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Engels an Marx
in Brüssel

[Paris, Dezember 1846]

Lieber Marx,

Mein neulicher kurzer Brief an Gigot hatte folgende Gründe. Bei der Untersuchung über die Unruhen im Faubourg St.Antoine im Oktober wurden auch eine Masse verhafteter Deutscher inquiriert, der ganze zweite Schub bestand aus Straubingern. Einige dieser jetzt über die Grenze spedierten Schafsköpfe müssen großen Unsinn über den E[werbec]k und über mich ausgesagt haben; in fact1, es war bei der Lumpigkeit der Straubinger gar nicht anders zu erwarten, als daß sie Heidenangst bekamen und verrieten, was sie wußten und mehr. Dazu kam, daß die Straubinger meiner Bekanntschaft, so geheimnisvoll sie mit ihren eigenen Lumpereien sind, über meine Zusammenkünfte mit ihnen schändlich Lärm geschlagen hatten. So sind diese Jungens. An der Barriere war vom edlen Eiserm[ann], wie ich Euch wohl schon schrieb, ein kompletter avis aux mouchards2 gegen mich losgelassen worden. J[un]g[e] beging auch einige grobe Unklugheiten, der Kerl hat etwas die Großmannsucht, er will auf Kosten der französischen Regierung nach Calais und London spediert werden. Genug, Monsieur Delessert schickte mir und E[werbeck], dem längst verdächtigen und unter einem bloß suspendierten Ausweisungsbefehl stehenden, Mouchards über Mouchards auf den Hals, denen es gelang, uns bis an den marchand de vins3zu verfolgen, wo wir zuweilen mit den Faubourger Bären zusammenkamen. Damit war bewiesen, daß wir die Chefs einer gefährlichen Clique seien, und bald darauf erfuhr ich, daß Monsieur Delessert bei Monsieur Tanneguy Duchâtel um einen Ausweisungsbefehl gegen mich und E[werbeck] eingekommen sei und daß in dieser Sache ein famoser Aktenstoß auf der Präfektur liege, dicht neben dem Lokal, wo die medizinische Untersuchung der Huren stattfindet. Natürlich hatte ich keine Lust, mich wegen Straubingers schassen zu lassen. Ich hatte dergl. Geschichten schon kommen sehen, als ich merkte, mit welcher Nonchalance die Straubinger in der ganzen Welt herumposaunten und überall diskutierten, wer recht habe, Grün oder ich. Ich war den Dreck leid, zu bessern waren die Jungens doch nicht, nicht einmal geradeheraus kamen sie in der Diskussion, gerade wie die Londoner, und meinen Hauptzweck, den Triumph über Grün, hatte ich erreicht. Die Gelegenheit war sehr schön, die Straubinger mit Ehren loszuwerden, so ärgerlich die Geschichte sonst auch war. Ich ließ ihnen also erklären, jetzt könne ich nicht mehr bei ihnen schulmeistern, im übrigen sollten sie sich in acht nehmen. E[werbeck] entschloß sich gleich zu einer Reise und scheint auch gleich abgegangen zu sein, wenigstens hab’ ich ihn nicht mehr gesehen. Wohin er ist, weiß ich auch nicht. Nach dem Kleinen (B[ernays]) hatte sich die Polizei auch umgesehen, aber der war wegen allerlei Abenteuer (es ist merkwürdig, was der für tolle Affären hat, sowie er den Fuß in die zivilisierte Welt setzt) wieder in sein altes Lokal abgezogen. Wann er wieder nach Paris kommt, weiß ich nicht, keinesfalls aber zieht er in das Quartier, wohin er ziehen wollte, die Dir deshalb gegebne Adresse taugt also nichts. Sein Manuskript hat er glücklich erhalten. Inzwischen bin ich der edlen Polizei dankbar dafür, daß sie mich aus der Straubingerey gerissen und mir die Genüsse dieses Lebens in Erinnerung gebracht hat. Wenn die verdächtigen Individuen, die mich seit 14 Tagen verfolgen, wirklich Mouchards sind, wie ich es von einigen sicher weiß, so hat die Präfektur in der letzten Zeit viel Entreebillets für die bals4 Montesquieu, Valentino, Prado pp. ausgegeben. Ich verdanke Herrn Delessert ganz hübsche Grisettenbekanntschaften und viel Pläsier, car j’ai voulu profiter des journées et des nuits qui pouvaient être mes dernières à Paris. Enfin5, da man mich sonst bis jetzt in Ruh gelassen hat, scheint alles sich gelegt zu haben. Adressiert aber in Zukunft alle Briefe an Monsieur A.F.Körner, artiste-peintre6, 29, rue neuve Bréda, Paris. Drinnen ein Kuvert mit meinen Initialen so, daß es nicht durchscheint.

