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Engels an Marx
in Brüssel

Lieber Marx,

Das inliegende Broschürli wurde mir heut morgen von Junge überbracht; Ew[erbeck] habe es vor einigen Tagen zu ihnen gebracht. Ich sah mir das Ding an und erklärte, es sei von Mosi, und setzte dem J[unge] dies Punkt für Punkt auseinander. Heut abend sah ich Ew[erbeck], er gestand, es gebracht zu haben, und nachdem ich das Ding gehörig heruntergerissen, kommt heraus, daß er selbst, E[werbeck], der Verfasser des saubern Machwerks ist. Er hat es, wie er behauptet, in den ersten Monaten meiner Anwesenheit hier verfaßt. Der erste Rausch, in den ihn die von mir mitgeteilten Neuigkeiten versetzten, hat ihn dazu begeistert. So sind diese Jungens. Während er den Heß auslachte, der sich mit fremden Federn schmückt, die ihm nicht stehen, und den Straubingern verbot, dem Grün zuzustecken, was ich ihnen vortrug, damit er es nicht ebenso mache, setzt er sich hin und treibt es – in der besten Absicht von der Welt, wie immer – um kein Haar besser. Moses und Grün hätten die Sachen nicht mehr verhunzt als dieser volkstümliche Tripperdoktor. Ich hab’ ihn natürlich erst etwas verhöhnt und ihm schließlich verboten, je wieder solches Zeug zu laxieren. Aber das sitzt dem Volk in den Knochen. Die vorige Woche setz’ ich mich hin und schreibe, teils aus Unsinn, teils weil ich platterdings Geld haben muß, ein anonym herauszugebendes, von Zoten wimmelndes Danksagungsschreiben an die Lola Montez. Samstag les’ ich ihm einiges draus vor, und heut abend erzählt er mir mit gewöhnlicher Bonhomie, daß ihn dies zu einer ähnlichen Produktion inspiriert habe, die er bereits den nächsten Tag über denselben Gegenstand gemacht und dem Mäurer für seine Inkognito-Zeitschrift1 (sie erscheint wirklich ganz im geheimen und nur für die Redaktion unter Zensur von Madame Mäurer, die bereits ein Gedicht von Heine gestrichen) eingehändigt. Er teile mir dies jetzt schon mit, um seine Ehrlichkeit zu salvieren und um kein Plagiat zu begehen! Dies neue Meisterstück dieses erpichten und verpichten Schriftstellers wird natürlich reine Übersetzung meines Witzes in solenn-überschwenglichen Stilum sein. Dies letztere Probestück kurzen Gedärms ist zwar im übrigen Wurst, zeigt aber doch, wie dringend nötig es ist, daß entweder Dein Buch2 oder unsre Manuskripte3 so rasch wie möglich erscheinen. Die Kerle tragen sich alle mit dem Kummer, daß so famose Ideen dem Volk so lange verborgen bleiben, und wissen am Ende kein andres Mittel, sich diesen Stein vom Herzen zu wälzen, als daß sie selbst so viel davon ausscheißen, als sie passablement4 verdaut zu haben meinen. Laß den Bremer5 also nicht fahren. Wenn er nicht antwortet, schreib nochmals. Akzeptiere das möglichst Geringe, im Notfall. Diese Manuskripte verlieren mit jedem Monat, den sie auf Lager zubringen, 5–10 fr. pro Bogen an exchangeable value6. Noch ein paar Monate, la diète prussienne en discussion, la querelle bien entamée à Berlin7, und der Bauer und Stirner sind nicht mehr zu 10 fr. pro Bogen verkäuflich. Bei einer solchen Gelegenheitsschrift kommt man allmählich auf einen Punkt, wo hohes Honorar als Forderung des schriftstellerischen point d’honneur ganz beiseite gesetzt werden muß.

