Kreis wird diskutiert und hinter dem Rücken der Gemeinden nach London geschickt werden. Das darf aber natürlich kein Teufel merken, sonst werden wir alle abgesetzt, und es gibt einen Mordsskandal.
Der Born wird bei Euch in Brüssel eintreffen, er geht nach London. Vielleicht ist er schon vor diesem Briefe da. Er reist, verwegen genug, den Rhein herunter durch Preußen, wenn sie ihn nur nicht abfassen. Pauke ihn noch etwas ein, wenn er hinkommt, der Kerl ist von allen für unsre Sachen am zugänglichsten und wird auch in London gute Dienste leisten, wenn er noch etwas präpariert wird.
Ach, mein Gott, da hätt’ ich ja bald ganz die Drecklawine vergessen, die der große Heinzen von den Höhen der Alpen über mich losgelassen hat. Es ist ein wahres Glück, daß das in einer Nummer dicht hintereinander steht; kein Mensch arbeitet sich durch, ich selbst habe mehrmals pausieren müssen. Solch ein Rindvieh! Hab’ ich erst behauptet, er könnte nicht schreiben, so muß ich jetzt hinzufügen, daß er auch nicht lesen kann, und in den vier Spezies scheint er auch nicht fest zu sein. Der Esel sollte doch den Brief von F.O’Connor im letzten „Star“ an die radikalen Blätter lesen, der anfängt: you ruffians30 und schließt you ruffians, da kann er sehn, was er für ein elender Stümper im Schimpfen ist. Nun, Du wirst diesem gemeinen dummen Rüpel gehörig aufs Dach steigen. Es ist sehr gut, daß Du ganz kurz antworten wirst. Ich könnte auf so einen Angriff gar nicht antworten, das ginge absolut nicht – höchstens durch Ohrfeigen.
Dienstag.
Mein Artikel31 steht in der „Réforme“. Sonderbarerweise hat Flocon keine Silbe dran verändert, was mich sehr wundert.
Bei père Heine bin ich noch nicht gewesen. Du kannst leicht denken, daß ich mit all diesen Geschichten höllisch viel zu tun habe und furchtbar laufen und schreiben muß. – Nach Elberfeld hab’ ich geschrieben wegen der free-trade32-Schutzzoll-Geschichte und erwarte täglich Antwort. Schreib bald wieder. Grüß Deine Frau und Kinder.
Dein
Engels
Paris, [25.-]26.Okt. 1847
Lies doch ja den Artikel O’Connors im letzten „Star“ gegen die 6 radikalen Blätter, es ist ein Meisterstück genialer Schimpferei, oft besser als Cobbett und an Shakespeare grenzend.
Quelle mouche a donc piqué ce pauvre Moses qu’il ne cesse pas d’exposer dans le journal ses fantaisies sur les suites d’une révolution du prolétariat?33