Daß ich unter diesen Umständen den W.W[eitling] hier ganz laufen lassen mußte, siehst Du ein. Ich habe keinen von den Leuten gesehen und weiß gar nicht, ob er hier gewesen oder noch hier ist. Es ist auch ganz gleich. Die Weitlingianer kenne ich gar nicht, und bei denen, die ich kenne, würde er schön ankommen; sie haben eben wegen der ewigen Keilereien mit seinen Schneiderfreunden eine furchtbare Malice auf ihn.

Die Geschichte mit den Londonern ist ärgerlich eben wegen Harney, und weil sie von allen Straubingern die einzigen waren, mit denen man geradeheraus, ohne arrière-pensée7, einen Anknüpfungsversuch machen konnte. Wollen die Kerls aber nicht, eh bien8, mögen sie laufen! Man ist ohnehin nie sicher, daß sie nicht wieder so miserable Adressen wie an Herrn Ronge oder die Schleswig-Holsteiner erlassen. Dazu die ewige Eifersucht gegen uns als „Gelehrte“. Übrigens haben wir zwei Methoden, uns ihrer, wenn sie rebellieren, zu entledigen: entweder offen zu brechen oder bloß die Korrespondenz einschlafen zu lassen. Ich wäre für letzteres, wenn ihr letzter Brief eine Antwort zuläßt, die, ohne ihnen zu derb vor den Kopf zu stoßen, lau genug ist, um ihnen die Lust zum schnellen Antworten zu nehmen. Dann lange mit der Antwort gewartet – und bei ihrer Korrespondenz-Schlafmützigkeit ist mit 2–3 Briefen alles im Herrn entschlafen. Nämlich, wie und wozu sollen wir die Kerls verhöhnen? Ein Organ haben wir nicht, und wenn wir’s hätten, so sind sie keine Schriftsteller, sondern erlassen bloß von Zeit zu Zeit Proclame, die kein Mensch zu sehen bekommt und wonach kein Hahn kräht. Verhöhnen wir die Straubinger überhaupt, so können wir ihre schönen Dokumente immer mitnehmen; ist die Korrespondenz einmal eingeschlafen, so geht das ganz gut; der Bruch kommt allmählich und macht keinen Eklat. Wir machen in der Zwischenzeit mit Harney das Nötige ruhig ab, sorgen dafür, daß sie uns den letzten Brief schuldig bleiben (was sie schon tun, wenn man sie einmal 6–10 Wochen auf Antwort hat warten lassen) und lassen sie nachher schreien. Ein direkter Bruch mit den Kerls bringt uns keinen Gewinn und keine gloire ein. Theoretische Differenzen sind mit den Kerls kaum möglich, da sie keine Theorie haben und, sauf9 ihre stillen etwaigen Bedenken, von uns belehrt sein wollen: formulieren können sie ihre Bedenken auch nicht, daher ist keine Diskussion mit ihnen möglich, außer etwa mündlich. Bei einem offenen Bruch würden sie diesen allgemeinen lernbegierigen kommunistischen Dusel gegen uns geltend machen: wir haben von den gelehrten Herren gerne lernen wollen, wenn sie was Ordentliches hatten usw. Praktische Parteidifferenzen würden sich – da ihrer im Komitee wenige, unser auch nur wenige sind, bald auf bloße Persönlichkeiten und Krakeelereien reduzieren oder so aussehen. Gegen Literaten können wir als Partei auftreten, gegen Straubinger nicht. Schließlich sind die Leute immer ein paar 100 Mann stark, durch H[arney] bei den Engländern akkreditiert, durch den „Rheinischen Beobachter“ pp. in Deutschland als wütende und keineswegs ohnmächtige kommunistische Gesellschaft ausposaunt; dazu immer noch die erträglichsten der Straubinger und gewiß das beste, was sich, solange in Deutschland keine Veränderung, aus Straubingern machen läßt. Wir haben eben aus dieser Geschichte gelernt, daß mit den Straubingern, solange nicht in Deutschland eine ordentliche Bewegung existiert, nichts anzufangen ist, selbst mit den besten nicht. Es ist immer besser, sie nun ruhig laufen zu lassen, sie nur in Masse, en bloc anzugreifen, als einen Streit hervorzurufen, bei dem wir uns nur schmutzige Stiefel holen können. Uns gegenüber erklären sich diese Jungens für „das Volk“, „die Proletarier“, und wir können nur an ein kommunistisches Proletariat appellieren, das sich in Deutschland erst bilden soll. Dazu kommt nächstens die preußische Konstitution, und vielleicht wären die Kerls dann zu Unterschriften pp. zu brauchen. – Übrigens werd’ ich wahrscheinlich mit meiner Weisheit zu spät kommen und Ihr schon einen Beschluß in dieser Sache gefaßt und ausgeführt haben. Ich hätte übrigens eher geschrieben, aber ich wartete erst den Verlauf der Polizeigeschichte ab.