Ich war ca. 8 Tage bei dem B[ernays] in Sarcelles. Der macht auch Dummheiten. Schreibt in die „Berliner Zeitungs-Halle“ und freut sich wie ein Kind, daß seine soi-disant8 kommunistischen Expektorationen gegen die Bourgeois dort gedruckt werden. Natürlich läßt die Redaktion und Zensur stehen, was bloß gegen die Bourgeois, und streicht die wenigen Andeutungen, die auch ihnen unangenehm sein könnten. Schimpft über Jury, „bürgerliche Preßfreiheit“, Repräsentativsystem usw. Ich setze ihm auseinander, daß das buchstäblich pour le roi de Prusse9 und indirekt gegen unsre Partei arbeiten heißt – bekannte Aufwallung des warmen Herzens, Unmöglichkeit etwas auszurichten; ich erkläre, daß die „Zeitungs-Halle“ von der Regierung bezahlt wird, hartnäckiges Leugnen, Berufen auf Symptome, die für alle Welt, nur für die gefühlvolle Einwohnerschaft von Sarcelles nicht, gerade für meine Behauptung sprechen. Resultat: Die biedere Begeisterung, das warme Herz kann nicht gegen seine Überzeugung schreiben, kann keine Politik begreifen, die die Leute schont, die es bisher immer bis auf den Tod gehaßt hat. „Is nit mei Genre!“ ewige Ultima ratio. Ich habe x dieser aus Paris datierten Artikel gelesen; sie sind on ne peut plus10 im Interesse der Regierung und im Stil des wahren Sozialismus. Ich gebe den B[ernay]s ziemlich auf und mische mich nicht mehr in den hochherzig-widerlichen Familienjammer, in dem er den Heros des Dévouements, der unendlichen Hingebung spielt. Il faut avoir vu cela.11 Das riecht wie fünftausend ungelüftete Federbetten, vermehrt durch die – von der östreichisch-vegetabilischen Küche herrührenden – zahllosen Fürze, die dort verführt werden. Und wenn sich der Kerl noch zehnmal von der Bagage losrisse und nach Paris käme, er liefe zehnmal wieder zurück. Du kannst Dir denken, was ihm das alles für Moralitätsflausen in den Kopf setzt. Die Familie mode composé12, in der er lebt, macht ihn zum kompletten, engen Philister. Er kriegt mich auch nie wieder auf seine Boutique13 und wird auch sobald kein Verlangen nach mir gefühllosem Individuo tragen.

Die Konstitutionsbroschüre bekommst Du baldmöglichst. Ich werde sie auf einzelne Blätter schreiben, damit Du einlegen und weglassen kannst. Wenn Aussicht da ist, daß Vogler einiges zahlt, so frag ihn, ob er den Lola-Montez-Witz – circa ¹/₂–2 Bogen – nehmen will, brauchst aber nicht zu sagen, daß das Ding von mir herrührt. Antworte mir umgehend darüber, sonst versuch’ ich in Bellevue. Du wirst in „Débats“ oder „Constitutionnel“ gelesen haben, daß Schufterle Schläpfer in Herisau vom Großen Rat wegen württembergischer Klagen außerstand gesetzt ist, weiter revolutionäres Zeug zu drucken, er selbst hat es in Briefen hier bestätigt und sich alle Zusendungen verbeten. Also Grund mehr, an dem Bremer zu halten. Ist es gar nichts mit dem, so bleibt nur die „Verlagsbuchhandlung“ in Bellevue bei Konstanz. Au reste14, wenn das Unterbringen unsrer Manuskripte mit dem Unterbringen Deines Buches kollidiert, so foutiere15 in’s Teufels Namen die Manuskripte in eine Ecke, denn es ist viel wichtiger, daß Dein Buch erscheint. Wir beide beißen doch bei unsern Arbeiten darin nicht viel heraus.

Du hast vielleicht in der gestrigen (Montags) „Kölner Zeitung“ einen biedermännischen Artikel über Martin du Nords Skandalgeschichte gelesen. Dieser Artikel ist von B[ernay]s – er macht von Zeit zu Zeit die Börnsteinsche Korrespondenz.

Die hiesige Polizei ist jetzt sehr bösartig. Es scheint, sie wollen mit aller Gewalt eine Emeute oder eine massenhafte Konspiration gelegentlich der Hungersnot herausbeißen. Erst streuen sie allerlei Druckschriften aus und heften placats incendiaires16 an, und jetzt haben sie gar Brandstiftungsmaschinen gemacht und ausgestreut, die aber nicht angesteckt waren, damit der Epicier17 die ganze Größe der teuflischen Bosheit erkennen könne. Dazu haben sie die schöne Geschichte mit den communistes matérialistes angefangen, eine Masse Kerls verhaftet, von denen A den B, B den C, C den D kennt usw., und nun auf Grund dieser Bekanntschaft und einiger Zeugenbehauptungen die ganze Masse unter sich meist unbekannter Kerle in eine „Bande“ verwandelt. Der Prozeß dieser „Bande“ wird bald vorkommen, und wenn zu diesem neuen System die alte complicité morale18 hinzukommt, so kann man jedes beliebige Individuum mit der größten Leichtigkeit verurteilen. Cela sent son Hébert.19 Auf diese Art ist nichts leichter, als auch den père20 Cabet ohne weiteres zu verdonnern.