Eben erhalte ich Antwort von dem Schweizer Verleger10. Der Brief, der inliegend erfolgt, beweist mir erst recht, daß der Kerl ein Schuft. So freundschaftlich akzeptiert kein ordinärer Verleger, nachdem er x Wochen hat warten lassen. Wir können jetzt sehen, was der Bremer11 schreibt, und dann auch noch immer tun, was wir wollen. Da ist auch noch der Kerl in Bellevue bei Konstanz, vielleicht ist mit dem was aufzustellen; wenn der Bremer nicht will, kann ich’s bei dem nochmal versuchen. Inzwischen will ich mich nochmal nach der Herisau erkundigen – hätten wir nur einen ordentlichen Kerl in der Schweiz, dem man das Manuskript12 mit Ordre, es nur gegen bar Geld auszuliefern, schicken könnte. Aber da ist nur der durstige Kindervater Püttm[ann]!

Als unschuldiges Nebenvergnügen hab’ ich in der letzten schlechten Zeit außer den Mädels noch einigen Umgang mit Dänemark und dem übrigen Norden getrieben. Das ist Dir eine Sauerei. Lieber der kleinste Deutsche als der größte Däne! So ein Klimax von Moralitäts-, Zunft- und Ständemisere existiert nirgends mehr. Der Däne hält Deutschland für ein Land, wohin man geht, um „sich Mätressen zu halten und sein Vermögen mit ihnen durchzubringen“ (imедens at han reiste i Tydskland; havde han en Maitresse, som fortærede ham den bedste del af hans Midler13, heißt es in einem dänischen Schulbuch!) – er nennt den Deutschen einen tydsk14 Windbeutel und hält sich für den echten Repräsentanten des germanischen Wesens – der Schwede verachtet wieder den Dänen als „verdeutscht“ und ausgeartet, schwatzhaft und verweichlicht – der Norweger sieht auf den verfranzösierten Schweden und seinen Adel herab und freut sich, daß bei ihm in Norge noch grade dieselbe stupide Bauernwirtschaft herrscht wie zur Zeit des edlen Kanut, und dafür wird er wieder vom Isländer en canaille15 behandelt, der noch ganz dieselbe Sprache spricht wie die schmiedrigen Wikinger von Anno 900, Tran säuft, in einer Erdhütte wohnt und in jeder Atmosphäre kaputtgeht, die nicht nach faulen Fischen riecht. Ich bin mehrere Male in Versuchung gewesen, stolz darauf zu werden, daß ich wenigstens kein Däne oder gar Isländer, sondern nur ein Deutscher bin. Der Redakteur des avanciertesten schwedischen Blatts, des „Aftonblad“, ist hier zweimal in Paris gewesen, um über die Organisation der Arbeit ins klare zu kommen, hat sich jahrelang den „Bon Sens“ und die „Démocratie pacifique“ gehalten, mit Louis Blanc und Considérant feierlich unterhalten, aber er hat’s nicht kapieren können und ist so klug zurückgekommen, wie er wegging. Jetzt paukt er nach wie vor für die freie Konkurrenz, oder, wie das auf schwedisch heißt, Nahrungsfreiheit oder auch själfförsörjningsfrihet, Selbstversorgungsfreiheit (das ist doch noch schöner als Gewerbefreiheit). Natürlich, die sitzen noch im Zunftdreck bis über die Ohren, und auf den Reichstagen sind grade die Bürger die wütendsten Konservativen. Im ganzen Land nur 2 ordentliche Städte, à 80 000 und 40 000 Einwohner resp., die dritte, Norrköping, hat nur 12 000, alles übrige so 1000, 2000, 3000. Alle Poststationen wohnt ein Mensch. In Dänemark ist’s kaum besser, da haben sie nur eine einzige Stadt, wo die gottvollsten Zunftprozesse vorfallen, toller als in Basel oder Bremen, und wo man nicht ohne Einlaßkarte auf die Promenade gehen darf. Das einzige, wozu diese Länder gut sind, ist, daß man an ihnen sehen kann, was die Deutschen tun würden, wenn sie Preßfreiheit hätten, nämlich wie die Dänen wirklich getan haben, sogleich eine „Gesellschaft für den wahren Gebrauch der freien Presse“ stiften und christlich-wohlmeinende Kalender drucken lassen. Das schwedische „Aftonblad“ ist so zahm wie die „Kölner Zeitung“, hält sich aber für „demokratisch im wahren Sinne des Worts“. Dafür haben die Schweden die Romane von Fröken16 Bremer und die Dänen Herrn Etatsraad17 Oehlenschläger, Commandör af Dannebrogordenen18. Auch gibt es schrecklich viel Hegelianer dort, und die Sprache, in der jedes dritte Wort aus dem Deutschen gestohlen ist, paßt famos für die Spekulation.

Ein Bericht ist seit lange angefangen und folgt dieser Tage. Schreib mir, ob Ihr Proudhons Buch habt.

Wenn Du von dem Proudhonschen Buch, welches schlecht ist, für Dein Buch19 profitieren willst, so will ich Dir meine sehr ausführlichen Exzerpte schicken. Es ist nicht die 15 Franken wert, die es kostet.