Komm doch, wenn es irgend möglich, im April einmal hierher. Bis zum 7.April zieh’ ich aus – ich weiß noch nicht, wohin – und habe um dieselbe Zeit auch einiges Geld. Wir könnten dann einige Zeit höchst fidel zusammen verkneipen. Da die Polizei jetzt allerdings eklig ist (außer dem Sachsen, von dem ich schrieb, war auch mein alter Gegner Eisermann geschaßt, beide sind hier geblieben, vergl. K.Grün in der „Kölner Zeitung“), so ist’s allerdings am besten, daß man den Rat des B[örn]st[ein] befolgt. Versuch beim französischen Gesandten, auf Deine Auswanderung einen Paß zu kriegen; wenn das nicht geht, dann wollen wir sehen, was hier auszurichten ist – es gibt wohl noch einen konservativen Deputierten, der sich durch die sechste Hand rühren läßt. Du mußt platterdings mal wieder aus dem ennuyanten Brüssel weg und nach Paris, und das Verlangen, etwas mit Dir zu kneipen, ist auch meinerseits sehr groß. Entweder mauvais sujet21 oder Schulmeister, das ist alles, was man hier sein kann; mauvais sujet unter liederlichen Stricken, und cela vous va fort mal quand vous n’avez pas d’argent22, oder Schulmeister von Ew[erbeck], B[ernay]s und Konsorten. Oder sich von den Chefs der französischen Radikalen weise Ratschläge geben lassen, die man nachher noch gegen die andern Esel verteidigen muß, damit sie nicht gar zu stolz in ihrer schwammigen Deutschheit sich brüsten. Hätt’ ich 5000 fr. Renten, ich tät’ nichts als arbeiten und mich mit den Weibern amüsieren, bis ich kaputt wär’. Wenn die Französinnen nicht wären, wär’ das Leben überhaupt nicht der Mühe wert. Mais tant qu’il y a des grisettes, va! Cela n’empêche pas23, daß man nicht gern einmal über einen ordentlichen Gegenstand spricht oder das Leben etwas mit Raffinement genießt, und beides ist mit der ganzen Bande meiner Bekannten nicht möglich. Du mußt herkommen.

Hast Du L.Blancs „Revolution“ gesehen? Ein tolles Gemisch richtiger Ahnungen und grenzenloser Verrücktheiten. Ich hab’ erst die Hälfte des I. Bandes in Sarcelles gelesen. Ça fait un drôle d’effet.24 Kaum hat er einen durch eine nette Anschauung überrascht, so poltert er einem gleich den furchtbarsten Wahnsinn über den Kopf. Aber der L.Bl[anc] hat eine ganz gute Nase und ist auf gar keiner üblen Spur, trotz allem Wahnsinn. Er bringt’s aber doch nicht weiter, als er jetzt schon ist, „ein Zauber bleit ihn nieder“, die Ideologie.

Kennst Du Achille de Vaulabelle „Chute de l’Empire, Histoire des deux Restaurations“? Voriges Jahr erschienen, ein Republikaner vom „National“ und in der Art der Geschichtschreibung der alten Schule – vor Thierry, Mignet usw. – angehörend. Grenzenloser Mangel an Einsicht in die ordinärsten Verhältnisse – selbst der Capefigue in seinen „Cent Jours“ ist darin unendlich besser –, aber interessant wegen der bourbonischen und alliierten Schmutzereien, die er alle zusammenzählt, und wegen ziemlich genauer Darstellung und Kritik der facta, solange seine nationalen und politischen Interessen ihn nicht stören. Im ganzen jedoch langweilig geschrieben, eben wegen Mangel alles Überblicks. Der „National“ ist ein schlechter Historiker, und Vaul[abelle] soll Marrasts amicus25 sein.

Moses ist ganz verschollen. Bei den „Ouvriers“26, mit denen ich nicht „umgehe“, verspricht er, Vorlesungen zu halten, gibt sich für Grüns Gegner und meinen Intimus aus! Gott weiß und Moses desgleichen, daß ich ihn bei unsrer zweiten und letzten Entrevue am Passage Vivienne mit offenem Maule stehenließ, um mit dem Maler K[örner] zwei Mädel abseiten zu führen, die dieser aufgegegabelt! Seitdem ist er mir nur noch am mardi gras27 begegnet, wo er sein lebensmüdes Ich durch den fürchterlichsten Regen und die ödeste Langeweile nach der Börse zu schleifte. Wir erkannten uns nicht einmal.

Den Brief an Bak[unin] werde ich besorgen, sobald ich seiner Adresse sicher bin – bis jetzt ist es noch chanceux28.

Apropos: schreibe doch an den Ew[erbeck] wegen des Broschürlis und verhöhne ihn etwas, er hält demütigst ambas posaderas29 dar und wünscht, Hiebe drauf zu besehen – Du kennst das.

Also schreib bald und besorge das, daß Du herkommst.

Dein
F.E.

[Paris] Dienstag, 9.März [1847]